Als Yon Essray die Taverne betrat, war der Ort noch still.
Er nahm seinen Platz ein, senkte den Kopf und sprach leise zu Arachnan. Der Dunkle Engel möge auf diesen Ort sehen. Nicht auf seine Mauern, sondern auf das, was durch seine Tür trat.
Yon blieb noch einen Moment mit gesenktem Kopf sitzen.
Er wusste noch, warum er diesen Ort gewählt hatte.
Nicht wegen der Mauern. Nicht wegen des Tresens. Nicht wegen der Wärme im Raum.
Sondern wegen der Tür.
Eine Tür, durch die alles kommen konnte. Hunger. Durst. Lüge. Schuld. Sehnsucht. Stimmen, die sich selbst nicht verstanden. Menschen, die glaubten, sie kämen nur wegen eines Getränks.
Doch niemand brachte nur Durst mit.
Jeder brachte einen Riss mit sich.
Und an diesem Abend sollte die Taverne voller Risse sein.
Dann öffnete sich die Tür.
Zwei Männer kamen herein, laut, durstig und von sich selbst überzeugter, als es der Abend verdient hatte. Sie nannten sich Kapitän und erster Maat. Yon wusste nicht, ob es stimmte. Vielleicht waren sie Seeleute. Vielleicht nur Betrunkene. Vielleicht war der Unterschied gering.
„Die Taverne hat heute offenbar ein Schiff verschluckt“, sagte er trocken.
Bald darauf füllte sich der Raum weiter. Ancanagar stand plötzlich hinter dem Tresen, bleich und dunkel gewandet, als sei es selbstverständlich, fremde Gäste zu bedienen. Dann kam Bareti, und mit ihr schien die Taverne selbst ihre Stimme zurückzubekommen.
Yon nickte ihr zu.
„Wirtin. Euer Haus lebt wieder.“
Stimmen, Schritte, Gläser, Hunger, Durst, Scherze, Sorge. Jeder brachte etwas mit. Manche Lügen. Manche Schuld. Manche nur schlechten Appetit.
Bareti stellte Yon ein Glas Most hin. Hell schimmernd, beinahe freundlich.
„Nicht einfach nur Most“, sagte sie.
Yon trank.
Zuerst war da nur Süße. Dann wurde die Taverne leiser, obwohl sie laut blieb. Die Stimmen zogen an ihm vorbei, als stünde er einen Schritt neben der Welt.
Für einen Atemzug saß ihm jemand gegenüber.
Oder hatte dort gesessen.
Oder würde dort sitzen.
Der Stuhl war leer, noch bevor Yon das Gesicht erkennen konnte.
Er setzte das Glas langsam ab.
„Seltsam“, murmelte er. „Ich hatte kurz das Gefühl, jemand säße mir gegenüber. Aber der Stuhl war leer, noch bevor ich das Gesicht erkennen konnte.“
Bareti erklärte, der Most könne Erinnerungen wecken. An Vergangenes. Vielleicht sogar an andere Welten.
Yon sah den leeren Stuhl an.
„Dann weiß ich nicht, ob ich einen Stuhl gesehen habe, der einmal besetzt war… oder einen, der irgendwo anders noch immer auf jemanden wartet.“
Um sie herum ging der Abend weiter. Die Seeleute wurden lauter. Andere Gäste kamen hinzu. Gespräche begannen, verliefen sich, fanden neue Wege. Später traten Drow ein, und für einen Moment veränderte sich die Luft.
Die Taverne nahm alles auf.
Yon sprach mit Bareti über Veränderung. Über Dinge, die einst wichtig gewesen waren und irgendwann nur noch Erinnerung wurden.
„Was gestern noch Wahrheit war, wird irgendwann Erinnerung“, sagte Yon. „Was Erinnerung war, wird irgendwann Staub.“
Er blickte über die Tische.
„Dieser Ort kann süchtig machen. Jedes Mal, wenn sich die Tür öffnet, kann etwas Neues passieren.“
Dann lächelte er schwach.
„Vielleicht zeigt die Taverne Arachnans Wahrheit deutlicher, als ein Tempel es könnte. Nichts bleibt, wie es war. Ein leerer Tisch füllt sich. Ein Fremder wird wichtig. Ein Wort verändert den Abend. Und irgendwann geht alles wieder auseinander.“
Später trank Yon noch einmal vom Most.
Diesmal wartete er darauf.
Doch es kam kein fremder Tisch. Kein Gesicht. Kein leerer Stuhl.
„Schwächer“, murmelte er.
Bareti sagte, es sei nie ganz wie beim ersten Mal.
Yon nickte.
„Als würde die Erinnerung merken, dass man auf sie wartet. Auch Arachnan schenkt keine Gewohnheiten.“
Als der Abend alt wurde, schob Yon die Flasche zu Bareti zurück.
„Stellt ihn bitte zurück. Für das nächste Mal. Ein guter Most. Aber keiner, den man achtlos leertrinkt.“
Dann erhob er sich, strich seine braune Robe glatt und ordnete damit vielleicht mehr als nur den Stoff.
„Ich danke Euch für den Abend. Für den Most. Für Eure Worte.“
Er neigte den Kopf.
„Möge Arachnan, der Dunkle Engel, sehen, was dieser Abend geöffnet hat.“
Dann ging Yon zur Tür. Einen Atemzug lang lauschte er noch den Stimmen hinter sich.
Und irgendwo in der Taverne blieb ein Stuhl leer.