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Ein Krieger ohne Banner

Der Wind von Cove roch nach Salz, Tang und Veränderung.

Eric Darten blieb einen Moment stehen, als er die Klippenstraße erreichte. Unter ihm schlug das Meer gegen den Fels, so unnachgiebig wie das Leben selbst. Vor ihm erhob sich ein Haus – oder das, was davon übrig war. Schiefer fehlte auf dem Dach, die Fensterläden hingen schief, und der Putz war vom Sturm der Jahre gezeichnet.

Dein Erbe, hatte der Brief gesagt.
Von deiner Tante.
Eric hatte nie eine Tante gekannt.

Noch vor wenigen Monden hatte Eric das Wappen des Britannischen Reiches auf der Brust getragen. Er hatte in Grenzgefechten gestanden, Feinde zurückgedrängt und Straßen gesichert. Doch der Krieg war teuer geworden – und Männer wie er ebenso.

Die Entlassung war nüchtern erfolgt. Keine Schande, hieß es. Nur Umstrukturierung der Armee. Das Reich dankte für die Dienste.
Nun war er hier. Ohne Sold. Ohne Auftrag. Mit einem Haus, das er nicht gesucht hatte.

Was man ihm nicht gedankt hatte, waren die Jahre.
Eric erinnerte sich an kalte Nächte im Feldlager, an Marschbefehle bei Sturm und Regen, an Kameraden, die gefallen waren und deren Namen längst aus den Listen gestrichen worden waren. Er hatte nicht gezögert, wenn der Befehl kam. Hatte nicht gefragt, ob es sich lohnte. Das Reich hatte gerufen – und er war gegangen.

Und nun hatte das Reich ihn fortgeschickt, als sei er ein zu teuer gewordener Ausrüstungsgegenstand.
Die Wut kam leise, aber tief. Nicht als Ausbruch, sondern als brennender Knoten in der Brust. Er dachte an den Offizier, der ihm das Schreiben überreicht hatte. Freundlich. Bedauernd. Als wäre all das Blut, all die Narben, all die verlorenen Jahre mit einem Stempel abgegolten.

„Keine Schande.“
Eric hätte beinahe gelacht.

Keine Schande vielleicht für jene, die hinter Schreibtischen saßen. Für jene, die Kriege rechneten wie Haushaltspläne. Für jene, die nie erlebt hatten, wie es ist, den Schild zu heben, wenn der Arm längst nicht mehr will.

Seine Hand ballte sich unwillkürlich zur Faust. Er hatte dem Reich alles gegeben, was er hatte – und nun stand er hier, am Rand einer Klippe, mit einem bröckelnden Haus und einem Leben, das plötzlich niemand mehr brauchte.

Und doch…
Trotz der Wut, trotz der Bitterkeit, trotz des Gefühls, verraten worden zu sein, brannte etwas in ihm weiter.
Es war kein Glaube mehr. Kein Ideal. Keine Fahne, der er folgen wollte.

Eric spürte, wie sich etwas in ihm löste – als würde ein altes Versprechen endlich zerreißen. Zu lange hatte er an Worte geglaubt wie Pflicht, Ehre und Dienst am Reich. Zu lange hatte er geglaubt, dass Opfer irgendwann erwidert würden. Dass Loyalität einen Wert besaß, der über Zahlen in einer Kasse stand.

Ideale hatten ihn hierhergeführt – an den Rand der Welt, mit leeren Händen und einem Dank, der nichts bedeutete. Und so schwor er sich, während der Wind von Cove an seinem Mantel zerrte, dass er nie wieder für etwas kämpfen würde, das ihm selbst nichts einbrachte.
Von diesem Tag an würde er nur noch für sich handeln.

Für sein Überleben.
Für seinen Vorteil.
Für das, was er behalten konnte.

Wenn das Reich nahm, was es wollte, dann würde er es ihm gleichtun. Nicht aus Rache, sondern aus Klarheit. Er würde nicht mehr fragen, ob etwas richtig war – nur, ob es ihm nützte.

Wenn das Reich keinen Platz mehr für ihn hatte, dann würde er sich selbst einen schaffen. Nicht als Werkzeug. Nicht als Held. Sondern als Mann, der gelernt hatte, dass man nur zählt, solange man sich selbst behauptet.

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