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Shayariels letzter Stand

Shayariel

Shayariel sprach mit niemandem darüber.

Wer sie kannte, wusste: Wenn sie schwieg, war die Entscheidung längst gefallen.

Seit einiger Zeit lag etwas Unruhiges über ihren Gedanken. Kein offener Feind, kein sichtbarer Widersacher, sondern ein Riss. Klein zunächst. Kaum wahrnehmbar. Doch sie spürte ihn. In Urteilen, die sie gesprochen hatte. In Gnade, die sie gewährt hatte. In Härte, die sie sich selbst auferlegte.
Sie war stolz.
Nicht auf Rang oder Können –
sondern auf Disziplin.

Eine Schwertsprecherin durfte zweifeln.
Doch sie selbst erlaubte es sich nicht.
Als sie schließlich ging, tat sie es ohne Ankündigung. Kein Begleiter. Kein Abschied. Nur der knappe Hinweis, dass sie einer Spur nachgehen müsse.
Der Ort war unscheinbar. Kein sichtbares Verderben. Kein Zeichen von Kampf. Nur eine Stille, die schwer auf der Brust lag. Als sei dort etwas Unausgesprochenes gewachsen.

Shayariel blieb stehen und zog ihr Schwert.
Die Klinge spiegelte ein fahles Licht.
Sie schloss die Augen, nicht zum Gebet, sondern zur Sammlung. Jeder Atemzug bewusst. Jeder Gedanke geordnet. Sie prüfte sich selbst, wie sie es immer getan hatte.
War ihr Urteil stets gerecht gewesen?
War ihr Maß rein geblieben?
Oder hatte persönlicher Stolz ihre Hand geführt?

Die Zweifel waren nicht neu.
Nur klarer als je zuvor.
Die Stille um sie herum schien diese Gedanken zu verstärken. Nicht als Angriff. Nicht als Bedrohung. Sondern als Spiegel.
Und sie erkannte, dass sie nicht gegen etwas Äußeres kämpfte.
Sondern gegen sich.

Shayariel kniete, nicht aus Schwäche, sondern aus Disziplin. Sie setzte die Spitze ihres Schwertes auf den Boden. Ihre Hände lagen fest um den Griff.
Ein Rückzug wäre möglich gewesen.
Niemand hätte ihr Versagen genannt.
Niemand hätte gewusst, dass sie gezögert hatte.
Doch sie hätte es gewusst.
Und das genügte.
„Dann soll es an mir enden“, sagte sie leise.

Sie band ihren Willen an die Klinge. Sammelte alles, was sie war, Jahre der Übung, der Strenge, der Selbstprüfung, und hielt stand. Gegen die Leere. Gegen den Zweifel. Gegen die innere Zerrissenheit, die sie nie ganz hatte befrieden können.
Es war kein Kampf aus Stahl.
Es war ein Ausharren.

Die Kraft verließ sie langsam. Atemzug für Atemzug. Kein Aufschrei. Kein Zittern. Nur ein Körper, der erschöpfte, während der Wille stand.
Als ihr Herz schließlich aufhörte zu schlagen, war sie noch aufrecht.
Das Schwert vor sich in die Erde gerammt.
Die Hände darum geschlossen.
Das Haupt gesenkt.
Ihr Gesicht war ernst. Nicht friedlich. Nicht schmerzverzerrt. Ernst, als hätte sie bis zuletzt geprüft, ob sie würdig war.
Man fand sie Tage später.
Keine Spuren eines Kampfes. Keine Wunde. Kein Blut. Nur Stille.
Die Luft dort war klar. Schwer, aber rein.

Wer sie sah, verstand:
Shayariel war nicht gefallen.
Sie hatte entschieden.
Und vielleicht lag die Tragik nicht in ihrem Tod.
Sondern darin, dass sie von sich selbst mehr verlangte, als das Licht je gefordert hatte.

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