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Eine Schuld, die Hände trägt

Mireya Aschlicht

Mireya saß an der Kante ihrer Bettstatt. Die schwarzen Handschuhe lagen neben ihr, achtlos abgestreift, ebenso wie die dunkle Tunika. Obgleich noch genügend Stoff an ihr hing, fühlte sie sich nackt.

Nicht wegen der Haut.

Wegen der Male.

Wegen der Hände.

Wegen allem, was Hände verrieten, wenn man sie zu lange betrachtete.

Die letzten Tage waren interessant gewesen. Aufschlussreich vielleicht. Ein paar Kontakte waren geknüpft worden. Hilfreiche Kontakte, vermutlich. Diese Kontakte mussten nun nur noch zu Antworten führen. Antworten, mit denen sie nach Düsterhafen zurückkehren konnte. Zurück zu Bengah.

Obgleich die Gefahr groß war, hatte sie Lust, ihn zu pieksen. Nur ganz leicht. Gerade genug, um zu sehen, welche Reaktion geschehen würde. Welche Regung unter dieser Maske lauerte. Ob dort überhaupt noch Gefühle waren oder ob die magische Fokussierung sie allesamt niedergeschlagen hatte, sich dann um den Hals der Gefühle gelegt und langsam zugedrückt, bis keine von ihnen mehr fähig war, einen Laut von sich zu geben. War dort noch Tiefe oder nur eine Oberfläche?
Und wer war diese Frau, die bei ihm gewesen war?

Mireya schloss die Augen und öffnete jenes mentale Notizbuch, das nie Tinte brauchte und dennoch hilfreicher war als jedes Pergament. Namen erhoben sich darin. Gesichter. Stimmen. Gesten. Ein Klang hier, ein Geruch dort, ein Blick, der länger verweilte, als er sollte.

Josephine Tannberg.
Schmiedin der Königin. Auf der Suche nach einem Lehrling. Vielleicht könnte sie eher ein paar mehr davon gebrauchen, wenn Mireya sich an ihre Worte recht erinnerte. Sie war wie Schmiede nun einmal waren: handfest, geradeaus, aus einem Stoff geschlagen, der Hitze und Hammer kannte. Und doch gab es nur wenige Frauen in dieser Stellung. Umso erstaunlicher, dass sie diese erreicht hatte. Vielleicht war sie eine Eintrittspforte zurück in das Reich. Vielleicht nur ein Amboss, an dem sich andere Funken schlugen.

Mireya würde sich freuen, erneut mit ihr zu sprechen.

Aetherium von Finsterrode.
Ehemaliger Rittmeister. Bei Osten, welch ein alberner Titel.
Er war nicht begeistert gewesen von ihrem Versuch, in seinen Geist zu sehen. Ganz und gar nicht. Seine Reaktion war prompt gewesen, scharf genug, um sie sich zu merken. Ohne zu weit in ihn hineinschauen zu müssen, war eines offensichtlich: Er konnte gefährlich sein. Von magischer Tiefe. Gardistisch steif, wie man es wohl kaum ablegte, wenn man diese Strukturen lange genug geatmet hatte.
Aber da war auch Freundlichkeit, vielleicht wie bei Barack. Gewiss nicht mit dessen barschem Ton oder jener Lautstärke, die selbst dem Schmied Bruno Konkurrenz machen konnte. Nein. Anders. Kontrollierter. Vergrabener.

Ich hoffe, dass er nicht zu lange auf mich schaut. Nicht lange genug, um die Schicht um Schicht einer Zwiebel oder eines Gebäcks abzutragen, bis darunter etwas liegt, das keinen Namen tragen sollte. Schau lieber woanders hin, Finsterrode. Schau lieber auf diese Frau. Etwas ist zwischen euch. Vielleicht etwas, das ich verloren habe und das tief in mir Neid aufsteigen lässt; kalt und bitter wie Galle auf der Zunge.

Ich gönne es euch?

Macht es nicht kaputt. Lass mein Sein sein, Finsterrode.

Dennoch hatte er mich eingeladen.

Dann war dort noch dieser andere Finsterrode. Barack. Aetherium. Nun Tan.
Jung und ungeschliffen. Die magische Feder hatte ihn nie berührt, den Blick nie erweitert. Ein Naturbursche, fremd in einer Stadt, die er nicht kannte. Auf der Suche nach seiner Familie. Mireya war sich jedoch nicht sicher, warum er suchte. Einsamkeit? Verbindung? Pflicht? Blut?
Er würde seinen Weg schon finden.
Und dort schien es noch ein Kind dieser Familie zu geben: Alicent.
Vielleicht zu viel der Finsterrodes, aber Mireya hatte lieber Finsterrodes in ihrer Ecke als in der anderen.

Viel gravierender war jedoch das, was geschah, als Aetherium von Finsterrode sie beide verließ.

Dann waren sie nur noch zu zweit dort.

Zwei Frauen zu allzu später Stunde.
Vertrauen.
Vertrauen war eine Komponente von Beziehungen. Eine gefährliche, sehr sogar. Gerade für jemanden wie Mireya.
Ancanagar war fremd. Und dennoch hegte Mireya ein Vertrauen zu ihr, das sie nicht zu erklären vermochte. Es war töricht, vermutlich. Unangemessen. Viel zu rasch. Ein dünner Faden über sehr tiefem Wasser.

Sie hatte ihre Hand verloren und auch wieder nicht.

Mireya hatte eine Hand verloren und auch wieder nicht.

Eine Verbindung vielleicht, die dort erblüht war. Eine lächerlich kleine vielleicht, wenn es nur um Hände gegangen wäre. Aber es war nie nur eine Hand
Nicht bei Wesen, die zurückbekamen, was nicht unversehrt zurückkehren konnte.

„Du hast dein Geheimnis verraten!“, brandete die innere Stimme auf.
„Ein Geheimnis“, erwiderte Mireya. „Nicht das Geheimnis.“
„Ein Geheimnis!“
„Es ist ohnehin nicht auf ewig zu verbergen.“
„Doch, wäre es.“
Nervtötend.
„Wäre es nicht. Was könnte das Schlimmste sein, das mich erwartet? Sie wird mich ja nicht töten.“
„Du weißt nicht, was sie tun wird.“
„Niemand weiß, was irgendwer tun wird.“
„Sie ist neugierig. Und dieses Gefühl giert nach neuem Wissen. Wissen tötet bisweilen. Neugier folglich ebenso.“
Nervtötend.

Mireya schloss die Augen. Ah. Diese wohlige Dunkelheit. Diese Stille. Für einen Atemzug gab es keine Stadt, kein Reich, keinen Kanzler, keine Dämonen in Skara Brae, keine Paladine, keine Magier, keine Namen, die sich wie Haken in ihr Fleisch legten.

Nur Dunkelheit.

Dann griff sie vorsichtig nach der Erinnerung. Nicht grob. Nicht tief. Nur ein Erinnerungsbruch, fein und subtil, als könne man das Knacken im astralen Gefüge hören, wenn man nur still genug war.
„Kal Wis Tym“, murmelte sie.
Etwas in ihr begann zu leuchten. Nicht warm. Nicht hell. Eher wie ein Rest Licht unter Asche.
Da war ein Gesicht. Die Stimme. Der Blick.

Ich bin dir etwas schuldig, Ancanagar. Besiegelt per Handschlag.

Mireya öffnete die Augen wieder und sah auf ihre bloßen Hände hinab. Für einen Moment kam ihr der Gedanke, dass Schulden vielleicht nicht immer Fesseln waren. Vielleicht waren manche Schulden auch Wege, Türen. Schwellen.

Ein Treffen. Irgendwann.

Eine Einladung und ein Treffen.Zwei Münzen derselben Medaille? Ach, Unsinn.
Mireya nahm die Handschuhe, streifte sie langsam wieder über und machte sich auf den Weg in neue Erinnerungen.

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