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Ab ins Schlangennest

Paranax von Kord

Amüsiert und zugleich aufrichtig interessiert an dem Aushang am Hafen, gelang es Paranax schließlich, Eric zu überreden, ihn zu begleiten. Ob beide zu diesem Zeitpunkt noch bei vollem Bewusstsein waren, durfte man allerdings mit gutem Recht bezweifeln. Doch allzu große Sorgen, was sie dort erwarten würde, machten sich beide nicht – immerhin waren sie geübte Kämpfer. Vielleicht war es aber auch schlicht der Alkoholpegel, der in diesem Augenblick jede Vorsicht angenehm in den Hintergrund drückte.

Paranax jedenfalls hatte sich längst von allen Gefühlen gegenüber seinem einstigen Glauben gelöst. Sein Wille und sein Fokus galt vorerst allein ihm selbst und das war etwas, das ihm keine willkürliche Ignoranz anderer je wieder nehmen sollte. Einst meinte er, in Malion seinen Glauben gefunden zu haben, bis man ihn eines Besseren belehrte. Doch an einem hatte er nie gezweifelt: dass es eine höhere Instanz gab, die über allem stand, vor allem über dem Verstand seiner selbst.

Von schlichter Neugier über diesen ominösen Kult einer geflügelten Schlange getrieben, ritten beide, mehr oder minder vom Alkohol geführt, auf einem alten Gaul aus Cove hinaus. Ob sie diesen Tempel nahe Yew jemals finden würden, stand dabei keineswegs fest. Doch in ihrer damaligen Verfassung hatten sie ohnehin nichts Besseres vor. Die einzige Alternative wäre gewesen, sich ins Bett zu legen und den Abend für beendet zu erklären. Vielleicht etwas, dass ihnen womöglich wenig gefallen, aber gewiss auch nicht geschadet hätte.

Gemeinsam ritten sie auf dem alten Gaul von Cove aus nach Norden, zunächst jedoch nur bis zur Taverne, wo sie noch einkehrten, um eine kurze Rast einzulegen. Eine Rast, die sich über gut eine Stunde und den einen oder anderen Krug Bier erstreckte. Danach zogen sie weiter nordwärts, bis sie jenseits des äußerst gefährlichen Orkgebiets auf einer kleinen Lichtung ihr Lager aufschlugen. In ihrem Zustand dauerte es nicht lange, bis beide in die Traumwelt hinüberglitten. Lediglich ein kleines Feuer, das Eric gerade noch zustande brachte, sorgte für eine angenehmere Nacht. Am nächsten Morgen sahen sie einander an, lachten kurz auf und setzten ihren Weg in Richtung Yew fort.

„Grenze zum Gebiet der Dunkelelfen“ stand auf einem der Schilder, an denen sie vorbeiritten. Da beide jedoch mehr hochwertigen Wein als Brot in den Taschen trugen, ließ sich bereits erahnen, dass ihr Frühstück gewiss nicht aus letzterem bestehen würde. Das Schild ignorierten sie daher mit einer bemerkenswerten Gelassenheit und ritten unbekümmert weiter.
Kurz darauf kamen sie zu zwei Brücken, dicht hintereinander gelegen, auf denen eine Hand voll Orks postiert war. Zu ihrem Glück schienen diese weit mehr mit einem frisch zerfetzten Stück Reh und dessen herausgerissenen Innereien beschäftigt zu sein als mit vorbeiziehenden Reisenden. So jagten die beiden im Galopp über die Brücken hinweg und setzten ihren Weg ungehindert in Richtung ihres Zieles fort.

Eine Patrouille wenig begeisterter Waldelfen, die etwas abseits des Weges Stellung bezogen hatte, bemerkte die beiden zwar noch auf ihrem Ritt in Richtung Yew, reagierte jedoch zu spät, um sie aufzuhalten. Nur wenige Minuten später wurden sie dafür dennoch mitten auf der Straße von einer einzelnen, merkwürdig lächenden und zu freundlichen Gestalt mit einem Buch in der Hand angehalten.

„Haltet ein! Ich sehe ihr seid in Eile! Ich bin doch ein Reisemagier und bringe euch ganz gewiss genau dorthin, wohin auch immer ihr gerade wollt!“

Die beiden ritten erst an ihm vorbei, hielten dann jedoch an, blickten zurück und sahen einander verwirrt an.

„Ob der Kerl wohl weiß, wo diese halbnackte Schlangenfrau zu finden ist?“, murmelte Paranax leise zu Eric.

Also wechselten sie einige Worte mit diesem, dessen Name wohl irgendetwas wie Nonair gewesen war. Beide hatten ihre Stimmung inzwischen mit etwas weiterem Alkohol aufgefrischt, während der Reisemagier nicht müde wurde, sie mit Sätzen wie „Das ist sicher, dort wird es euch gut gehen, geht einfach hindurch“, in sein Portal locken zu wollen.

Skeptisch, und wohl nicht zuletzt wegen dessen Erscheinung, zog Paranax, der sich von diesem sonderbaren Wesen sichtbar bedroht fühlte, sein Schwert. Kopfschüttelnd wandten sie sich von ihm ab und zogen weiter nach Osten. Sie folgten dem Weg so lange, bis sie das Elfengebiet hinter sich gelassen hatten, und ritten dann der Wegbeschreibung weiter nach Norden, vorbei an der Schmiedezunft von Shame. Das Meer lag nun neben ihnen. Dort hielten sie an, öffneten die letzte Flasche Wein aus ihrem Proviant und setzten sich. Lachend unterhielten sich die beiden fragten sie sich auch was sie hier eigentlich taten, ehe sie, inzwischen wieder mit gestiegenem Pegel, gemächlich weiterzogen - das Pferd wurde nur noch am Zügel geführt.

„Sieh doch, Parafffszt!“, entfuhr es Eric mit weingefülltem Mund, wobei er die Hälfte gleich wieder ausspuckte.

Mit einem grinsenden nicken vor Erleichterung traten die beiden vor ein gewaltiges grünes Tor, in dessen Mitte ein großes Schlangensymbol prangte. Sie klopften, und nach einigen Augenblicken wurde ihnen von einer leicht bekleideten Frau geöffnet, die, begleitet von zwei Wachen, einen ebenso unbeeindruckten wie prüfenden Blick auf die beiden warf. Sie musterte die beiden nach Alkohol dunstenden Krieger einen Moment lang, machte dann jedoch mit der rechten Hand eine einladende Geste und schloss mit einem kaum verhohlenen Schmunzeln das Tor hinter ihnen.

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