[Triggerwarnung: Arachnophobie]
Der Narbondel zeigte an, dass es mittlerweile Nacht an der Oberfläche war. Hier in Elashinn gab es keinen Tag-Nacht-Rhythmus, sondern nur das mal stärkere, mal schwächere Leuchten des Narbondel, der den Tagesablauf aller Drow bestimmte. Unweit dieser Art Uhr stand das Haus von Lyr'sa und auf dessen Dacht versuchte ein Sargtlin zu schlafen. Es war keine ruhige Nacht für Tath'raen. Er lag auf seiner Bettrolle in dem Zelt, welches auf dem Dach von Lyr'sas Haus aufgestellt war. Schweiß lief ihm in Ströhmen über die Haut und er wandte sich von der einen auf die andere Seite. Albträume suchten ihn heim, doch ließen ihn nicht hochschrecken, sondern hielten ihn im Traum selbst gefangen; wie eine dunkle Prophezeihung, die ihren Hörigen in ihren Bann zieht.
In seinem Albtraum lag Tath'raen in seinem Zelt und versuchte zu schlafen, doch träumte er davon, immer wieder zu erwachen. Ein Kribbeln fuhr wiederholt über seine Haut, seine Arme und Beine; das Gefühl ging ihm sogar bis unter sein Nachthemd. Als Tath'raen wieder erwachte, blickte er an sich herunter, auf das Grauen und gleichzeitig auf etwas Göttliches: Spinnen. Es waren Hunderte, vielleicht sogar Tausende. Sie kamen von allen Seiten auf ihn zugekrabbelt, eine jede nur maximal so groß wie ein Daumen. Sie kamen durch die offene Zelttür, unter den Zeltwänden und durch eine gepflickte Stelle im Dach. Sie krabbelten alle auf ihn zu. Trotz ihrer Masse, war es nur ein sehr leises polyphones Klicken ihrer feinen Chitinbeine auf dem harten Boden von Lyr'sas Dach.
Tath'raen reagierte, wie ein Drow reagieren würde: gar nicht. Die heiligen Tiere Lloth fanden ihren weg und es ist einem nur möglich, ihnen nicht im Weg zu stehen. Sollte er selbst ihr Ziel sein, war sein Leben bereits besiegelt - die Spinnen holen dich, ob du dich wehrst oder nicht. Falls du dich wehrst, werden sie es jedoch genießen und mit dir spielen. Doch trot diesen Wissens und der Kontrolle über seinen Körper, durchfuhr Tath'raen blanke, kalte Angst. Dies könnte der Moment sein, in dem Lloth sein Leben und seinen Körper einforderte, damit ihre Spinnen sich an seinen Innereien laben können. In diesem Falle kann er nur hoffen, dass die Spinnen ihn mit ihrem Gift zunächst töten - sollten sie ihn nur paralysieren, würde er jeden Biss spühren, bis sein Körper irgendwann aufgibt. Ein grausamer Tot, jedoch nichts ungewöhnliches hier in Elashinn.
Die Masse der Spinnen war bereits Tath'raens Beine hinaufgekabbelt und erreichte nun seine Hüfte. Auch seine Hände waren mittlerweile in der Flut an kleinen Körpern ertrunken. Sie zeigten bisher kein Interesse daran, sich in seine Haut zu wühlen, um dort ihre Eier abzulegen, bisher krabbelten sie nur immer weiter seinem Gesicht entgegen. Tath'raen schluckte schwer, sein Adamsapfel fegte bei der Bewegung eine erste Spinne davon, die seinen Hals bereits erreicht hatte. Es kamen immer mehr Spinnen in das Zelt hinein und bedeckten nach und nach seinen Körper vollständig. Ihre kleinen Beinen wie abertausende Nadelstiche auf seiner Haut.
Nun erreichte die Flut seinen Hals und bald darauf sein Kinn. Tath'raen konnte nicht viel tun als zu warten und zu Beten; an Lloth, auch wenn er wusste, dass sie weder eingreifen würde noch einen Gedanken an ihn verschwendete - er war nur ein Sargtlin und damit austauschbar. Die Spinnen erreichten sein Gesicht, seine Ohren, seinen Mund und Nase. Tath'raen hörte nun das Klicken der Spinnenbeine deutlich, als sie seinen Gehörgang erreichten. Durch die Nase konnte er nicht mehr atmen, da sie durch Spinnenkörper verstopft wurde. Nur durch zusammengebissene Zähne war ihm noch etwas Luft vergönnt, aber er musste langsam atmen, um keines der feinen Spinnenbeine zwischen seine Zähne zu saugen und damit eine Spinne zu verletzen. Als die Spinnen seine Augen erreichten, bemerkte Tath'raen ein ziehen an seinen Lidern, fast so, als wollten ihn die Spinnen zwingen zuzusehen, was als nächstes Geschieht.
Tath'raens Augen rollten in ihren Höhlen. Furcht durchschnitt seinen Verstand und sein Pflichtgefühl lähmte seinen Körper. Dann sah er eine andere Spinne in dem Meer aus schwarzem Chitin. Auf Höhe seines Bauches kabbelte eine Spinne, die sich in ihrer Größe und Art nicht von den anderen unterschied, jedoch im fahlen Licht des Narbondels kobaltblau schimmerte. Die anderen Spinnen zogen an ihren Beinen, rammten gegen sie oder versuchten sie sogar zu beißen, aber die kobaltblaue Spinne fauchte und bahnte sich einen Weg den Körper von Tath'raen hinauf. Immer wieder wurde sie von den anderen Spinnen zur Seite gedrängt, und doch kämpfte sie sich ihren Weg...bis zu Tath'raens linkem Auge. Auf diese Nähe hatte Tath'raen Mühe seinen Blick scharf zu stellen, was er jedoch erkennen konnte war, dass ihm die Spinne mit ihren Augen tief in das Seine blickte. Außerdem sah er die Beißwerkzeuge des kleinen Tieres und er könnte schwöhren, durch seinen verschwommenen Blick sogar so etwas wie Speichel an ihnen zu erkennen. Dieser Moment dauerte jedoch nur ein paar Herzschläge an, bis sich die kobaltblaue Spinne nach hinten lehnten und dann ihre Beißwerkzeuge in den Augapfel von Tath'raen grub.
Ein stechender Schmerz, schlimmer als jede Schlangenpeitsche, durchfuhr den Sargtlin, sodass er seit langer Zeit wieder vor Schmerzen schrie und sofort mehrere Spinnen in seinen Mund eindrangen. Dann nahm Tath'raen ein helles Licht wahr und sah Knochen, die sich zusammensetzten, Leichen, die aus Gräbern aufstiegen und hörte ein Lachen, wie durch eine Mauer hindurch. Dann schreckte Tath'raen hoch.
Die Spinnen waren fort und er saß alleine, nun aufrecht, in seinem Zelt. Kühle Luft drang durch die offene Zelttür hinein und biss in seine schweißbedeckte Haut. Kaum war es dem Sargtlin möglich, sein schnell schlagendes Herz zu beruhigen. An Schlaf war nun nicht mehr zu denken, also hob er seine Decke an und stand auf. Draußen auf dem Dach blickte er über Elashinn und versuchte sich zu erinnern, wo die letzte Flasche mit Pilzschnapps abgeblieben war. Über die Ballustrade und an der Hauswand hinunter krabbelte eine Spinne, die im Licht des Narbondels kobaltblau schimmerte.