Schatten unter Masken
Yasmina Ahad
Der Marktplatz von Britain war wie so oft erfüllt vom Stimmengewirr der Händler, dem Klirren von Münzen und dem geschäftigen Treiben jener, die glaubten, hier sei der sicherste Ort der Welt. Zwischen Stoffballen, Gewürzständen und lautstarken Marktschreiern bewegten sich zwei Gestalten, die auf den ersten Blick kaum auffielen – und doch bei genauerem Hinsehen alles andere als gewöhnlich waren. Die beiden trugen Verkleidungen, grob genug, um als reisende Händler oder Söldner durchzugehen. Doch ihre Bewegungen waren zu schwerfällig, zu bedacht. Ihre Schritte hinterließen ein kaum merkliches Beben im Boden, das nur jemand bemerkte, der es gewohnt war, auf Zwischentöne zu achten. Yasmin Ahad, die Tuchhändlerin, war eine solche Person. Sie hatte den Blick geschärft für alles, was nicht zusammenpasste. Für falsche Stoffe, für gelogene Geschichten – und für Körper, die nicht in ihre Kleidung gehörten. Während sie scheinbar beiläufig eine Rolle fein gewebter Seide faltete, beobachtete sie die beiden aus den Augenwinkeln. Ihr Lächeln blieb, doch es wurde dünner. „Eure Gildensiegel“, forderte sie schließlich mit ruhiger Stimme, als einer der beiden sich ihrem Stand näherte. Höflich, aber bestimmt. Der kleinere der beiden reagierte sofort, zu schnell vielleicht, und zeigte ein Siegel, das auf den ersten Blick glaubwürdig wirkte. Doch Yasmins Augenmerk lag längst nicht mehr auf ihm. Der andere. Er stand leicht vornübergebeugt, als wolle er sich kleiner machen. Die Schultern eingezogen, der Kopf gesenkt. Ein Trick, der bei gewöhnlichen Menschen funktionierte. Doch selbst so war er… zu groß. Viel zu groß. Yasmins Blick glitt unauffällig an ihm hinauf. Drei Schritt? Vielleicht mehr. Selbst gebeugt musste er an die vier Meter heranreichen. Kein Mensch, kein gewöhnlicher Reisender trug solche Maße mit sich – und schon gar nicht mit dieser Art von kontrollierter Spannung in den Bewegungen. Für einen kurzen Moment trafen sich ihre Blicke. Und in diesem Moment wusste sie. Ohne ein weiteres Wort wandte sie sich ab, als hätte sie das Interesse verloren. Ihre Hände arbeiteten weiter an den Stoffen, doch ihre Gedanken waren längst woanders. Sie ließ die beiden ziehen – nicht aus Nachsicht, sondern aus Kalkül. Wenig später war sie nicht mehr an ihrem Stand. Kuno, einer der Wachmänner am Markt, stand nahe des Brunnens, die Hand locker am Schwertgriff, mehr aus Gewohnheit als aus Notwendigkeit. Noch. Yasmin trat an ihn heran, ihre Stimme leise genug, dass nur er sie hören konnte. „Da Sind zwei finstre Gestalten auf dem Markt... und es sind sicher keine Händler!“ Kuno runzelte die Stirn, doch er unterbrach sie nicht. „Einer davon…“, fuhr sie fort und warf einen kurzen Blick über die Schulter, „…biegt sich wie ein alter Mann. Aber selbst so ist er größer als zwei von uns übereinander.“ Ein kurzer Moment der Stille. Dann spannte sich Kunos Haltung merklich an. „Gargoyles?“, murmelte er. Yasmin nickte kaum sichtbar. „Und keiner, der sich versteckt, ohne Grund.“ Das genügte. Kuno gab ein knappes Zeichen an die nächste Wache, dann an eine weitere. Unauffällig, aber gezielt. Innerhalb weniger Minuten verschob sich das Bild des Marktes. Mehr Wachen tauchten auf, scheinbar zufällig, doch ihre Positionen waren kein Zufall mehr. Der Brunnen, die Zugänge, die engeren Gassen – alles wurde abgedeckt. Der Markt lebte weiter. Doch unter der Oberfläche hatte sich etwas verändert. Beiträge in diesem Thread
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