Ein Pfad, den höchsten Gipfel zu erspähen.
15.06.2026 02:11
Email:
Discord:
Ein Pfad, den höchsten Gipfel zu erspähen.
„Weißt du, dass sich in deinen Augen die Kerzenflamme widerspiegelt? Als wären sie das Eis eines gefrorenen Sees bei Nacht. Du lenkst mich ab, mit deinen leeren, kalten Augen.“ ㅤㅤㅤㅤㅤㅤㅤㅤㅤㅤㅤ Blinzeln. ㅤㅤㅤㅤㅤㅤㅤㅤㅤㅤㅤ „Natürlich beschwere ich mich. Du bist fremd hier, uneingeladen, forsch und schamlos. Voller übler Pläne.“ ㅤㅤㅤㅤㅤㅤㅤㅤㅤㅤㅤ Schweigen. ㅤㅤㅤㅤㅤㅤㅤㅤㅤㅤㅤ „Doch! Du hast mich geweckt! Über mich gebeugt, in meinem Bett! Glaube nicht, deine magischen Augen lassen mich das vergessen. Ich mag in andere Augen sehen, wenn ich erwache, nicht in diesen.. diesen schwarzen Schnee! Ja, geh‘ fort, lass‘ mich schreiben.“ ㅤㅤㅤㅤㅤㅤㅤㅤㅤㅤㅤ Stille. Kein Kratzen eines Federkiels. Stille. ㅤㅤㅤㅤㅤㅤㅤㅤㅤㅤㅤ „Du hast meine Gedanken vergiftet! Vergiftest sie gerade! Ignoriere mich nicht! Nein, sieh‘ mich nicht an! Wäre dein Blut nicht so primitiv, würde ich längst.. War das ein Lachen? Taktlos. Halt, Nein, komm‘ nicht näher, komm‘ bloß nicht..!“ ㅤㅤㅤㅤㅤㅤㅤㅤㅤㅤㅤ Mit einem dumpfen Laut wurde das irdene Tintenfass umgestoßen - absichtlich! - und die dunklen Wasser verschlangen das teure Papier. Ancanagar wich eilig zurück, stieß ihren Stuhl um, und entging nur dem Großteil der Tintenflut, die über die Tischkante stürzte. ㅤㅤㅤㅤㅤㅤㅤㅤㅤㅤㅤ Herausforderung in schwarzen, schwarzen, schwarzen Augen. ㅤㅤㅤㅤㅤㅤㅤㅤㅤㅤㅤ Im Affekt: Magie. Der Tau uralten Sternenlichts floss zusammen, hell und heller, verdichtete sich zu einem mentalen Gleißen, und die untote Magierin richtete die Welt mit ihrem Zorn. Sie rief nach tiefster Dunkelheit, nach dem Gewicht des hohen Ozeans, und Verderben stürzte in den unmittelbaren Raum um ihren Feind. Die Luft knisterte, Wellen entkommenden Drucks brandeten gegen die alten Mauern ihrer Turmruine und die entfachte Hitze brachte die verschüttete Tinte zum Brodeln. Und das silbergraue Eichhorn legte lediglich den Kopf schief. ㅤㅤㅤㅤㅤㅤㅤㅤㅤㅤㅤ Der Geschmack von schwerster Tiefsee erntete nur Spott! Die Magie Ancanagars versickerte, kläglich, nutzlos, schon wieder, und das Nagetier stieß abermals an das Tintenfass, um den letzten Rest der ebenfalls teuren Flüssigkeit über eine noch unbesudelte Ecke ihres Papiers zu verschütten. Unfassbar. War das Absicht? War das verwunschene Tier wahrlich mit einem Geist gesegnet? ㅤㅤㅤㅤㅤㅤㅤㅤㅤㅤㅤ Der jähe Zorn war erloschen. Ihr schönes, gemütliches Kleid für gesegnetes Schreiben war befleckt, ihre Arbeit des Abends ruiniert und - wie sie jetzt sah - der Stuhl war so unglücklich gefallen, dass eine Strebe der Holzlehne zerbrochen war. Der Übeltäter war von der Tinte verschont geblieben, das Fell war weiterhin makelloses Silbergrau. Die schwarzen Nageraugen weckten die Erinnerung an etwas Böses, an niedere Dämonen, die Qual und Strafe atmeten. Eine kurze, innere Aufzählung festigte diesen Eindruck: Sie war trotz ihres eigentlich sehr leichten Schlafes erst erwacht, als der - zugegebenermaßen - sehr weiche Schweif ihr Gesicht streifte, das Tier zeigte im Gegensatz zu sonstigem Wildleben keinerlei Vorsicht oder gar Angst, und jeder Versuch es zu vertreiben, ob mit einer scheuchenden Hand, einer geworfenen Robe oder mehreren Anrufungen tödlicher Magie war gescheitert. Mit stummen, beschränkten Gesten hatte das Eichhorn Ancanagar immer wieder gereizt und verspottet. Natürlich hatte sie mehrmals erwogen, den Verstand verloren zu haben, aber die Spuren der Unordnung, die die kleinen Pfoten hinterließen, ließen nur den Schluss auf ein wirkliches Nagetier boshafter Intelligenz zu. ㅤㅤㅤㅤㅤㅤㅤㅤㅤㅤㅤ Dem Feind keine Genugtuung. Die Vampirin versuchte das Tier zu ignorieren und trat an ein altes Schreibpult in der Ecke. Sie hatte noch mehr Papier und noch mehr Tinte und es war wahrlich nicht das erste Mal, dass sie eine Seite ein zweites Mal beschreiben musste. Also abermals:
_________
Ein Versuch, die schwerwiegende Verwirrung, Verirrung und Verlorenheit meinerseits zu ergründen und zu lösen.
Ich bin an einem fremden Ort, der zugleich Heimat ist. Seit Monaten. In einem Augenblick tanzte ich noch mit nackten Füßen auf den gefrorenen Kanälen Düsterhafens, im Loderlicht der brennenden Paläste, dann war ich hier in meinem Turm, allein und fremd. Ich irre von Erinnerung zu Erinnerung und Bekanntes lauert neben Dingen, die ganz anders sein sollten. Ich besuchte die Orte meiner Jugend, meines Lebens, meines frühen wahren Lebens, und überall ein ähnlicher Anblick. ㅤㅤㅤㅤㅤㅤㅤㅤㅤㅤㅤ Doch ich bin nicht allein. Es gibt andere Verlorene, und ich höre das Wispern von Weltenfall und -wanderung. ㅤㅤㅤㅤㅤㅤㅤㅤㅤㅤㅤ Doch dieses Wissen macht - selbst wenn es vollständig wäre - das Gefühl der Verlorenheit nicht wett. ㅤㅤㅤㅤㅤㅤㅤㅤㅤㅤㅤ Doch ich bin nicht allein. Es gibt Namen, die dort und hier zu hören sind, und ich ahne, dass ich nur mit diesen Namen eine Antwort finden kann. Ich bin so verirrt, dass all meine Sicherheit und Ambition, meine Gier und mein Stolz stumpf geworden sind. Das soll nicht bestehen bleiben. Das kann nicht bestehen bleiben. Was bin ich denn, wenn mir mein Streben fehlt? Eine gebrochene Frau, die jede Nacht ihren Durst stillen muss? Nein, ich bin es vielen Erinnerungen und Seelen schuldig, dass dies nicht so ist. ㅤㅤㅤㅤㅤㅤㅤㅤㅤㅤㅤ Daher eine Aufzählung von Namen, die mir womöglich bei der Findung der Antwort auf meine Fragen dienen könnten:
Meine Familie: Meine Schwester Anyera. Meine Anverwandten, so sie zu finden sind: Yerabeth, Eljamo, Istan. Yadran und Neriel, meine Kinder. Vielleicht Nathan Calresh, mein trauriger, ferner Verwandter.
Dann: Mein Meister Arveleh Bengar. Die Dame, die uns auf der Expedition begleitete. Mein Mitdiener Cassius Dessin.
Ebenfalls: Mein alter Freund Aetherium von Finsterrode. Sein Bekannter Kaimond Devenor. Der Magister und Verfluchte Talrim Ethar. Die Dame Bareti mit dem türkisfarbenen Haar.
Ebenso: Sziedeyna. Was bist du für mich? Was dein neuer Freund, in den du so verliebt bist, Thorian?
Wage ich es, auch nur daran zu denken: Der Herr der tiefen See.
Leider: Die schändliche Kreatur, die den Zwillingsthron, der mir und meiner geliebten Kyrii‘linth bestimmt ist, entweiht.
_________
Ancanagar hielt inne. Sie war über den alten Stand hinausgekommen, aber wie immer, wenn sie an ihre dunkle Priesterin dachte, widmete sie einige Momente der Trauer. Wie viele Jahre waren bereits vergangen? Natürlich, zu viele. Irgendwann würde sie die Seelenschuld einfordern, doch noch fühlte sie sich nicht bereit dazu. Immerhin würde sie ein ganzes Volk herausfordern und unterwerfen müssen. ㅤㅤㅤㅤㅤㅤㅤㅤㅤㅤㅤ Ein Rascheln knapp über ihr, gerade als sie seufzen wollte. Ein rascher Blick fand das Eichhorn, auf einem Regal, sorglos herabsehend. Graues, weiches Fell. Es zupfte wie zum Zeitvertreib an einem Fetzen abgerissenen, beschriebenen Papiers herum. War das eine Buchseite? Oh, diese Provokation. Doch diesmal wirkte sie nicht, denn ein Gedanke hatte sich beim Anblick des grauen Fells angeschlichen: Ancanagar verspürte auf einmal Durst. Und Sehnsucht. Und noch mehr Verlangen. Mit Erstaunen und Schrecken spürte sie ihre erwachenden Fänge, als wäre sie frisch geboren und dächte an ihr erstes Mahl. ㅤㅤㅤㅤㅤㅤㅤㅤㅤㅤㅤ Die Schreiblaune war dahin. Sie wollte in die Stadt, wollte in ganz bestimmte graue Augen blicken. Lächelte sie gerade? Das stille Herz in ihrer Brust wollte rasen und zu Lebzeiten wäre sicherlich Röte in die Züge gestiegen; ihre Finger konnten die eiligen Phantomschläge beinahe spüren. Das Eichhorn sah sie erstaunt an. ㅤㅤㅤㅤㅤㅤㅤㅤㅤㅤㅤ Die Vampirin legte die Feder nieder. Dann jedoch hob sie diese noch einmal an, um noch einige Worte unter ihre Liste an Namen zu setzen.
_________ ㅤㅤㅤㅤㅤㅤㅤㅤㅤㅤㅤ
Auch wenn ich dich kaum kenne:
Mireya Aschlicht.
ㅤㅤㅤㅤㅤㅤㅤㅤㅤㅤㅤ
Nächstes Posting: Eine Schuld, die Hände trägt - Mireya Aschlicht
Beiträge in diesem Thread
|