Online: 11

Die fünfzehnte Krause – Endos' Meisterwerk

Endos

Endos kratzte sich am Kopf.

Mit leerem Blick und offenem Mund stand er da, während die rechte Hand in gleichmässigen Bewegungen über sein Haupt kratzte, als ob er durch sein Gegenüber hindurchsehen würde. Nach einigen Sekunden begann er sich zu fassen, und die Hand wanderte langsam zum Kinn hinunter, während sich die Kratzbewegungen fortsetzten. Sein Blick wurde wacher, als würden die Worte seines Gegenübers schlussendlich den Weg vom Ohr zum Hirn zurückgelegt haben.
Ein leises Zucken um die Augen musste sichtbar sein, ausgelöst durch Zweifel, die mit einem Male durch ihn hindurchgingen.

Hatte er richtig gehört?

„Eine Plattenrüstung…
aus Schwarzfels…
und einer Legierung aus dem Metall der Unverwundbarkeit…?“

fragte er mit schwacher Stimme, die die Zweifel kaum zu verbergen vermochte.

„Und dazu alle von ausserordentlicher Qualität…
und alle Teile mit der gleichen verbesserten Widerstandskraft?“

Während dieser letzten Worte wanderte die Hand wiederum unbewusst zur Stirn und strich sich einige Schweissperlen weg.
Er war schon lange Schmied und beherrschte dazu auch einige andere Handwerke. Er hatte schon viele sonderbare Kundenwünsche erlebt, und insbesondere seit er zum Blackrocksyndikat gestossen war, waren ausgefallene Anfragen häufiger geworden.

Aber eine derartige Anfrage…

Sein Blick wanderte zum Amboss und zur Esse, schweifte über die verschiedenen Zangen und Hämmer, die dort hingen. Ob er wohl neues Werkzeug brauchen würde, um auch nur die geringste Hoffnung zu haben, eine derartig hochqualitative Rüstung fertigen zu können?

„Ihr habt recht verstanden, genau diese Resistenz.“

Endos schluckte kurz leer, und während die Hand wieder zum Hinterkopf wanderte, senkte er das Haupt und sprach leise:
„Nun… um…“ ein Räuspern „lasst mich mal meine Bestände prüfen, einen Moment.“

Mühselig stieg er die Leiter hinunter in den Keller unter seinem kleinen Häuschen. Hier lagerten seine Vorräte an edlen Metallen. Er blieb vor einem Stapel mit schwarzen Metallbarren stehen.
Nervös betrachtete er die ansehnliche Menge, und dennoch stieg Unruhe in ihm auf. Gedanklich begann er zu rechnen… Wie viele Versuche hatte er letztens gebraucht, bis die Rüstung zur Zufriedenheit des Kunden vollendet war?
„Es wird viel Verschleiss geben“, murmelte er brummig vor sich hin.

Er stieg wieder die Leiter empor, und sein Kunde stand noch immer auf demselben Fleck, den Blick in stoischer Ruhe vor sich gerichtet.
„Nun…“ sprach Endos erneut mit unsicherer und brüchiger Stimme, „ich habe einen guten Bestand an Schwarzfels“, dann zögerte er einen Moment, „wir werden sehen, ob es reicht und ob mir gelingt, was Ihr wünscht.“

In seliger Ruhe antwortete der Kunde daraufhin:
„Wir fangen mit der Halskrause an, ich zähle auf Euer glückliches Händchen“, und verschwand aus dem Raum ohne ein weiteres Wort.

Was für ein Auftrag.

Endos setzte sich erschöpft auf seinen Stuhl und legte die Hände in den Schoss. Ob er sich übernommen hatte? Was würde geschehen, wenn es ihm nicht gelang, das Stück den Erwartungen des Kunden entsprechend zu fertigen? Hätte es Konsequenzen? Wer würde ihn für all die verschwendeten Metalle entschädigen? Wie würde sein Ruf im Syndikat leiden?

Beim Gedanken an das Syndikat schöpfte er jedoch auch etwas Mut.
„Das Blackrocksyndikat“, sprach er leise vor sich hin. Der Name sagte es bereits, vielleicht würden seine Kollegen ihm im Zweifelsfall helfen können. Zwar war das Syndikat noch reduziert nach den jüngsten Tumulten, und viele der Mitglieder schienen noch verschollen. Aber dennoch… das Syndikat würde ihn unterstützen.

Aus diesem Gedanken schöpfte er Mut, erhob sich und ging schwer atmend mit eiligem Schritt zur Esse. Trotz der fortgeschrittenen Stunde begann er die Glut neu einzuheizen und schleppte einige der schweren schwarzen Barren aus dem Vorratsraum nach oben in die Werkstatt. Er legte sie sorgsam in der Nähe der Esse ab und begann dann zuerst etwas Eisen einzuschmelzen.

Mit kräftigen Hammerschlägen begann er den glühenden Block zu verformen. In einem scheinbar endlosen Wechselspiel zwischen Erhitzen und Verformen wurden langsam, aber sicher die Konturen einer Halskrause sichtbar. Noch roh, noch zu dick, aber dennoch bereits klar ersichtlich, was er zu fertigen beabsichtigte.
Nach vielen weiteren Stunden war schliesslich die Nacht über das Tal nördlich von Minoc hereingebrochen, und Endos hielt prüfend die fertige Halskrause in die Höhe. Nachdem ihm die Form passend erschien, hatte er sie poliert, um die Rückstände der Herstellung zu entfernen und dem Stück einen ansehnlichen Glanz zu verleihen.

Prüfend betrachtete er das Stück. Es schien ihm von ausgezeichneter Qualität zu sein, aber vermochte es auch die Anforderungen an eine herausragende Qualität zu erfüllen?

Dann legte er die Krause auf den Amboss, nahm ein von Kohlerückständen verfärbtes Tuch und wischte sich mit einer Ecke, die noch einigermassen sauber schien, den Schweiss von der Stirn. Er begab sich nach draussen und setzte sich in der kühlen Abendluft auf die Treppe vor seinem Häuschen. Nachdenklich zündete er eine Pfeife an.

Mehrere Stunden hatte es gedauert, diese eine Krause herzustellen, noch dazu aus Eisen. Schwarzfels würde wesentlich härter und schwerer sein. Es würde ihn mehr Anstrengung und Zeit kosten, und die Eigenschaften des Metalls erhöhten das Risiko. Es würde viel Zeit in Anspruch nehmen, das Metall genügend zu erhitzen, und er würde es nicht beliebig erneut aufheizen können. Jeder Handgriff musste vom Beginn weg sitzen, ansonsten riskierte er, das eingesetzte Metall zu verlieren.


Er hatte eine unruhige Nacht, wälzte sich im Schlaf und ging in Gedanken bereits die Handgriffe und Abläufe durch, die nötig sein würden. Und so erhob er sich bereits früh und heizte die Esse deutlich früher ein als üblich.
Er wiederholte jeden Schritt des Vortags, aber dieses Mal mit dem deutlich härteren Schwarzfels. Es dauerte den ganzen Tag bis in die Abendstunden, bis er schliesslich die Halskrause soweit vollendet hatte, dass sie ihm gelungen schien.
Und sogleich machte er sich angespannt an die Überprüfung, ob denn die Qualität und die Widerstandskraft den Erwartungen entsprechen würden. Seine Augen wurden grösser, als er erkannte, dass ihm im ersten Versuch ein beinahe perfektes Stück gelungen war. Mit weiter ansteigender Anspannung begann er das Stück mit verschiedenen Essenzen zu beträufeln, um die Widerstandskraft gegen unterschiedliche Kräfte zu prüfen.
Ungläubig sah er zu, wie die Lösung zur Überprüfung der Widerstandskraft gegen Gift von der Krause abtropfte. Er hatte eine nahezu perfekte Halskrause gefertigt, die hervorragend gegen Gift schützte.

Entnervt legte er die Krause auf den Amboss und liess sich in den nahen Stuhl zurücksacken. Den Kopf in eine Hand gestützt betrachtete er das Meisterstück nachdenklich. Beinahe perfekt… aber nicht das, was sein Kunde bestellt hatte.
Ein ganzer Tag Arbeit, viel Schwarzfels verbraten, ein nahezu perfektes Produkt, und dennoch würde er dafür keine einzige Goldmünze bekommen.
Mit einer Mischung aus Frust und Zuversicht legte er sich an diesem Abend ins Bett und hatte eine deutlich bessere Nacht.


Am frühen Morgen startete er mit derselben Routine vom Vortag und machte sich sogleich an die Arbeit. Es war ihm im ersten Anlauf beinahe gelungen, dann sollte es doch möglich sein, heute eine zweite Halskrause zu fertigen, die dann mit Sicherheit die richtigen Eigenschaften hätte.
In seiner Zuversicht und Eile musste er wohl mit etwas zu viel Selbstvertrauen gearbeitet haben, denn als er am Abend wiederum sein Werk kritisch prüfte, musste er mit Schrecken feststellen, dass ihm ein kleiner Fehler unterlaufen war. Die Halskrause war wiederum gut gefertigt, aber die Halsöffnung war etwas zu klein geraten für die Masse, die er vom Kunden genommen hatte.

Konsterniert legte er die Krause neben diejenige vom Vortag. Seine Gedanken schweiften kurz zu seinen Vorräten. Müsste er die Krausen wieder einschmelzen und grosse Verluste in Kauf nehmen? Oder sollte er warten, bis sich eines Tages ein Kunde für diese beiden Stücke fand?
Grimmig betrachtete er die beiden Halskrausen wiederum aus seinem Stuhl. Es sollte ihm eine Lehre sein. Hochmut kommt vor dem Fall. Morgen würde er sich mehr Mühe geben, und dann würde es ihm bestimmt gelingen, den Auftrag fertigzustellen.


Was folgte, waren Tage, die ihn an den Rand eines Nervenzusammenbruchs brachten.
Tag um Tag fertigte er eine neue Halskrause, ohne jedoch alle Anforderungen zu erfüllen. An einem Tag kamen durch einen kleinen Unfall Verunreinigungen ins Metall, an einem anderen gelang ihm wohl eine Krause von herausragender Qualität, die jedoch nicht die richtigen Resistenzen aufwies.

Nach dreissig Tagen und dreissig Versuchen nahm er schliesslich den letzten Barren Schwarzfels aus dem Keller. Heute musste es ihm gelingen, ansonsten wäre er verloren. Er hätte keine Möglichkeit mehr, den Auftrag zu erfüllen und für die bisherigen Auslagen und das verbrauchte Schwarzfels entschädigt zu werden.

An diesem Tag arbeitete er noch vorsichtiger als sonst und bemühte sich, alle Fehler der letzten Tage zu vermeiden. Deutlich später als sonst war er schliesslich fertig mit seinem Werk und prüfte wiederum die Qualität. Erneut ein herausragendes Stück, das seinem Berufsstand alle Ehre machte.
Als er das Stück wiederum mit den verschiedenen Essenzen beträufelte, überkam ihn der Schock.

Erneut nicht die richtige Resistenz.

Wütend warf er die Krause in eine Ecke und stampfte aus der Türe. Ohne etwas Weiteres mitzunehmen und mit kohleverdreckten Armen und Kleidern machte er sich auf den Weg in die Stadt Minoc. Er brauchte Gesellschaft. Er brauchte ein Zwergenbier.


An diesem Abend ertränkte er seinen Frust und seine Sorgen im goldenen Getränk. Während er sich zuerst zurückhielt, begann die Zunge im Verlauf des Abends lockerer zu werden, und er teilte sein Leid mit Berufskollegen. Besonders dieser eine Miner, Malik, schien Mitleid mit ihm zu haben, und den ganzen Abend verhandelten sie bei einem Bier nach dem anderen die Eigenschaften von Metallen und die Eigenheiten des Schmiedens, bis sie sich gegen Ende kaum mehr verstanden.

Am anderen Morgen erwachte er mit einem dicken Schädel in einem Gebüsch vor einem Zelt. Als er sich umsah, erkannte er das Minencamp vor Minoc, und die Schmerzen in seinem Kopf wurden verstärkt durch zahlreiche Hämmer, die in den Zelten um ihn herum auf Ambosse schlugen.

Während er sich aufrichtete, hörte er eine nicht unbekannte Stimme.

„Endos! Komm her!“

Als er sich umsah, brauchte er einen Moment, bis er Stimme und Gesicht seinem Kollegen vom Vorabend zuordnen konnte. Malik Ohnesorg sah ihn grinsend aus seinem Zelt an und schien erstaunlich wach.

„Heute lösen wir dein Problem! Komm her!“

Mühsam und schwer atmend erhob sich Endos und folgte Malik in das Zelt, wo dieser eine Kiste öffnete, die voller Schwarzfelsbarren war.
Endos setzte sich auf einige Holzlatten, die im Zelt so etwas wie ein Gestell bilden sollten, und senkte den Kopf nachdenklich zwischen seine Hände. Nach einer Weile streckte Malik ihm einen Weinschlauch entgegen.

„Nimm.“
Endos verzog das Gesicht und winkte umgehend ab.
Malik lachte. „Es ist Wasser.“

Woraufhin Endos ebenfalls lachen musste und gierig einige Schlucke trank.
Ohne viele weitere Worte legte er Malik dankbar die Hand auf die Schulter und griff dann nach einem Hammer, der in der Nähe des Ambosses hing.
Und so versuchte Endos an den folgenden Tagen erneut, die perfekte Halskrause herzustellen.


Einige Male war er wieder am Verzweifeln und wollte den Hammer in eine Ecke werfen, aber Malik ermutigte ihn immer wieder und deutete auf die diversen nahezu perfekten Halskrausen, die er bereits gefertigt hatte.
Und nach einigen weiteren Tagen war es auf einmal so weit.
Als er gegen Abend wiederum eine beinahe perfekte Halskrause mit den verschiedenen Essenzen prüfte, rann die Lösung zur Überprüfung der physischen Widerstandskraft genau so am Metall entlang, wie sie es sollte.
Er hatte es geschafft.

Beinahe wie ein Geschenk der Götter hielt er die finale Halskrause in die Höhe, als wolle er es der ganzen Welt zeigen.

Nach über vierzig Versuchen hatte er es geschafft. Vierzehn dieser vierzig Krausen waren von einer herausragenden Qualität gewesen, die jeden Schmied stolz gemacht hätten. Aber erst das fünfzehnte Stück war wirklich perfekt und entsprach vollumfänglich den Wunschvorstellungen des Kunden.
Endos fasste sich beinahe ungläubig an den Kopf. Es grenzte an Verrücktheit. Wie viel Schwarzfels hatte er sinnlos verbrannt, nur um am Schluss mit diesem einen Stück dazustehen.

Es handelte sich um ein wahres Meisterstück. Und es würde auch den Preis eines wahren Meisterstücks haben.


Zwei Tage später war er auf dem Weg nach Minoc. Er hatte die Halskrause in ein feines Tuch eingewickelt, das Anna ihm mitgebracht hatte. Anna, die ihn begleiten würde und ihm im Namen des Syndikats beiseite stand, sollte es auf dem Weg, in der Stadt oder gar mit dem Kunden Probleme geben.

Der Kunde trat nach wenigen Minuten wie vereinbart vor der Bank von Minoc aus dem Schatten eines Baumes hervor. Ohne ein Wort zu sagen marschierte er auf Endos zu und blieb wortlos, aber mit durchdringendem Blick vor ihm stehen.
Endos nahm die Halskrause im Tuch vorsichtig aus seiner Tasche und öffnete beinahe andächtig den Stoff, um den Blick auf das Metallstück freizugeben.

„Es ist ein Meisterwerk“, sprach er mit beinahe brüchiger Stimme, „und es hat mich fast um den Verstand gebracht.“

Der Besteller sah interessiert auf das Tuch hinab und begutachtete die Halskrause, ohne jedoch seine Hände zu bewegen.

„Wieviel?“

Endos nannte den Betrag etwas betreten, und der Mann langte ohne mit der Wimper zu zucken in die Tasche und händigte ihm einen Scheck über die geforderte Summe aus.

Endos streckte dem Mann das Tuch entgegen, wobei er unbewusst den Kopf etwas senkte, als würde er einen Schatz von unschätzbarem Wert übergeben.

Anna beobachtete das Geschehen aus etwas Distanz, blieb jedoch wachsam, wohlwissend um den Wert der Transaktion, die hier vollzogen wurde.

Der Mann verstaute das erworbene Gut in seiner Tasche und sprach mit der gewohnten unbewegten Stimme:

„Ich melde mich für die anderen Teile.“

Endos schluckte leer und dachte an seinen leeren Keller und die zahlreichen Schwarzfelsbarren, die er seinem neuen Freund Malik noch schuldete.

Er nickte wortlos.

Und während er bereits an die nächsten schlaflosen Nächte dachte, wanderte seine Hand im Gedanken an die kommenden Aufträge wieder langsam an seinen Hinterkopf.

Beiträge in diesem Thread