Online: 11

Das Haus Noquar

Selyndiira Noquar

Menzoberranzan ist kein Ort der Stille, sondern ein Ort der gedämpften Schreie.

In den Schatten der Stalaktiten, wo das schwache Licht der Pilze kaum die Umrisse der hoch aufsteigenden Türme offenbart, herrscht ein Gesetz, das älter ist als die Steine selbst: Überleben ist ein Privileg, kein Recht.

Für das Haus Noquar war dieses Privileg für viele Jahrzehnte in weite Ferne gerückt. Während die Geschichten der Oberwelt in Sonnenzyklen gezählt werden, rechnet die Unterwelt in Intrigen und dem langsamen Verblassen von Namen.

Dies hier ist die Chronik der Rückkehr, der Aufstieg der Selyndiira und die Neuschmiedung eines Namens, der beinahe in Vergessenheit geraten wäre.

Alles begann wie so oft mit einer Stille, die lauter schrie war als jeder Schlachtruf. Vor vielen Jahren sandte das Haus Noquar eine Expedition an die Oberwelt. Es war eine Zeit des Aufbruchs für Felyndiira, die damalige Ilharess des Hauses. Sie war getrieben vom Hunger nach Macht und dem Willen Lloths.

Doch die Verbindung riss ab, die Boten kehrten nicht mehr zurück, die magischen Spiegel blieben trüb und die Portale in die feindselige Oberwelt schlossen sich.

In Menzoberranzan bedeutete das Verschwinden einer Ilharess Schwäche – und Schwäche ist wie die Blutspur eines verletzten Tieres, die Jäger anzieht.

Ohne die Führung Felyndiiras und ohne die Stärke ihrer treuesten Krieger, die im Exil oder im Staub der Oberwelt verschollen waren, begann der langsame Zerfall. Die anderen Häuser blickten herablassend auf die Überreste von Noquar, während interne Kämpfe das Haus von innen heraus zerfraßen.

Doch in den Tiefen Tier Breche, in der Arach-Tinilith, regte sich etwas.

Selyndiira, eine Yathalla des Hauses, erkannte, dass das Verstummen an der Oberwelt eine Chance sein würde und kein Fluch. Während andere über das Schicksal der „Verschwundenen“ rätselten, begann sie, neue Fäden zu spinnen. Sie wollte nicht auf eine vermeintliche Rückkehr der Ilharess warten. Denn egal ob diese zurückkehrte oder nicht: Sie war bei Lloth in Ungnade gefallen, das stand fest.

Selyndiira nutzte die Gunst der Stunde für gezielte Attentate auf die verbliebenen Loyalisten. Sie bezahlte Auftragsmörder, um ihre eigene Position zu sichern, ohne dass das Haus sich im offenen Bürgerkrieg völlig selbst zerstörte.

Es war eine „stille Reinigung“. Gift im Wein eines Cousins, ein Dolchstoß in einer dunklen Gasse für einen widerspenstigen Waffenmeister. Selyndiira flüsterte den Zweiflern zu, dass die alte Führung Noquar und Lloth verraten habe – sie seien im Sonnenlicht schwach geworden.

Sie präsentierte sich als die rettende Hand, die das Haus zurück in die Gunst der Spinnenkönigin führen würde.

Die Stille im Thronsaal war trügerisch. Selyndiira saß im Schatten einer großen Spinnenstatue aus Adamant und beobachtete ihre Rivalin Ilyndra, ebenfalls eine Hohepriesterin des Hauses. Diese glaubte noch fest an die Rückkehr von Felyndiira. Sie war konservativ, starrsinnig und damit ein Hindernis für die neue Ordnung.

„Dies ist nur eine Prüfung Lloths“, sagte sie immer wieder. „Sie wird mit den Schätzen der Oberwelt zurückkehren. Wehe jenen, die ihren Thron besetzen wollen!“ Selyndiira lächelte nur, denn dies war Ilyndras Todesurteil.

Selyndiira hatte Sarkul und Rhyl’tar zu sich gerufen. Beide waren Attentäter, lautlos wie ein sterbender Atemzug. „Die Zeit ist gekommen“, flüsterte sie leise. „Ilyndra wird heute ihr letztes Gebet sprechen – und sie wird nicht die Einzige sein.“

Sarkul verschwand ohne ein Wort in der Dunkelheit. Er hatte die Aufgabe, die Wachen zu korrumpieren oder zu beseitigen, die noch treu zum alten Banner standen. Rhyl’tar hingegen sollte das „Grobe“ erledigen – die jungen Krieger, die sich Hoffnungen auf Ilyndras Gunst machten.

Ilyndra kniete gerade vor einer Statue Lloths, als Selyndiira den Raum betrat. Sie bemerkte die Gefahr erst, als der Geruch von Blut den Raum füllte – das Blut ihrer Wachen, die Rhyl’tar gerade lautlos hingerichtet hatte.

„Lloth belohnt keine Wartenden, meine liebe Ilyndra. Sie belohnt die, die sich nehmen, was ihnen zusteht.“

Mit einer Handbewegung gab Selyndiira das Signal. Es gab kein episches Duell; in Menzoberranzan gibt es keine fairen Kämpfe.

Sarkul trat aus dem Schatten hinter der Statue hervor und trieb einen vergifteten Dolch direkt zwischen Ilyndras Schulterblätter. Die Hohepriesterin sackte zusammen. Ihre Lippen formten einen lautlosen Fluch, während das Gift bereits ihre Stimmbänder lähmte. Selyndiira trat vor, packte die sterbende Priesterin am Kinn und zwang sie, ihr in die Augen zu sehen:

„Sag Felyndiira schöne Grüße, wenn du sie im Abgrund triffst. Falls Lloth überhaupt noch weiß, wer sie ist.“

Als der Widerstand innerhalb der Mauern von Noquar endgültig gebrochen war, trat Selyndiira aus den Schatten hervor. Sie rief die Verbliebenen zusammen, die sie beim Umsturz unterstützt hatten: Darunter waren Rhyl’tar, Yas’Raena, Maldrak, Sarkul und Vern’na.

Es waren Meister ihrer Fachgebiete, deren Kaltblütigkeit Selyndiiras Aufstieg durch die gezielte Ausschaltung jeglicher Konkurrenz erst ermöglicht hatte.

Das Haus Noquar wurde nicht einfach wiederhergestellt – es wurde neu geboren. Die alte Ilharess? Nur noch ein Name, den man nicht mehr ausspricht; ein Geist der Vergangenheit.

Nach Jahren der brutalen Selektion war das Haus Noquar wieder bereit. Die Kundschafter berichteten, dass die Wege zur Oberwelt wieder passierbar sind.

Die alte Gruppe, die einst an die Oberfläche gesandt wurde, wird nun nicht mehr als Anführer gesucht. Sie sind nun verlorene Söhne und Töchter, die sich der neuen Ordnung zu unterwerfen haben.

Selyndiira führt das Haus nun mit eiserner Hand. Ihr Ziel ist nicht nur die Rückkehr zum alten Glanz, sondern die totale Dominanz. Die Oberwelt wird den Zorn und die List jener Drow spüren, die viel zu lange im Schatten gewartet haben.

Beiträge in diesem Thread