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Zwangsversteigerung in Cove

Paranax von Kord

Mit der Zeit hatte er sich wirklich gut eingelebt. Gab es doch am Hafen so gut wie täglich etwas zu tun. Händler kauften ihm sein Leder,
Weine oder andere Waren ab, und wenn man bereit war zu verhandeln, fand sich meist auch jemand, der ein paar Münzen lockermachte.
Es war kein großes Geschäft, doch es reichte, um über die Runden zu kommen.
Auch wenn er es im Grunde nicht nötig gehabt hätte, verschaffte ihm diese Arbeit eine Beschäftigung, der er gerne nachging.
Sie füllte seine Tage, gab seinem Alltag eine gewisse Struktur und bewahrte ihn davor, die Leere allein mit Wein zu überbrücken.

Das Leben in Cove gefiel ihm von Tag zu Tag mehr. Die Kneipe, die Menschen, das geschäftige Treiben.
Es war lange her, dass er sich so selbstverständlich unter anderen bewegt hatte. Niemand kannte ihn hier.
Seine Vergangenheit, keine Fragen und das war genau das was er brauchte.

Was Wohnraum anging, war die Situation innerhalb der Stadtmauern allerdings etwas schwierig. Häuser waren rar und entsprechend begehrt.
Außerhalb Coves konnte man sich mit genügend Gold zwar etwas Eigenes errichten, doch das kam für ihn nicht in Frage.
Lag sein Anwesen vielleicht einen Tagesritt weit entfernt, aber in der Stadt selbst zu wohnen hatte einen anderen Wert. Er hielt also die Augen ständig offen.

Wie schon an vielen Abenden zuvor zog es ihn meist gegen Sonnenuntergang in die Richtung des Ankerstübchens.
Derry hatte in letzter Zeit gut zu tun. Soldaten der Reichsarmee, Seeleute vom Hafen und die restlichen Einwohner drängten sich gleichermaßen in und vor der Gaststube.
Wer einen Sitzplatz ergattern wollte, musste früh kommen oder einfach nur Glück haben.

Paranax besorgte sich einen Krug Wein und ein Glas, lehnte sich an einen der Stehtische vor der Taverne und beobachtete das Treiben.

Zwei junge Soldaten unterhielten sich darüber, dass sie bald in eine Grenzpostenrotation versetzt würden und nicht mehr lange in Cove stationiert seien.
Ein paar Seemänner stritten mit Lorenzo, dem Kleinversorger der Stadt, über minderwertige Seile, die angeblich nichts taugten.
Und etwas abseits sprach Kasch, der Bankier, mit Kasen, dem Fleischhacker,
über einen Aushang, der am nächsten Tag angebracht werden sollte, wohl einer im Namen des Reiches.

Paranax hörte nur beiläufig zu, trank seinen Wein und machte sich später auf den Weg zum Hafen,
wo er die Nacht unter freiem Himmel verbrachte.

Am nächsten Morgen führte ihn sein erster Gang direkt zur Bank.
Schon aus der Ferne sah er das Pergament an der Anschlagtafel flattern.
Einige Bürger standen bereits davor und lasen diesen aufmerksam, einige davon sich wohl vor Freude die Hände reibend.

Er trat dann etwas näher und überflog die fein säuberlich geschriebene Nachricht:

An die Bürger der Stadt Cove sowie an all jene, die beabsichtigen, sich dort niederzulassen!

Es wurde festgestellt, dass mehrere Anwohner der Stadt trotz wiederholter schriftlicher Aufforderung
ihren finanziellen Verpflichtungen gegenüber dem Reich nicht nachgekommen sind.

Infolge dieser Pflichtverletzungen, werden die betreffenden Personen mit sofortiger
Wirkung aus Cove und dem Hoheitsgebiet des Reiches verwiesen.

Die nachstehend aufgeführten Gebäude innerhalb der Stadtmauern, werden
daher im Wege einer Versteigerung, samt Inhalt, neu vergeben:

Primus Platz 1 – gegenüber der Taverne „Ankerstübchen“
Primus Platz 3 – zwischen dem Juwelier und dem Alchemisten
Am Hafen 2 – neben dem Bankgebäude
Das Haus am Berg – im nördlichsten Teil der Stadt

Interessenten werden hiermit aufgefordert, ihr schriftliches Gebot
eigenhändig verfasst bei Kasch in der Bank zu Cove einzureichen.

Den Zuschlag erhält der jeweils Höchstbietende.
Die Übergabe der Schlüssel erfolgt nach Abschluss der Prüfung am Tag der Sonne.

Für das Reich,
Jarik Hohenfeld,
Beauftragter für Liegenschaften und Abgaben“

Seine Augen weitenden sich, der Blick blieb einen moment lang bei "Am Hafen 2" hängen.
Er kannte das kleine Haus sehr gut, saß er doch jeden Tag daneben und sah nie jemanden ein oder ausgehen.
Es ist gut gelegen, eigentlich direkt am Geschehen, aber auch nicht mitten im Gedränge nahe der Taverne.
Sozusagen eine durchaus brauchbare Bleibe.

Ohne wirklich lange zu überlegen betrat er die Bank. Drinnen war es zu dieser Stunde noch etwas ruhiger,
doch würde sich das schnell ändern, umso mehr Leute den Aushang gelesen haben.
Kasch stand hinter seinem Tresen und sortierte eine Hand voll Dokumente.

Paranax nahm sich die Feder und Tinte, zog ein klein geschnittenes,
für die Versteigerung vorbereitetes Pergament zu sich und setzte sein Gebot auf.
Er bot mehr, als vermutlich nötig gewesen wäre, doc eine solche Gelegenheit würde sich so schnell nicht wieder ergeben,
und er wollte kein Risiko eingehen.

Kasch nahm das kleine Schriftstück entgegen, überflog es kurz,
musterte ihn und hebte kopf schüttelend eine Augenbraue ehe er es zu den anderen legte.

„Wir melden uns dann wenn alle Angebote eingetroffen sind und die Gebote besichtigt wurden.“, sagte er knapp in seine Richtung.

Er nickte nur und verließ anschließend das Gebäude.
Draußen blieb er kurz stehen und sah hinüber zu dem Haus
neben der Bank. Es war wirklich nichts Besonderes,
aber es würde für seine weiteren Pläne erstmal genügen.

Ob andere ebenfalls bieten würden, wusste er nicht.
In Cove gab es immer wieder jemanden mit Gold in der Tasche oder am Körper.
Doch er war sich sicher, dass nur wenige so hoch ansetzen würden wie er.

Mit diesem Gedanken machte er sich wieder auf den Weg raus aus der Stadt,
schliesslich würde sich das gefragte Leder nicht von alleine in seine Beutel begeben.

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