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131 Gründe für Vergeltung

Lyr'sa Ky'Alur

Es begann, wie so viele Katastrophen im Leben Lyr’sas, mit einer ausgezeichneten Idee.

Das Minoc Mining Camp lag staubig und geschäftig vor ihr, erfüllt vom Klang von Hämmern, Flüchen und dem gelegentlichen, besorgniserregenden Knacken einsturzgefährdeter Stollen. Genau der richtige Ort also, um unauffällig zu sein – zumindest in Lyr’sas Vorstellung. Die Realität bestand aus einer schief sitzenden Perücke, einem angeklebten Bart, der mehr an ein verendetes Tier erinnerte als an Gesichtsbehaarung, und einer Gestik, die irgendwo zwischen „fahriger Händler“ und „akut vom Blitz getroffen“ schwankte.

Mahlik Sorge hatte sie lange gemustert. Viel zu lange.
Lyr’sa hatte daraufhin entschieden, dass Reden überschätzt wurde, und stattdessen begonnen, wild mit den Armen zu fuchteln, auf Zangen zu zeigen, sich selbst auf die Brust zu klopfen und schließlich eine improvisierte Darstellung eines äußerst engagierten Schmieds aufzuführen. Es war… beeindruckend. Auf eine Art, die man nicht so schnell vergaß.
Und tatsächlich – irgendwie – hatte es funktioniert.

Der gute Mahlik, offenbar überzeugt, einen besonders eigenwilligen, aber leidenschaftlichen Kollegen vor sich zu haben, hatte ihr zugesichert, ihr tausend Zangen mitzugeben. Tausend! Lyr’sa hatte innerlich gejubelt, äußerlich jedoch weiter genickt, gewunken und beinahe ihre eigene Perücke mitgerissen.
Der Abtransport gestaltete sich… kompliziert.

Mehrfach stolperte sie über ihre eigenen Füße, einmal über ein Packpferd, und ein anderes Mal über eine Zange, die sie selbst fallen gelassen hatte. Ein besonders tragischer Moment war der, als sich ihr falscher Bart löste und kurz im Wind flatterte, ehe sie ihn mit einem panischen Griff wieder an ihr Gesicht klatschte – schief. Sehr schief. Doch am Ende standen die Kisten verladen auf ihren Packtieren. Ein Triumph. Ein logistisches Meisterwerk. Ein Denkmal der Effizienz.

Bis Elashinn.
Dort, im sicheren Schatten der Tiefe, begann sie zu zählen.
Einmal. Zweimal. Ein drittes Mal, zunehmend schneller, als könne sie die Realität überholen.
Achthundertneunundsechzig.
Stille.

Dann ein leises, gefährlich zittriges: „Oh nau.“
Die Zahl änderte sich nicht.
Nicht ein einziges Mal.

Achthundertneunundsechzig.

Lyr’sa blinzelte. Zählte erneut. Langsamer diesmal, als könnte sie die fehlenden Zangen durch reine Willenskraft herbeizwingen. Doch egal, wie oft sie es versuchte – es blieb dabei. Kein Verlust auf dem Weg. Kein Missgeschick. Kein überladenes Packtier, das heimlich etwas abgeworfen hatte.

Nein. Das hier war schlimmer.
Das war ... Betrug!

Ihre Finger krampften sich um eine der Zangen, als wolle sie diese zur Zeugin eines Verbrechens machen. Ihr Blick wurde schmal, gefährlich ruhig, während sich die Erkenntnis in ihr festsetzte wie ein rostiger Nagel.

Mahlik Sorge hatte sie nicht missverstanden.
Er hatte sie nicht falsch gezählt.
Er hatte sie… betrogen.

Einhundertundeinunddreißig Zangen.

Einfach… nicht da.
Der falsche Bart hing inzwischen nur noch halb an ihrem Gesicht, doch sie riss ihn nicht ab. Vielleicht, weil er Teil der Erinnerung war. Teil dieser… Demütigung. Ihre Schultern spannten sich, während sich in ihr langsam etwas aufbaute, das sehr viel strukturierter war als ihre sonstigen Panikreaktionen. Zorn.

Mahlik Sorge -Dieser Name würde nicht vergessen werden.

Und dass Xurina in diesem Moment wieder in elashinn auftauchte, war gewiss kein Zufall. Es war eine Gelegenheit.
Langsam drehte sich Lyr’sa um. In ihrem Blick lag keine Verwirrung mehr, kein hektisches Flackern – nur klare, beinahe erschreckende Entschlossenheit.
Die Entschlossenheit einer Drow, der man einhundertundeinunddreißig Zangen schuldig war.

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