Online: 14

Es fiel nicht nur der Vorhang

Sheraz de Sol

Ich, Sheraz de Sol,saß in jener schicksalhaften Nacht in einer der hinteren Logen des Großen Theaters von Britain. Die Hauptstadt pulsierte vor Leben, doch an diesem Abend hatte sich alles in einem einzigen goldenen Saal versammelt: Adel, Händler, Magier und das einfache Volk. Die Luft roch nach Parfüm, Schweiß und dem schweren Duft von Kerzenwachs. Auf der Bühne stand Elrian, der strahlende Hauptdarsteller, in seiner Rolle als tragischer König. Seine Stimme hallte wie Donner durch den Saal, und die Menge hing an seinen Lippen.
Dann geschah es.
Ein gewaltiger Kronleuchter – jenes Ungetüm aus Kristall und Gold, das seit Jahrhunderten über der Bühne schwebte – löste sich mit einem markerschütternden Knacken von der Decke. Er stürzte herab wie ein fallender Stern. Elrian blickte noch einmal auf, die Augen weit vor Unglauben, bevor das Monstrum ihn unter sich begrub. Splitter flogen, Blut spritzte, und ein einziger, erstickter Schrei erfüllte den Saal. Totenstille folgte. Nur mein Herz schlug ruhig weiter. Ich spürte es sofort: Das war keine Laune des Schicksals. Die Ketten waren durchtrennt worden. Sabotage. Jemand hatte den Leuchter vorbereitet, jemand, der Elrian hasste.
Und dann sah ich ihn.
Marvek. Der einst gefeierte Schauspieler, den Elrian selbst vor Monaten hatte absetzen lassen – wegen Neid, Intrigen. Sein Gesicht war verzerrt vor Hass und Triumph, als er aus dem Puplikum sprang. Er lachte einmal kurz und schrill, dann floh er durch den Haupteingang. Die Menge explodierte in Panik.
Genau in diesem Moment donnerten die Türen des Theaters auf. Von draußen stürmten Schergen herein – maskierte Gestalten in dunklen Umhängen, bewaffnet mit Knüppeln und Kurzschwertern. „Alles auf den Boden! Schmuck, Gold, Münzen – her damit!“ Ihre Stimmen waren rau. Raub. Sie hatten den Moment der Verwirrung genutzt, um die Reichen auszunehmen. Schreie. Faustkämpfe. Einige Zuschauer zogen Waffen, andere flohen. Ich blieb sitzen. Meine Finger strichen bereits über den Knochenanhänger an meinem Hals. Der Tod war nah, und er flüsterte mir zu.
Marvek war der Attentäter. Das wusste ich. Und er floh nicht einfach – er rannte in die Unterwelt der Stadt. Ich erhob mich, den Hut tief ins Gesicht gezogen, und folgte dem Strom der Verfolger. Ein Dutzend aufgebrachter Bürger, darunter ein paar bewaffnete und ein hitzköpfiger Musiker, jagten ihm hinterher. Durch die Gassen, über die Brücke, hinab in die stinkenden Eingeweide Britains: die Kanalisation.
Die Luft wurde schwer, feucht und faulig. Fackeln flackerten an den Wänden. Wir hörten seine Schritte vor uns, sein Keuchen. Dann – Stille. Nur noch das Tropfen von Wasser und das Rascheln von… Ratten.
Wir fanden ihn in einer großen Kammer, wo drei Abwasserkanäle zusammenflossen. Marveks Überreste. Der Körper lag zerfetzt da, als hätte etwas Riesiges ihn in Stücke gerissen. Sein Gesicht war noch erkennbar, die Augen weit aufgerissen vor Entsetzen. Um ihn herum wimmelten Hunderte von Ratten – nicht die normalen, kleinen Nager. Diese waren größer, ihre Augen glühten rot, ihre Zähne schwarz vor Pestilenz. Und über ihnen schwebte er: der Pestilenzdämon.

Beiträge in diesem Thread