Ich stand noch hinter dem Tresen, als die Tür sich schloss.Der Moment war unspektakulär, und doch blieb er hängen. Der Gast, der soeben gegangen war, hatte über die letzten Wochen einen festen Eindruck hinterlassen – keinen guten. Er war nie laut, nie offen feindselig, doch stets genau einen Schritt zu weit weg von dem, was man noch als akzeptabel bezeichnen konnte. Seine Worte waren scharf, ohne erhoben zu werden, seine Art unangenehm, ohne je eindeutig übergriffig zu sein. Gerade so innerhalb der Grenzen – und genau deshalb schwer zu greifen. Und dennoch hatte ich ihn nicht des Hauses verwiesen. Auch heute nicht. Vielleicht, weil ein Haus wie dieses mehr aushalten muss als angenehme Gäste. Vielleicht aber auch, weil ich neugierig war. Denn bevor er ging, äußerte er einen Wunsch, der sich nicht so einfach abtun ließ. Er wollte ein Gift – nicht zum morden, nicht aus Hinterlistigkeit, sondern mit einer beinahe sachlichen Selbstverständlichkeit, als bestelle er ein besonders ausgefallenes Getränk. Dabei hatte er, fast nebenbei, hinzugefügt, dass er eine Vorliebe für Spinnengift entwickelt habe und dieses sogar trinken würde. Ich erinnere mich, dass ich ihn einen Moment lang einfach nur angesehen habe. Nicht, weil mich der Wunsch schockiert hätte, sondern weil ich kurz überlegte, ob er verstand, was er da eigentlich verlangte. Ich nehme an, er tat es nicht. Er wusste vermutlich nicht, dass ich nicht nur Wirtin bin, sondern früher, in einem anderen Leben, andere Dinge hergestellt habe als Most. Und er wusste ganz sicher nicht, dass Spinnentoxine in den seltensten Fällen für den Verzehr geeignet sind. Die meisten sind entweder zu schwach, zu instabil oder so spezifisch, dass sie im menschlichen Körper kaum mehr als ein leichtes Kribbeln hinterlassen – oder deutlich mehr, je nachdem, wie schlecht man arbeitet. Doch ich wäre nicht die Wirtin dieser Taverne geworden, wenn ich Wünsche meiner Gäste einfach so abtäte. Und auch wenn dieser spezielle Dunkelelf ganz klar nicht zu meinen Lieblingsgästen zu zählen war, so sah ich es trotzdem fast als meine Pflicht an, diesem Wunsch wenigstens ein paar weitere Gedanken zu schenken. Also beschloss ich, es zu versuchen. Und – was ich mir zu diesem Zeitpunkt noch nicht eingestehen wollte – ich war neugierig, ob ich es besser konnte.
───── ✦ ───── ⋆⋅☆⋅⋆ ───── ✦ ─────
Der Weg führte mich in einen Landstrich,den ich lange gemieden hatte. Früher war er nützlich gewesen, ein Ort für seltene Ressourcen und kurze Zwischenstopps. Inzwischen jedoch war er von großen Echsen und Orks bevölkert, und die Atmosphäre hatte sich spürbar verändert. Es war kein Ort mehr, an dem man sich länger aufhielt, als unbedingt nötig – und genau deshalb blieb ich. Die Hinweise waren vage, aber konsistent: ungewöhnliche Spinnen, ungewöhnliches Verhalten der örtlichen Tiere. Meine bisherigen Versuche, den Wunsch meines Gastes zu erfüllen, waren allesamt gescheitert. Entweder ließ sich das Gift zwar leicht gewinnen, war jedoch selbst in hoher Konzentration kaum wirksam, oder die Mengen waren so gering, dass sie praktisch unbrauchbar blieben. Einmal hatte ich es sogar geschafft, eine Probe in ein Getränk einzuarbeiten, die zumindest theoretisch wirksam noch sein sollte. Der Zauber zur Giftermittlung bescheinigte mir anschließend jedoch ein vollkommen sicheres Getränk. Ich habe selten so beleidigt vor einem Glas gestanden. Und das obwohl ich mich deutlich an meine ersten Versuche mit Most erinnerte! Das war nicht, was gesucht war – und inzwischen auch nicht mehr das, was ich liefern wollte.
───── ✦ ───── ⋆⋅☆⋅⋆ ───── ✦ ─────
Der Tempel,den ich schließlich fand, war kein Ort, den man zufällig fand. Zu weit ab von allen Wegen, unzugänglich in den Fels gegraben. Der Weg war unscheinbar und gefährlich am Feldhang gelegen. Zu still, zu leer, und doch voller Spuren: Knochen, leere Hüllen, Kokons, deren Größe keine angenehmen Rückschlüsse zuließ. Die dort eingezogenen Spinnen waren groß, aggressiv und eindeutig nicht darauf ausgelegt, nur Insekten zu jagen. Alles an ihnen sprach dafür, dass sie auch größere Beute ohne weiteres überwältigen konnten. Und mit größer waren keine kleinen Vögel gemeint, eher Hirsche. Entsprechend vorsichtig musste ich vorgehen. Arachnida reagierten anders – das war keine theoretische Annahme, sondern eine praktische Erfahrung. Ein herkömmlicher Lähmungszauber greift nicht sauber, Bindungen verlaufen instabil, und wer hier mit roher Kraft arbeitete, erreichte vor allem eines: Aufmerksamkeit. Also passte ich meine Magie an. Feiner, gezielter, weniger Druck, mehr Struktur. Es ist erstaunlich, wie viel sich verändern lässt, wenn man aufhört, Magie als fertiges Werkzeug zu betrachten und beginnt, sie als Sprache zu verstehen. So arbeitete ich mich vor, langsam und ohne unnötige Aufmerksamkeit. Im Zentrum des Tempels fand ich schließlich die Quelle. Die anderen Spinnen wirkten daneben klein – was eine beunruhigende Erkenntnis war, wenn man bedenkt, dass sie bereits groß genug waren um Menschen gefährlich zu werden. Die Matriarchin jedoch hätte ohne weiteres einen Drake als Beute ansehen können, und der Gedanke, sich ihr direkt entgegenzustellen, ließ meine Nackenhaare aufstellen. Das war keine Option. Ich würde einen anderen Weg finden müssen um etwas vom Gift dieser Kreatur gewinnen zu können. Zum Glück war ich immer schon kreativ und hatte einige Ideen, die mein Ziel greifbarer machen würden, ohne ein einziges dieser Wesen zu töten.
───── ✦ ───── ⋆⋅☆⋅⋆ ───── ✦ ─────
Als ich in die Taverne zurückkehrte,war ich alles andere als vorzeigbar. Spinnweben hafteten an meiner Kleidung, Staub hatte sich in jede Falte gesetzt, und ich bin sicher, dass ich eher wie ein misslungenes Experiment wirkte als wie eine Wirtin. Ich stellte die Phiole auf den Tresen und betrachtete sie einen Moment lang. Ihr Inhalt war ruhig, unauffällig und in jeder Hinsicht gefährlich. Ich habe in meinen Jahren viele Dinge hergestellt, doch es ist etwas anderes, ein Gift zu besitzen, das derart tödlich ist und ohne Frage mehr als nur ein Kribbeln auslösen würde. Und das bereits bei der kleinsten Dosis. Die Frage war nun nicht mehr, ob ich es verwenden konnte, sondern wie. Ale schied aus – zu schwer, zu dominant und ohnehin nie seine Wahl gewesen. Starker Alkohol war ebenfalls ungeeignet, da er die Wirkung verändern oder abschwächen konnte. Der Gast hatte deutlich gemacht, dass ihm nicht der Geschmack wichtig war, sondern das Gift selbst. Also brauchte ich ein Trägermedium, das nicht stört, nicht überdeckt und nicht eingreift. Mein Blick fiel auf ein Fass: einfacher Most, neutral, unaufdringlich und – was ich inzwischen zu schätzen gelernt habe – erstaunlich anpassungsfähig. Ich zog eine kleine Probe, stellte sie neben die Phiole und begann zu arbeiten. Nicht hastig und nicht experimentell, sondern präzise: Tropfen für Tropfen, mit Beobachtung, Reaktion und Anpassung. Es dauerte länger, als ich erwartet hatte. Doch am Ende stand eine Flasche vor mir, unscheinbar, hell und mit einer Optik, die nichts verriet. Ich hob sie leicht an, betrachtete die Flüssigkeit im Licht und musste unwillkürlich lächeln. Es war kein besonders schönes Getränk, aber ein sehr ehrliches. Und die Beigabe war äußerst stabil gelungen. Und war gespannt, ob mein Gast den edlen Tropfen und die eingeflossene Arbeit zu würdigen wüsste..
Beiträge in diesem Thread
|