Die Krone des letzten Elfenkönigs [Prolog]
Seele des Waldes
"Der Zauberwald" So nannten viele Menschen den Wald, der sich über Meilen über den Nordwesten der Schattenwelt erstreckte. Der Name war so sehr auch Teil ihrer Legenden, dass er fast überall dieselben Bilder beschwor: Lichtdurchfluteter, moosiger Waldboden, verborgene Haine voller murmelnder Quellen, spielende Singvögel, leuchtend orange Füchse, die durch Himbeerbehangenes Unterholz flitzen. Sicher gab es diese Orte im Yew - vielleicht waren diese Bilder sogar etwas, dass die Elfen sorgsam für die jungen Rassen erschaffen hatten. Yew-Stadt, die Stätte der Stille, das Kloster der Mondpaladine und die Lichtung der Wachenden - all diese Orte standen auch Nichtelfen offen. Doch der Wald erstreckte sich von der Stätte der Stille mehrere Tagesreisen in jede Richtung, und viele Orte hatte seit Äonen kein Geist berührt. Hier waren die Bäume von erdrückenden Flechten überwuchert, kaum ein Luftzug bewegte die dichtgedrängten Baumkronen. An anderen Orten waren tückische Bäche tief in den Waldboden eingegraben, fast unsichtbar unter dichtem Unterholz war jeder Schritt ein Wagnis. An einem dieser Orte, tief im Wurzelwerk einer kerzengeraden Kiefer, lebte ein Dachs. Er war kein besonderer Dachs. Sein Fell trug die dunklen und hellen Streifen, wie sie Dachse seit jeher getragen hatten, und seine Schnauze war feucht von der Erde, in der er nach Käfern, Wurzeln und den weichen Larven grub, die zwischen morschem Holz und pilzbesetzten Steinen verborgen lagen. Wenn irgendwo fern ein Horn erklang, so hielt er es für das Rufen eines Vogels. Wenn über ihm in großer Höhe Stimmen sangen, dünn und silbern wie Frost auf Wasser, so nahm er sie nicht anders wahr als das Pfeifen des Windes in einer hohlen Buche. Von Menschen wusste er nichts. Von Elfen noch weniger. Die breiten Pfade, auf denen Händler, Pilger oder bewaffnete Späher hätten gehen können, lagen weit entfernt, jenseits von Sümpfen, Brombeerhängen und einer Senke, in der das Wasser schwarz zwischen den Wurzeln stand. Kein Stiefel hatte je den Eingang seines Baus niedergetreten, keine Kinderhand nach ihm gegriffen, kein Elf hatte sich über die Spuren seiner Krallen im feuchten Lehm gebeugt. Für den Dachs war die Welt vollständig: Kiefer, Erde, Nacht, Regen, Geruch. Und doch lag in dieser vollständigen Welt etwas, das nicht zu ihr gehörte. Tief unter dem Gewirr der Kiefernwurzeln, dort, wo der Boden auch im Sommer kühl blieb und die Erde nach Stein schmeckte, hatte der Dachs beim Erweitern einer Seitenkammer ein hartes Ding freigescharrt. Es war nicht Wurzel und nicht Knochen, nicht Schale eines Käfers und nicht der glatte Zahn eines verendeten Tieres. Es war aus Metall, obwohl der Dachs kein Wort dafür hatte. Es war klein genug, dass er es mit beiden Vorderpfoten umfassen konnte, und schwer genug, dass es sich gegen seine Versuche, es zu verschieben, mit eigensinniger Trägheit wehrte. Manchmal, wenn ein ferner Donner durch die Baumwipfel rollte oder der Mond über den dichten Kronen stand, glitzerte es in der Dunkelheit. Nicht hell, nicht wie Feuer oder Sonne, sondern wie ein Käferpanzer, auf dem Tau liegt, oder wie ein Splitter Eis, der vergessen hat zu schmelzen. Der Dachs legte dann den Kopf schief und berührte es mit der Nase. Es roch nach etwas, das er nicht einordnen konnte, weil kein Ding in seinem Wald so roch. Es war kein Lied, wie Amseln es sangen, und auch kein Summen wie das der Bienen im Spätsommer. Es war kaum mehr als ein Zittern in der Erde, ein dünner Ton an der Grenze dessen, was Ohren hören konnten, ein Laut, der eher durch Zähne und Pfoten ging als durch die Luft. Wenn er erklang, blieb der Dachs reglos liegen, die Schnauze auf den Vorderpfoten, und lauschte mit einer Geduld, die nur Tiere und sehr alte Steine besitzen. Der Ton kam und ging. Manchmal schwieg das Ding viele Nächte. Manchmal antwortete es auf nichts, was der Dachs verstand. Dennoch kehrte er immer wieder zu ihm zurück. Er scharrte Erde darum fort, polierte es ungeschickt mit der rauen Seite seiner Pfote und legte Blätter darüber, wenn Wasser in den Gang tropfte. Nicht weil er es besitzen wollte, denn Besitz war ihm fremd, sondern weil es in seinem Bau lag und damit zu den Dingen gehörte, über die er wachte: über trockene Kammern, über verborgene Ausgänge, über den stillen Geruch von Sicherheit. Dann sang es. Diesmal war der Ton tiefer. Er wanderte durch den Boden, kroch durch die Kiefernwurzeln, lief dem Dachs unter die Krallen und ließ die Erde um ihn herum erzittern. Der Dachs hob den Kopf. Seine Nase bebte. Da war ein Geruch im Gang, schwach noch, überlagert von feuchtem Lehm und altem Harz, aber neu. Weder Fuchs noch Marder oder Kein Wolf. Etwas bewegte sich durch den Wald. Langsam, vorsichtig, aber unaufhaltsam kam es näher. Der Dachs verstand nichts von dem. Er wusste nur, dass die Wurzeln über ihm leise zitterten, dass das metallene Ding unter seiner Pfote sang, und dass dort draußen, jenseits seines engen, vertrauten Dunkels, ein Wesen den Weg zu seiner Kiefer fand.
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