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Die Zwillingsflammen des Südens

Ein namenloser Chronist

Tief in den südlichen Dschungeln, dort wo das Blätterdach selbst am Mittag das Licht verschluckt und die Luft schwer von Feuchtigkeit ist, hat sich ein Wyrmpärchen niedergelassen. Niemand weiß, woher sie kamen. Manche sagen, sie seien aus einem vergessenen Tal oder einer Höhle aufgestiegen, andere flüstern von einem Riss im Himmel, durch den sie herabstürzten.

Sie wählten ihre Heimstatt nahe einer überwucherten Ruine, deren halb zerfallenen Gemäuer von Lianen umschlungen und von Moos überzogen sind. Zwischen zerfallenen Säulen und halb versunkenen Treppen haben sie ihr Nest errichtet – ein Hort aus Knochen, Goldresten, zerbrochenen Idolen und den Schätzen längst vergessener Priesterkönige. Nachts glühen ihre Leiber wie zwei schwelende Kohlen im Dunst des Dschungels, und ihr Atem lässt die Nebel aufwallen wie kochendes Wasser.

Die umliegenden Echsenmenschenstämme haben ihr Erscheinen als Zeichen gedeutet. Für sie sind die Wyrme keine bloßen Bestien, sondern wiedergekehrte Götter aus der Zeit der ersten Schuppen. Opfergaben aus Fleisch, Edelsteinen und kunstvoll geschnitzten Jadeklingen werden zu den Stufen der Ruine getragen. Schamanen malen ihre Schuppen mit Asche und Blut, um den „Himmlischen Zwillingen“ näher zu sein.

Seitdem herrscht eine neue Ordnung im Dschungel. Rivalisierende Stämme sind vereint – aus Furcht oder aus Glauben. Die Wyrme dulden keinen Widerspruch. Wer ihr Reich betritt, spürt es sofort: Der Dschungel selbst scheint zu lauschen. Und irgendwo über den Wipfeln kreisen zwei gewaltige Schatten, geduldig, wachsam – und hungrig.

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