Online: 11

Re: Neue Nachbarn - [B]

Shezar stand am Fenster seines neuen Büros im obersten Stock des Gebäudes und ließ den Blick über den Marktplatz schweifen. Die Berichte über das verstärkte Tuscheln nahm er sachlich zur Kenntnis. Es war absehbar gewesen, dass der Einzug des Syndikats Aufmerksamkeit erregen würde. Ein zuvor leerstehendes Gebäude, plötzlich belebt und strukturiert genutzt, blieb in Britain selten unkommentiert.

Der Umzug des Syndikats in das neue Gebäude war nicht geplant gewesen.

Das Hauptgebäude des Syndikats nahe des Hafens war erst vor kurzer Zeit fertiggestellt und bezogen worden. Zunächst schien alles ordnungsgemäß. Doch bereits nach wenigen Tagen traten Unregelmäßigkeiten auf: feine Risse im Mauerwerk, verzogene Türrahmen, ungleichmäßig absinkende Bodenbereiche im oberen Stockwerk. Mitarbeiter berichteten von knarrenden Trägern selbst bei Windstille. Fenster ließen sich nicht mehr sauber schließen.

Shezar beauftragte Ulaf mit einer umfassenden Begutachtung. Dessen Einschätzung fiel eindeutig aus: erhebliche Baumängel, mangelhafte Lastverteilung im Dachstuhl, unzureichend dimensionierte tragende Elemente. Die Statik sei nicht dauerhaft gewährleistet; ein Einsturz könne nicht ausgeschlossen werden.

Daraufhin ließ Shezar das Gebäude umgehend räumen.

Er registrierte nüchtern, dass es ein Fehler gewesen war, Ulaf nicht von Beginn an mit dem Bau zu betrauen. Allerdings befand sich dieser zum Zeitpunkt der Errichtung auf einem längerfristigen Überseeauftrag. Die Entscheidung, einen anderen Baumeister zu wählen, war aus Zeitgründen getroffen worden – mit den nun bekannten Konsequenzen.

Ein Ersatzobjekt musste kurzfristig gefunden werden.

Shezar beauftragte Anna Deton und Fizbain mit der Suche nach einem geeigneten Gebäude. Die Kriterien waren klar definiert: zentrale Lage, kurze Wege insbesondere zur Bank, gute Erreichbarkeit für Kunden, ausreichende Raumstruktur sowie ein vorhandener Keller. Letzteres war zwingend erforderlich. Objekte mit diesen Merkmalen waren in Britain nur begrenzt verfügbar.

Nach mehreren Besichtigungen fiel die Wahl auf das Haus an der Nordseite des Marktplatzes, bis dahin leerstehend. Es entsprach nicht in allen Punkten den ursprünglichen Vorstellungen, erfüllte jedoch die wesentlichen Anforderungen und war kurzfristig verfügbar. Es handelte sich um eine Übergangslösung, bis das Hafenobjekt instandgesetzt oder ein geeigneteres Gebäude zur Verfügung steht.

Der einzige deutliche Nachteil lag in der unmittelbaren Lage am Marktplatz. Der Platz war stark frequentiert: Händler, Handwerker Schreiber, Gelegenheitsmagier und Müßiggänger – jeder glaubte, aus kleinsten Veränderungen Schlüsse ziehen zu können. Die Öffentlichkeit dieses Stadtteils erschwerte diskrete Abläufe und erzeugte unnötige Aufmerksamkeit.

Sein Blick blieb einen Moment länger bei der alten Kräuterfrau hängen. Malau Nemmwig. Seit Jahren am selben Stand, zwischen Salbei, Wermut und ebenso beständigen Gerüchten. Sie wirkte harmlos – doch für Shezars Geschmack war sie etwas zu neugierig. Vielleicht war es bloße Langeweile einer alten Frau. Vielleicht aber auch mehr.

Shezar beschloss, sie im Auge zu behalten.

Beiträge in diesem Thread