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Das Gift im Wurzelwerk

Ein namenloser Chronist

Tief unter dem uralten Zauberwald von Yew, dort wo die Wurzeln der ältesten Eichen wie verkrallte Finger in die Erde greifen, liegen die vergessenen Krypten. Die Yewcrypts waren nie bloß ein Friedhof, sondern ein Gefängnis für Wesen, deren bloße Existenz als Frevel galt. Vor Äonen wurden dort ein Nekromant eingemauert, gebunden durch Bannkreise, Runensiegel und das Opfer ganzer Orden. Man errichtete Mauern aus gesegnetem Stein, versiegelte Hallen mit uralten Formeln und ließ sie in ewiger Finsternis zurück. Niemand sollte sie je wieder hören.

Nun aber sind sie erwacht.

Mit klirrenden Knochen und wehenden Fetzen verrotteter Roben, suchen sie die alten Hallen heim. Ihre Leiber bleiben gefangen hinter verschlossenen Toren, eingestürzten Durchgängen und Siegeln, die noch immer halten. Kein untoter Heerzug marschiert aus den Tiefen, kein fauliger Atem steigt aus offenen Schächten empor. Die Krypten sind weiterhin ein Kerker. Doch was man nicht bedacht hatte: Gedanken lassen sich schwerer einsperren als Körper.

Wie kalter Nebel sickern ihre finsteren Bewusstseinsströme durch Risse im Stein, durch Haarlinien im Bann, durch das unsichtbare Gewebe der Magie selbst. Der zum Lich gewordene Nekromant flüstert nicht mit Stimmen, mit Zweifel, mit Müdigkeit und Bitterkeit. Sein uraltes Wissen, seine Verachtung für das Leben und ihre geduldige Bosheit tasten sich nach oben, erreichen die Wurzeln, das Erdreich, das mythische Geflecht, das Yew durchzieht.

Der Zauberwald reagiert.

Blätter welken an einzelnen Zweigen, obwohl keine Jahreszeit es gebietet. Tiere verharren plötzlich reglos, als lauschten sie etwas, das nicht für lebendige Ohren bestimmt ist. Manche der Elfen berichten von Träumen, die nicht die ihren sind: Visionen von schwarzen Türmen, von kaltem Sternenlicht auf Knochen, von endlosen Bibliotheken aus Staub und Schädeln. Druiden spüren, dass der Fluss der Natur an manchen Stellen stockt, als wäre ein dunkler Schatten in das lebendige Gewebe eingewoben worden.

Der zum Lich gewordene Nekromant kann die Krypten nicht verlassen. Die Siegel halten – noch. Der Zauberwald bleibt grün, doch in seinem Innersten hat sich etwas verschoben. Und tief unter den Wurzeln warten die Gefangenen geduldig, tastend, lernend – bis sie mehr finden als nur vereinzelte Risse im Stein.

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