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Das Kind ohne Mutter

Hilja

Hilja kannte den Namen ihrer Mutter nicht.

Es gab keinen Namen, den sie hätte sagen können, wenn die anderen Kinder von ihren Eltern erzählten. Keine Erinnerung an eine warme Hand über ihrem Haar. Kein Gesicht, das sich aus den Nebelbildern ihrer frühesten Jahre gelöst hätte.

Nur einen Schatten, der nachts kam, wenn sie wach lag und dem Regen lauschte, der gegen die Fensterscheiben schlug.

Sie war ein Kind Hekates.

Das erfuhr sie viele Jahre später, und sie erfuhr es beiläufig, von einer alten Frau, die Kräuter auf einem Markt verkaufte und es so nebenbei erwähnte, wie man das Wetter erwähnt.

Wie alle Kinder Hekates kannte sie ihre wahren Eltern nicht. Wie es bei den Hexen üblich war, war sie bei Menschen aufgewachsen, die selbst keine Hexen waren, ihr jedoch niemals das Gefühl gegeben hatten, weniger geliebt zu werden, nur weil ein Teil ihres Wesens ihnen fremd war.

Ihr Pflegevater hatte ihr gezeigt, wie man Holz spaltete, ohne sich dabei die Finger zu verletzen.

Ihre Pflegemutter hatte ihr beigebracht, welche Kräuter man in eine Suppe geben konnte und welche besser nicht, weil ihre Wirkung stärker war, als ihr unscheinbares Äußeres vermuten ließ.

Sie hatten ihr beigebracht, freundlich zu sein, auch wenn Freundlichkeit nicht immer erwidert wurde, und Hilja hatte diese Lehre so tief in sich aufgenommen, dass sie später selbst dann noch half, wenn sie eigentlich müde war oder wusste, dass niemand ihr dafür danken würde.

Es begann nicht mit einem Wirken.

Es begann mit dem Gefühl des Lebens.

Wenn sie ihre Hand auf einen Baum legte, konnte sie etwas wahrnehmen, das tiefer lag als die raue Rinde und tiefer noch als das Holz darunter. Ein kaum merkliches Strömen, als würde unter allem Lebendigen ein unsichtbarer Atem fließen, der Pflanzen, Tiere und Menschen miteinander verband.

Ihre Lehrhexe nannte diesen Strom den Atem der Mutter.

Und sie sagte ihr, dass er niemals wirklich stillstand.

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