die falsche StadtDas Gewölbe atmete Kälte, eine schwere, lauernde Kälte, die sich nicht nur auf die Haut legte, sondern bis in die Gedanken kroch. Anna Detons Schritte hallten über den Steinboden und verloren sich in der Dunkelheit, die mehr zu lauschen schien, als nur still zu sein. Zögernd blieb sie stehen. „Ist jemand hier?“ „Sucht sie etwas Bestimmtes?“ Die Antwort kam plötzlich. Ein Mann löste sich aus den Schatten. Seine Augen musterten sie eindringlich, als würde er nicht nur ihr Gesicht, sondern ihre Erinnerungen prüfen. „Deton“, murmelte er und zog ein kleines Notizbuch hervor, in dem er langsam blätterte. „Zur rechten Zeit.“ Er deutete hinter sie. „Dort entlang.“ Anna runzelte die Stirn. „Ich suche Magister Teldan.“ Ein kaum sichtbares Lächeln huschte über sein Gesicht. „Den hat sie bereits gefunden.“ Teldan schlug sein Notizbuch auf. „Anna Deton. Sie schrieb uns. Die Straßen von Düsterhafen erscheinen ihr fremd.“ Anna nickte, nun wieder gefasster. „Fremd ist zu wenig gesagt. Sie sind falsch. Mein Haus ist verfallen, als hätte es Jahre leer gestanden. Menschen erkennen mich nicht mehr. Orte sind anders. Es ist, als hätte jemand die ganze Stadt ausgetauscht.“ „Es gab keine kürzlichen Veränderungen“, entgegnete Teldan ruhig. „Die letzten größeren Baumaßnahmen liegen 20 Jahre zurück.“ Anna sah ihn fest an. „Ich war hier. Vor wenigen Wochen noch.“ Die Worte hingen zwischen ihnen, schwer und widerspenstig. Für einen Moment herrschte Stille, dann klappte Teldan sein Notizbuch zu und lehnte sich leicht zurück. „Sie hat sich mit ihrem Anliegen an das Institut gewandt. Was erwartet sie hier zu finden?“ Anna atmete tief durch. „Antworten. Und die Möglichkeit, selbst nach ihnen zu suchen. Chroniken, Aufzeichnungen – alles, was mir helfen kann zu verstehen, was geschehen ist.“ „Das Institut ist kein Ort, an dem Wissen leichtfertig vergeben wird“, entgegnete Teldan. „Es untersteht weder der Stadt noch weltlichen Autoritäten. Hier zählt allein der Wert für den Wissensaustausch.“ Anna nickte. „Dann biete ich genau das. Meine Erfahrungen sind unverfälscht. Und ich bin bereit, meine Erkenntnisse zu teilen.“ Teldan musterte sie prüfend. „Und wenn sie findet, wonach sie sucht?“ „Dann werde ich versuchen, den Umstand zu beheben“, sagte Anna fest. „Oder zumindest zu verhindern, dass es erneut geschieht.“ Als sie das Institut schließlich verließ, hatte sich die Nacht über Düsterhafen gelegt, dicht und schwer. Die Straßen lagen vor ihr wie ein vertrautes Bild, das jemand falsch zusammengesetzt hatte. Jeder Schritt fühlte sich gleichzeitig richtig und falsch an. Ihr Leben existierte noch, doch hier war es nur wie ein alter Schatten in der Welt. Beiträge in diesem Thread
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