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Blicke, die nicht fremd waren

Lyr'sa Ky'Alur

Der Wind im Tal oberhalb von Elashinn trug den Geruch von feuchter Erde und altem Laub mit sich, als Lyr’sa gemeinsam mit Nytharion und Zyn’rae zwischen den Felsen vorrückte. Im Tal hatte sich Räuber eingenistet, und das Haus Ky’Alur duldete keine fremden auf seinem Gebiet. Lyr’sa bewegte sich angespannt, aber entschlossen, die Armbrust griffbereit, den Blick wachsam. Sie war nicht mehr das zögerliche Mädchen, das sie einst gewesen war.

Dann sahen sie sie. Eine einzelne Menschenfrau stand dort, als hätte sie sie erwartet. Ruhig. Unbewaffnet. Und vor allem: nicht überrascht.

Lyr’sa blieb stehen, die Stirn leicht gerunzelt. Etwas war falsch. Es war nicht nur die Haltung der Frau – zu aufrecht, zu sicher. Es war auch das Pferd hinter ihr. Jiv’elgg. Lyr’sa kannte dieses Tier. Zu gut. Ein kalter Stich fuhr durch ihren Körper, doch sie verdrängte ihn sofort. Das ergab keinen Sinn. Konnte keinen Sinn ergeben. Das Pferd gehorchte keine Menschen.
Es gab einiges hin und her. Die Frau behauptete Lyr'sa zu kennen, Elashinn zu kennen. Gar die Ilharess selbst! unglaublich. Blasphemie!

Doch dann sagte sie etwas, was sie stocken ließ. Die Frau erwähnte Maya, erwähnte Lyr'sas versagen, und die letzten Worte die Sie ihr gesagt bevor sie sich angewidert von Lyr'sa abwandte vor einigen Jahren...
War da doch etwas an der Version der Frau? Sie hätte die Frau am liebsten hier und jetzt abgestochen, doch wenn es sich wirklich um der Ilharess liebste Veldriss handelt, dann bestand hier eine Möglichkeit aufzusteigen, ihre Gunst zu erlangen... oder sich von dem Fluch,den ihre schwester für sie darstellte, endgültig zu befreien.

„Fesselt sie“, befahl sie schließlich knapp zu Nytharion, ohne den Blick von der Frau zu nehmen.

Die Menschenfrau leistete keinen Widerstand. Kein Zucken, kein Versuch zu fliehen. Sie ließ es geschehen, als wäre es… erwartet. Als gehörte es zu einem Plan.
Und dann war da dieser Blick. Ein flüchtiger Moment, kaum länger als ein Atemzug. Hass – scharf, vertraut. Aber auch etwas anderes. Stolz. Stolz auf… sie?
Lyr’sa spürte, wie sich etwas in ihr regte, ein unangenehmes Gefühl, das sie nicht greifen konnte. Xurina war immer die Stärkere gewesen. Die Unnahbare. Die, die sie nie wirklich als gleichwertig angesehen hatte. Und doch… dieser Blick war kein Blick für eine Fremde.
Sie wandte sich ab, bevor sie zu lange darüber nachdenken konnte.

„Wir bringen sie zurück“, entschied sie kühl.

Der Marsch zurück nach Elashinn verlief schweigend. Die Gefangene ging ohne Zögern, ohne Widerworte, geführt, aber nicht gezwungen. Es war, als würde sie selbst den Weg kennen – jeden Stein, jede Biegung. Ein weiterer falscher Ton in einem Lied, das nicht stimmen wollte. Im Qu’ellar Ky’Alur angekommen, wurde sie ohne Zwischenfall in den Kerker gebracht. Lyr’sa übergab sie den Wachen mit knappen Worten, sachlich, fast schon routiniert. Kein Zittern in der Stimme. Kein Zweifel in der Haltung.

Und doch blieb etwas zurück.
Ein Blick.
Ein Gefühl.

Und die leise, unausgesprochene Ahnung, dass sie soeben mehr eingefangen hatte als nur eine weitere Menschenfrau.

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