Online: 3

Rhûns Licht für einen Gargyl (Ausbildung Yllaria)

E'lessar Telperien

E’lessar trotzte einem beißenden Wind. Nicht dem sanften Atem des Waldes, kein murmelnder Hauch zwischen Blättern und Farnen. Er fuhr über die gezackten Felsrücken am Rand des Yewwaldes, riss an den dunklen Nadeln der knorrigen Bäume und trieb lose Schleier aus Nebel in wilden Mustern über die Szene, an der er das Ritual abhalten würde.

Der Eldanesh stand allein auf einer verborgenen Kuppe, die weder Pfad noch Wildwechsel kannte. Unterhalb seiner nackten Füße fiel der Berg in schroffen Stufen zum Wald hinab, wo die Kronen der Bäume wie ein schwarzes Meer im letzten Dunkel vor der Dämmerung lagen. Über ihm war der Himmel noch tiefblau, nur eine Ahnung von Rhûns Licht verriet den nahenden Morgen.

Es war ein Ort zwischen den Dingen. Nicht mehr ganz Wald, noch nicht ganz Gebirge. Nicht mehr Nacht, noch nicht Tag. Ein Rand, eine Schwelle. Darum hatte E’lessar ihn gewählt.

Vor ihm lag ein Kreis aus mehr als zwei Dutzend flachen Steinen, die er in den aus dem tiefen Wald ausgewählt und über Stunden mit bedächtiger Hand gesetzt hatte. Eine sachte, aber unnachgiebige Magie hatte in jeden der Steine Zeichen in geschwungenem Isdira getrieben. Fast unsichtbare, feine Furchen, in denen sich Tau gesammelt hatte.

Drei Schalen aus poliertem Wurzelholz, gefüllt mit Wasser aus der Quelle am mandra-elym, Sand aus der Wüste der Orklande und grauer Asche, deren Herkunft er seiner Schülerin nicht offenbaren würde.

Und zwischen ihnen, noch leer, der Platz für das Licht.

E’lessar hob die Hand, doch er sprach kein Wort. Zeit war kein Faden, den man beliebig kürzte.
Sie war eher der Abstand zwischen den Knoten. Der Rhythmus, in dem Funken zu Sternen wurden, Sterne zu Fäden, Fäden zu Mustern, und Muster zu Wirklichkeit.

Wer an dem Muster zog, zog nicht an einem einzelnen Strang. Er versetzte das ganze Geflecht in Schwingung. Mit einem halb erleichterten, halb sorgenvollen Seufzen schloss er die Augen.

Manafunken glommen in der kalten Luft. Winzig, unstet, zahllos. Im Tau der Steinritzen sammelten sie sich dichter. Tief unter ihm, dort wo die alten Yewbäume standen fühlte er nach der Verbindung zu den Manakernen der Bäume: träge und gleißend, keine Seelen und doch Heimat der Magie der Seelen. Alt genug, um den Wechsel zahlloser Morgen gesehen zu haben.

E’lessar hatte lange darüber nachgedacht, ob es Vermessenheit war, einem Wesen den Sonnenaufgang schenken zu wollen, dem eben dieses Licht zur Gefahr wurde. Hatte in der Nacht in Britain mit Ancanagar gesprochen – auch wenn sie seine Absichten wohl nicht verstanden hatte, war es doch dieser Abend, der seine Entscheidungen gefestigt hatte. Ein einfacher Schleier hätte genügt, um ihn zu schützen. Ein Bann gegen Versteinerung vielleicht, grob und kurzlebig. Doch das wäre nicht die Lehre gewesen, die Yllaria lernen musste.

Sie sollte nicht lernen, stärker zu sein als die Wirklichkeit. Sie sollte lernen, das Mana so präzise in das Geflecht zu legen, dass die Welt ihr bereitwillig Platz machte – und sei es nur für einen Atemzug.

E’lessar kniete sich an den Rand des Kreises und berührte mit zwei Fingern den Tau in der ersten Furche. Das Mana formte Fäden, dann Knoten. Und er wartete ab. Unvermittelt blähte sich die Iphaldi auf, ohne dass der Wind sich geändert hätte. Zerrte an der schmalen Statur des Lichtelfen. Und ebenso plötzlich war die Veränderung vorüber. Die Knoten verbanden den Kreis zum Schatten eines Zaubers, bereit einen Effekt aufzunehmen.

Er griff nach der Schale mit Sand und streute eine dünne Linie quer durch den Kreis. Nicht als Grenze, sondern als Maß. Der Sand fiel ungleichmäßig, tanzte im Wind, wollte verwehen. E’lessar ließ ihn. Erst im letzten Augenblick hob er die Hand, und die Körner sanken, als wären sie schwerer geworden, in eine sanfte Kurve.

Wie gedankenverloren drehte er die drei Schalen nacheinander herum, ließ die Iphaldi in den Inhalt jeder Schale hineinfühlen. Die Berührung des Wassers war kalt, schneidernd. Der Sand aus der Wüste trug noch immer das Feuer der Sonne in sich, die Körner vom stetigen Wind zu winzigen Kristallen geschliffen.

Die Asche.. Die Iphaldi hielt inne, tastete nach dem Rand wie ein vorsichtiges Wildtier. Doch er brauchte die Berührung nicht, um die Vergänglichkeit zu spüren.

Das Ritual durfte weder Be‘ryll verändern, noch den Sonnenaufgang verleugnen. Die Veränderung seines Zaubers lag im Übergang: Nacht zu Tag, Verborgenes zu Sichtbarem, Ruhe zu Erwachen.

Der erste Sonnenstrahl traf ihn, und der Lichtelf blinzelte für einen Moment. Nun war die Zeit gekommen. Ein Manastern flackerte im Tau. Dann ein zweiter. Dann verbanden sie sich.

Für einen Augenblick lag Stille über dem Berg.

Dann traf der erste Strahl der Sonne den Rand des Kreises. Er blieb nicht stehen. Er wurde nicht gebannt. Er breitete sich durch den Kreis aus wie goldener Honig in klarem Wasser. Der Sonnenaufgang bahnte sich seinen Weg durch die unzählbaren Tautropfen, die der Zauber gesammelt hatte. Jeder hielt in sich einen winzigen Morgen. Der Kreis stahl dem Tag nichts. Er faltete nur den ersten Herzschlag des Sonnenaufgangs auseinander, dehnte ihn so behutsam, dass zwischen Ursache und Wirkung ein Raum entstand.

Wie dieser Raum nun Be’ryll nutzen würde, das war eine Frage, die sich Yllaria stellen müsste. Er hatte alles vorbereitet, um die Zeit nicht in Aufruhr zu versetzen. Aber das Muster, um Kreis und Gargyl zu verbinden, das sollte ihre Seele erkennen.

Unten im Wald begann ein Vogel zu singen.

E’lessar wandte den Blick nach Osten. Die Sonne hob sich weiter, unaufhaltsam, gleichgültig und wunderschön.

Bald würde Yllaria verstehen müssen, dass Mitgefühl allein keine Magie war, und Macht keine Antwort auf einen verletzten Schmetterling.

Beiträge in diesem Thread