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Wind, Wurzel & Wandel - oder: Wie der Hain widererwarten anwuchs

Bareti

Zwischen Zufriedenheit und Suche

Ich muss gestehen: Es gibt Momente, in denen ich mich selbst ein dabei ertappe, fast zufrieden zu sein.

Der Most - mein Most - ist gelungen. Nicht nur trinkbar, nicht nur „ganz ordentlich“, sondern… gut. Rund. Klar im Geschmack, mit genau dieser leisen Wärme, die sich nicht aufdrängt, aber scheinbar tief verwurzelt blieb. Es wäre vermutlich völlig ausreichend, ihn einfach so zur Wiedereröffnung auszuschenken und die Sache als Erfolg zu verbuchen.

…aber ausreichend war noch nie mein Maßstab.

Also begann ich wieder zu suchen.

Nicht nach einem besseren Rezept – da war nicht mehr viel Potenzial der Optimierung. Sondern nach einem besseren Ursprung. Andere Äpfel. Andere Böden. Andere Früchte gar, oder Zusätze. Vielleicht etwas, das nicht sofort erklärt werden kann, sich aber im Geschmack zeigt und wenn es nur einen Hintergrundton angibt.

Ein Hinweis – vage, beinahe beiläufig – führte mich schließlich gen Neu-Arium. Eine kleine Siedlung auf einer Insel, von der ich bislang nicht einmal wusste, dass sie existierte. Oder deren Existenz mir entfallen war, es war weiterhin schwer, präzise Erinnerungen von dem zu trennen, was bereits vorhanden war und überschrieben wurde.

Jedenfalls hatte ich einen beiläufige Hinweis erhalten zu dem Ort und seiner Umgebung, die völlig anders sein sollte. Was bereits ein denkbar schlechter Ausgangspunkt für eine rationale Entscheidung wäre, aber ein ausgezeichneter für eine Neugier, die sich nicht abschütteln lässt.

Ich folgte den Spuren weiter. Ein Fischer auf der Insel selbst, wusste von „einer kleineren Insel davor“. Ein Händler erinnerte sich an „Bäume, die wuchsen, wo ihre Wurzeln in den Felsen bald keinen Halt mehr hätten“. Und schließlich stand ich dort.

Oder vielmehr: davor.

Die Insel selbst war kaum mehr als ein aufgeworfener Rücken aus Erde und Stein, von Wind und Wasser sichtbar gezeichnet. Die Küstenlinie wirkt nicht stabil – eher… vergessen. Als hätte das Meer bereits begonnen, sich dieses Stück zurückzuholen, dann aber versäumt, seine begonnene Arbeit zu vollenden.

Und mitten zwischen diesen Steinen, alleine auf dem winzigen Rest einer Insel: ein Apfelbaum.

Allein - Kein Hain, kein zweiter Baum, nicht einmal Gestrüpp in nennenswerter Nähe. Nur dieser eine, leicht schief gewachsene Stamm, dessen Wurzeln an einigen Stellen bereits freigelegt waren.

Er trug nur wenige Früchte. Und meiner Neugierde nachgebend, habe ich umgehend einen davon gepflückt.

Ich hätte vielleicht nicht einfach eine unbekannte Frucht essen sollen. Nicht ohne genauere Untersuchung, nicht ohne jede Form von methodischer Vorsicht.

…aber ich habe es dennoch getan. Obwohl die Früchte winzig und gar runzelig waren und der Stamm des Baumes selbst sehr dunkel und wettergepeinigt, vor dem Ufer dieser seltsamen Insel im salzigen Meer.

Der Geschmack war - ich rang etwas um die richtigen Worte - konzentriert. Nicht einfach süß oder sauer, sondern… dichter. Als hätte man mehrere Apfelsorten in einer Frucht verdichtet, ohne ihre Eigenheiten zu verlieren. Und darunter liegt etwas, das ich nicht sofort zuordnen konnte. Kein Geschmack im klassischen Sinne. Eher… ein Nachhall.

Ich hatte drei weitere Früchte gepflückt und sorgsam in meine Tasche gelegt. Vier wären unvernünftig gewesen. Fünf unmöglich.

Der Baum selbst jedoch beschäftigt mich mehr, als mir lieb war.

Die Insel würde nicht mehr lange bleiben. Das war keine Vermutung, sondern eine Beobachtung. Die Abbruchkanten an der Erde waren frisch, das Erdreich selbst instabil und feucht, und bei stärkerem Wellengang dürfte sich die Lage schnell weiter zuspitzen. Es war keine Frage des ob, sondern des wann.

Und damit stellte sich eine andere Frage, die mir in all meinen Jahren nie untergekommen war:

Wie genau verpflanzt man einen einzelnen, möglicherweise einzigartigen Apfelbaum… von einer sterbenden Insel?

Ich sah bereits eine ganze Reihe praktischer Probleme.

Und eine noch größere Anzahl theoretischer.

Aber lächelnd erinnerte ich mich daran, dass ich noch nie vor Problemen zurückgeschreckt war und mit Geist und Magie noch jedes Problem hatte lösen können.

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