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Ewige Nacht [Chartod]

Die Nacht über den Wäldern von Yew war klar, das Mondlicht lag wie kaltes Silber auf Blättern und Moos. Doch etwas fehlte.

Kein Rascheln.
Kein Ruf der Nachtvögel.
Keine Bewegung im Unterholz.

Ellroth’lyn spürte es, er hatte gelernt nicht nur mit Augen und Ohren zu sehen.
Er blieb stehen, ließ seine Hand langsam an seinen Bogen gleiten. Zu spät.
Ein kaum hörbares Sirren durchschnitt die Nacht. Der Pfeil traf ihn von hinten, hoch in der Seite und knapp unterhalb der Rippen.
Die Wucht riss ihm die Luft aus der Brust. Er stolperte nach vorn, fing sich an einem Stamm, Blut färbte bereits sein Gewand dunkel.
Gift. Er riss den Pfeil aus der Wunde und drehte sich um.

Zwischen den Stämmen löste sich eine Gestalt aus dem Schatten, ein Dunkelelf, nahezu lautlos.
Schwarze, matte Kleidung, die kein Licht fing. Ein bläulicher Umhang, der im Mondschein wie Nebel schimmerte.
Weißes Haar fiel über schmale Schultern, rote Augen musterten ihr Ziel mit kalter Berechnung.
Die Sehne war bereits erneut gespannt. Der zweite Schuss kam sofort.

Ellroth’lyn warf sich zur Seite. Der Pfeil streifte seinen Arm und bohrte sich in den Boden.
Mit zusammengebissenen Zähnen zog er seinen eigenen Bogen. Trotz des brennenden Gifts zwang er seine Atmung in Ruhe.
Er war verwundet, aber nicht wehrlos.
Sein Pfeil löste sich und verschwand zwischen den Schatten.
Ein erstickter Laut verriet ihm, dass er getroffen hatte. Die dunkle Gestalt taumelte einen halben Schritt zurück.
Doch der Dunkelelf blieb in Bewegung. Er nutzte Deckung, wechselte Position mit unnatürlicher Geschwindigkeit.
Jeder Schuss kam aus einem neuen Winkel. Kein Duell, eher eine Jagd.

Ellroth’lyn sprang auf einen gefallenen Stamm, schoss im Drehen, zwang seinen Gegner aus der Deckung.
Ein Pfeil traf die Schulter des Dunkelelfen und blieb stecken.
Diesmal war das Keuchen deutlicher. Doch während Ellroth’lyn noch stand, begann das Gift zu wirken.
Seine Sicht verschwamm an den Rändern. Seine Finger fühlten sich schwerer an. Sein Atem ging flach.

Der Dunkelelf erkannte es, er zog den Pfeil aus seiner Schulter und brach ihn ab, ohne den Blick von Ellroth’lyn zu nehmen.
Dann verschwand er erneut im Schatten. Ellroth’lyn wusste, was kommen würde.
Er versuchte, höheres Gelände zu erreichen, doch seine Beine gehorchten nur verzögert. Sein Herz schlug zu langsam oder zu schnell. Er konnte es nicht mehr unterscheiden.
Das nächste Sirren kam aus erhöhter Position. Ellroth’lyn riss den Bogen hoch, doch zu langsam.
Der Pfeil durchdrang seine Brust, knapp unter dem Schlüsselbein. Die Kraft des Einschlags warf ihn rückwärts in die Wurzeln einer alten Eiche.
Sein Bogen glitt ihm aus der Hand.

Schritte näherten sich. Ruhig. Kontrolliert. Der Dunkelelf trat aus dem Schatten, sichtbar nun im kalten Licht.
Blut sickerte aus seiner Schulterwunde, doch sein Stand war stabil. Seine roten Augen musterten ihn.
Kein Spott und kein Zorn. Nur nüchterne Feststellung.
„Du hast länger überlebt, als die meisten“, sagte er leise.

Ellroth’lyn versuchte zu sprechen, doch Blut füllte seine Lunge.
Sein Blick hob sich ein letztes Mal zum Blätterdach. Das Mondlicht brach durch die Zweige wie silberne Speere.
Er spürte den Waldboden unter sich. Spürte die Wurzeln. Sein Blut sickerte in die Erde von Yew.
Der Dunkelelf zog mit ruhiger Bewegung den tödlichen Pfeil aus Ellroth’lyns Brust, reinigte ihn grob am Gras und steckte ihn zurück in seinen Köcher.
Dann wandte er sich ab und der bläuliche Umhang verschmolz mit den Schatten.

Zurück blieb nur der gefallene Lichtelf.

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