Das Haus an der Klippe von Cove war still.
Eric Darten hatte den Morgen damit verbracht, lose Bretter am Boden festzunageln und einen der Fensterläden notdürftig zu richten. Es war keine schöne Arbeit, aber ehrliche. Mit jedem Hammerschlag hatte er das Gefühl, wenigstens hier etwas unter Kontrolle zu haben. Das Meer rauschte unterhalb der Klippe, und für einen kurzen Moment wirkte alles beinahe friedlich.
Er kniete gerade neben dem Kamin, als er Stimmen hörte.
Nicht von draußen, sondern im Haus.
Eric erstarrte, griff instinktiv nach dem Schwert und richtete sich auf. Schritte hallten durch den Flur, mehrere Paare, selbstsicher, als gehörten sie hierher. Türen wurden geöffnet, jemand lachte leise, ein anderer murmelte etwas über den Zustand der Balken.
„Was zum—“, begann Eric und trat in den Flur.
Drei Personen standen dort. Zwei Männer in schlichten, aber sauberen Gewändern, und eine Frau mit Schreibtafel. Sie beachteten ihn kaum, sahen stattdessen die Wände, den Boden, die Fenster.
„Das reicht“, sagte Eric scharf. „Raus hier. Sofort.“
Einer der Männer drehte sich um, musterte ihn kurz und runzelte die Stirn.
„Ihr müsst der derzeitige Bewohner sein.“
„Ich bin der Eigentümer“, entgegnete Eric. „Und ich dulde keine Fremden in meinem Haus.“
Die Frau hob den Blick von ihrer Tafel. „Nur vorübergehend“, sagte sie ruhig. „Das Anwesen steht zur Neuvergabe.“
Eric lachte hart auf. „Was für eine Neuvergabe? Ich habe das Haus geerbt.“
Der zweite Mann seufzte, als hätte er diese Diskussion schon zu oft geführt. „Dann hat man Euch offenbar noch nicht informiert.“
Wenig später stand Eric in der Bank von Cove.
Der Raum war kühl, sachlich, nach Pergament und Tinte riechend. Und dort, gut sichtbar an der Wand, hing der Aushang. Offiziell. Mit Siegel.
Eric trat näher und las.
An die Bürger der Stadt Cove sowie an all jene, die
beabsichtigen, sich dort niederzulassen!
Es wurde festgestellt, dass mehrere Anwohner der Stadt
trotz wiederholter schriftlicher Aufforderung
ihren finanziellen Verpflichtungen gegenüber dem Reich
nicht nachgekommen sind.
Infolge dieser Pflichtverletzungen, werden die
betreffenden Personen mit sofortiger
Wirkung aus Cove und dem Hoheitsgebiet des Reiches
verwiesen.
Die nachstehend aufgeführten Gebäude innerhalb der
Stadtmauern, werden
daher im Wege einer Versteigerung, samt Inhalt, neu
vergeben:
Primus Platz 1 – gegenüber der Taverne
„Ankerstübchen“
Primus Platz 3 – zwischen dem Juwelier und dem
Alchemisten
Am Hafen 2 – neben dem Bankgebäude
Das Haus am Berg – im nördlichsten Teil der Stadt
Interessenten werden hiermit aufgefordert, ihr
schriftliches Gebot
eigenhändig verfasst bei Kasch in der Bank zu Cove
einzureichen.
Den Zuschlag erhält der jeweils Höchstbietende.
Die Übergabe der Schlüssel erfolgt nach Abschluss der
Prüfung am Tag der Sonne.
Für das Reich,
Jarik Hohenfeld,
Beauftragter für Liegenschaften und Abgaben“
Eric spürte, wie ihm heiß wurde. Das Haus am Berg. Es war seins. Oder sollte es zumindest sein.
„Meine Tante ist tot“, sagte er schließlich, zum Bankangestellten. „Ich habe das Haus rechtmäßig geerbt.“ Kasch hinter dem Schalter zuckte kaum merklich mit den Schultern. „Offene Abgaben“, sagte er. „Schon seit Jahren. Das Reich wartet nicht ewig.“
Eric dachte an die fremden Schritte in seinem Haus. An fremde Blicke auf seine Wände. Auf sein Dach. Auf das Wenige, das er noch besaß.
Er verließ die Bank ohne ein weiteres Wort.
Jetzt wusste er: Man hatte ihn nie ankommen lassen wollen, steckt vielleicht mehr dahinter? Und während sich seine Hand wieder zur Faust ballte, wurde ihm klar, dass dies kein Missverständnis war. Kein Versehen. Es war eine Prüfung.
Und Eric Darten hatte nicht vor, sie kampflos zu verlieren.
Am Ende des Tages zog es Eric hinunter zur Taverne, wo Gerüchte ebenso flossen wie billiges Bier. Mit einer Hand am Krug und der anderen am schwindenden Geldbeutel wusste er: Wenn er dieses Haus, nein, seine neue Existenz hier aufbauen wollte, brauchte er Gold – und mehr Informationen, egal auf welche Weise.