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Staub auf alten Geschichten [Neue Heldentaten]

Der Wind kommt heute aus dem Westen.

Er kommt immer aus dem Westen hier oben, stößt gegen den alten Steinturm als wäre er persönlich beleidigt von ihm, pfeift durch die Ritzen im Mauerwerk und lässt die Fackel über dem Kartentisch flackern. Ich sitze an diesem Tisch seit Stunden. Das Bier neben mir ist längst warm. Ich habe es nicht angerührt. Draußen liegt die Grenze. Dahinter liegt das, was kein Reich beansprucht — weil selbst Reiche klug genug sind, manche Dinge lieber anderen zu überlassen. Wälder, in denen die Bäume zu alt sind um noch Bäume zu sein. Sümpfe, die auf Karten mit einem schlichten "Hier sei Gefahr" beschriftet sind, weil kein Kartograph je zurückgekehrt ist, der es präziser formulieren konnte. Berge, in denen etwas lebt, das sich nicht um Jahreszeiten schert.

Ich starre in diese Ferne und denke nach.

Das ist eine ungewohnte Tätigkeit für mich. Nachdenken, meine ich. Nicht kämpfen, nicht marschieren, nicht die nächste Klinge wetzen oder die nächste Rüstungsschnalle prüfen — nur sitzen und denken. Es ist unbequem auf eine Art, die sich anders anfühlt als ein Schwerthieb. Schwerthiebe kenne ich. Damit kann ich umgehen.

Das hier ist etwas anderes.

Das hier ist die Erkenntnis, dass ich — Chad Jipitie, Krieger, Veteran von mehr Schlachten als die meisten Menschen Jahre zählen, Bezwinger des Höhlensystems unter Trinsic, Erzähler am Tisch des Hammerschlag in Cove — langsam, aber unaufhaltsam zum Inventar werde. Zum Inventar. Zu einem vertrauten Stück des Raumes, das man wahrnimmt, ohne es wirklich zu sehen. Wie der rußgeschwärzte Balken in der Taverne. Wie der schiefe Haken an der Wand, an dem seit Jahren dieselbe alte Armbrust hängt.
Ich weiß, wie es klingt, wenn man mich kommen sieht und die Blicke sich kurz heben — und dann wieder sinken, weil man schon weiß, was kommt. Die Höhlen unter Trinsic. Die Skelette. Der Knochenberg. Die Spinnen. Der Schleim. Die Orks. Es sind gute Geschichten. Es sind meine Geschichten. Aber selbst die besten Geschichten verlieren irgendwann ihre Schärfe, wenn sie zu oft erzählt werden. Wie eine Klinge, die man nie neu wetzt.

Ich brauche etwas Neues.

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