"Erzähle mir von den Wäldern deiner Jugend, gala'hui." Große Augen sahen ihn direkt an, direkt darunter öffneten sich schmale Lippen zu einem so unwiderstehlichen Lächeln, dass er einfach beginnen musste zu erzählen.
"Es ist schon so lange her, dass es noch viele Jahre dauern wird, bis es so weit kommt." begann er in der leisen Erzählstimme, die er sich ihretwegen angewöhnt hatte. Laute Geräusche konnte sie nicht leiden, fürchtete sie sogar ein wenig. So aber setzte sie sich auf dem Felsen zurück und lauschte angespannt, die Augen weit geöffnet. "Damals, in der Zukunft, hatte sich das Licht über alles ausgebreitet, und die Täler mit riesigen Pflanzenmassen gefüllt.
Viele waren klein und hielten sich nah am Boden, aber größten unter ihnen, die Bäume ragten dem Himmel entgegen. Manche waren so hoch wie viele Männer und ein einzelner Baum hatte mehr Blätter so groß wie eine gewöhnliche Blume, als man an einem Tag überhaupt zählen konnte. Und noch viel mehr als Blätter an einem Baum waren hatte es Bäume im Wald!"
Er hielt inne, um sie die Nachricht verdauen zu lassen, die sie doch schon so oft aus seinem Mund vernommen hatte. Dann rannte er unvermittelt los, hob den zerschlagenen Körper unter den dichten Büschen vor sich auf und hetzte mit den anderen durch den Wald: "Sie sind ein ganzes Stück hinter uns, sie werden uns kaum einholen!" rief er jemandem neben sich zu, den er unter einer grünen Kapuze kaum erkennen konnte. Dann musste er den Kopf schon zurückwenden, um einem Ast auszuweichen. Mit dem Mädchen auf dem Arm war das keine so einfache Aufgabe und er musste sich tief bücken.
Mit einem Lächeln im Gesicht kam er wieder hoch, und hielt einen Stapel Teller in der Hand. Eilig verteilte er sie rund um den ovalen Tisch. Er musste sich dabei ganz schön strecken, immerhin war er kaum größer als eines der Tischbeine. Mehr als einmal kam vor lauter Eifer der Tellerstapel ins Wanken und erst im letzten Moment konnte er ihn wieder abfangen. Als er mit den Tellern fast fertig war, fiel ein Schatten über die Tür und er sah lächelnd zu seiner Mutter auf.
"Wie lange sind wir schon hier?" fragte die junge Elfe und beugte sich über den Rand des Fischerbootes, betrachtete dort das Spiel der Wellen. "So lange wie es dauert die Schönheit eines Sonnenaufgangs zu beschreiben." meinte er, und die junge Elfe nickte zufrieden. "Gleich wird das Monster kommen." meinte sie noch teilnahmslos, als auch schon ein gewaltiger Kopf die die Wasseroberfläche wölbte, dann durchstieß. Obwohl er sich krampfhaft am Bootsrand festhielt, rutschte er ins Wasser, wurde in die kalte lichtlose Tiefe gezogen...
...und wachte mit einem Schrei wieder auf. Große blaue Augen richteten sich auf ihn: "Es war früher als du denkst. Kein Grund, sich jetzt schon vor dem Kommenden zu ängstigen." Draußen was es dunkel, aber er konnte die Gestalten sehen, die durch den Garten streichen würden, in einer nicht allzu weit entfernten Zukunft. Kaum beruhigt, zog er die Decke über den Kopf.
"3, 2, 1, ich komme!" Er nahm die Hand vor den Augen fort und blinzelte ins Licht. Im Frühling war die Lichtung schwer zu überblicken. Blüten und üppige Blumen boten seinen Kameraden viele hundert Verstecke. Oder besser, die Lichtung hätte sie ihnen geboten. Dieses Mal aber hatte sich keines aus dem knappen Dutzend verborgen. Ruhig standen sie im Halbkreis um ihn herum, sprachen alle gleichzeitig: "Es pulsiert. Grade ist eines vorbei, und ein zweites hat noch nicht begonnen. Wenn du uns verlassen willst, dann tu es jetzt." Die Vielstimmige Warnung hallte in seinem Geist nach, ließ ihn über den Weg nachdenken. Sofort verschwamm die Lichtung, drehte sich halb um eine unsichtbare Achse.
Noch etwas taumelig von seinen Gedanken griff er in das Geäst über sich, und konnte sich grade noch auf dem Baum halten. Ruhig spähte er in die Nacht zu dem Trupp weiß gekleideter Menschen, die eben den Grenzstein passiert hatten. Er konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, dass sie ihn nicht hätten sehen dürfen, dennoch blieben sie direkt unter seinem Baum stehen, sahen zu ihm hoch: "Hast du dich nicht entschieden?" Der vorderste der Menschen hatte gesprochen, war aber bereits im Sprechen weiter geritten, und die Menschen waren ihm gefolgt. Sie waren noch nicht ganz außer Sichtweite, als ihn ein heftiger Schlag traf und vom Baum schleuderte.
Der Ork, der ihn geschlagen hatte, sprang ihn mit einem gewaltigen Satz nach. "Makkän Aussuckärai sofoard!" rief er, und die Nadelbewehrte Keule holte weit aus. Er rollte auf die Seite und griff nach einem Baumstamm. Im Augenblick seiner Berührung lief eine Erschütterung durch den Baum, die fast alle Blätter raschelnd zu Boden sandte. Der Stamm wurde unter seinem Griff erst glatter, dann rauer, zog sich zusammen. Nach nur einem Augenblick hatte er einen großen Tannenzapfen in der Rechten, den er mit Schwung in den Boden warf.
Ein helles Feld flammte auf, halbierte die Welt genau zwischen ihm und dem Ork. Gierige Lichtfinger leckten nach dem Boden, griffen nach den Streitenden. Er fand den einen Augenblick, den er benötigte, um seinen Geist zu sammeln. Sofort verschwamm die Welt wieder um ihn, doch dieses Mal blieb alles an seinem Platz. Kraftvoll wischte er die Reflexion des Orks zur Seite, richtete sich auf. Nur am Rande seines Geistes nahm er wahr, dass er wieder den Ort gewechselt hatte und sich in den Schemenhaften Überresten irgendeiner Stadt befand. Doch sein Geist war auf sich selbst, und sein Blick auf den Himmel gerichtet.
So plötzlich wie man es den Trugbildern in der Wüste nachsagt erschien am Himmel das Spiegelverkehrte Bild eines Waldes aus großer Höhe. Er lächelte, als er den Boden der schemenhaften Stadt verließ und auf das grüne Meer zuraste.
Überall und jederzeit
Die ganze Nacht hindurch hatte die große Kreuzspinne an dem kunstvollen Netz gewoben. Gesteuert von angeboren sicherem Wissen, welcher Faden an welchem Ort gebraucht wurde, hatte sie Reihe um Reihe aneinandergefügt und sich wartend in der Mitte des Netzes platziert.
Dann kam der Morgen. Tau sammelte sich an den Knoten und Ecken des Netzes. Die ersten Sonnenstrahlen des Morgens tauchten es in tausendfaches Glitzern und Funkeln. Immer noch saß die Spinne still in der Mitte, bewegte hin und wieder prüfend ein Bein.
Unvermittelt, und ohne dass sich den Sinnen ein Grund erschlossen hätte zog sich die Spinne auf einen Ast am Netzrand zurück, die Beine eng um den Körper geschmiegt. Fast im selben Moment erstarben die Geräusche der Vögel, die bisher im allmorgendlichen Wettstreit die Luft erfüllt hatten.
Einen quälend langen Augenblick lang geschah gar nichts. Schon wollte ein Vogel wieder zu seinem lauten Gesang ansetzen, und die Beine der Spinne streckten sich begehrlich nach ihrem Netz aus, da begann die Luft zu summen. Der Steinkreis auf der Lichtung erzitterte unter den unsichtbaren Gewalten, die an der Wirklichkeit rissen. Schwingend kam die Lichtung in einen unerbittlichen Einklang mit dem Summen. Vibrierend wurden die Tautropfen von dem Spinnennetz gerissen, hingen einen Moment still in der Luft, bevor sie zu feinem Nebel zerplatzten. Die Wolken über der Lichtung wechselten mehr als ein Dutzend Mal die Zugrichtung, warfen Muster aus Schatten auf den Waldboden.
Kaum mehr als eine Minute dauerte der Spuk, dann fand er ebenso plötzlich sein Ende wie er begonnen hatte. Langsam setzte das Zwitschern der Vögel wieder ein. Die Spinne krabbelte hastig über ihr Netz, untersuchte es auf Schäden.
Gleichzeitig mit dem Ende dessen, was die Tiere gespürt hatten, begann etwas anderes. Die Zeit, deren Natur es war, stetig und gleichmäßig in eine Richtung zu ziehen, beständig Zukunft in Gegenwart und Gegenwart in Vergangenheit zu wandeln, hatte ihre gewohnte Bahn verlassen müssen, war auf ein Hindernis gestoßen, das sie umfließen musste, das sich gegen den Lauf der Zeit stemmte.
Und wie ein alter Mann, der an einem Nachmittag feststellen muss, dass die Tauben im Park verschwunden sind, die er schon jahrelang füttert, war die Zeit empört. Nun hatte sie leider keinen Stock, den sie bedrohlich schwingen konnte. Zudem konnte die Zeit sich nicht den Luxus leisten innezuhalten, um ihre Empörung zu zeigen. So tat sie das Einzige, was ihr übrig blieb: Sie schrie.
Natürlich schrie die Zeit nicht auf eine Weise, die sich jedem erschloss. Nur jene, die ohnehin auf das Verstreichen der Zeit lauschten hörten das feine Rumpeln, das sich ringförmig um die Lichtung im Yewwald ausbreitete, dabei allerdings in der Zeit rückwärts wanderte. Während in den Talschluchten der Orks schon eine Stunde vor dem eigentlichen Ereignis der Schrei der Zeit zu spüren war, erreichte er Düsterhafen bei Einbruch der Dunkelheit der vorigen Nacht.
Was aber war der Auslöser für all dies, den Schrei, die Furcht der Tiere? Nur eine Veränderung war auf der Lichtung zu bemerken, diese aber um so auffälliger und folgenreicher: Ein nackter Lichtelf lag auf dem Gras; augenscheinlich bewusstlos. Das helle Haar floss über seine Schultern, nur flache Atemzüge versetzten das Gras vor seinem Gesicht in sanfte Bewegung.
Noch bevor er erwachte, kam Bewegung in den Steinkreis. Sanfter Nebel, durchzogen von stofflichen Bahnen in schimmernden Farben löste sich von den Steinen, schwebte, kroch auf den Elfen zu, legte sich um seinen Rücken, floss den Rücken hinab, bedeckte Arme und Beine. Die Iphaldi war zu ihrem Besitzer zurückgekehrt, doch auch sie hatte die Wochen und Monate im Zauber nicht unverändert überstanden. Sie war erfüllt von mehr Eigenleben, wie verwildert. Unablässig suchte ihr Saum den Waldboden ab, die Bewegung kaum erkennbar, doch niemals ruhend.
So verging fast eine ganze Stunde, bis der Elf sich stöhnend regte und die hellen Augen aufschlug.