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Die neue Welt

Nefatina

Die neue Welt

​Nachdem Nefatina die Spuren der Dunkelelfen durch die dunklen Höhlen verfolgt und doch verloren hatte, da einfach zu viel Zeit verstrichen war, fand sie sich am Rand eines unbekannten Waldes wieder. Das Sonnenlicht brach durch die Baumkronen, als hätten Krallen sich durch den Nebel, durch die matte Dunkelheit geschnitten.

​Sie hatte das Rudel hinter sich gelassen – das Rudel, das ihre Familie war, doch niemals wirklich sein konnte. Sie zog aus, um ihre Eltern zu suchen; das Einzige, was von ihnen übrig war, waren blasse Erinnerungen. Sie wusste nur so viel: Gemeinsam mit den Werwölfen hatten sie das Haus Ky'Alur verfolgt. Doch Nefatina war damals noch zu jung gewesen, um zu verstehen, wieso die Werwölfe Jagd auf die Drow machten.

​“Was ist aus Rianon und Alniira geworden? Wieso sind sie nie zurückgekommen? Was passierte mit Garou?”

​Die Fragen über den Verbleib ihrer Familie hämmerten in ihrem Kopf, als sie im Schein des Mondlichts aufwachte.

​Die Mondmutter hatte den Platz ihrer leiblichen Eltern eingenommen. Das war vor vielen Jahren, und Nefatina wuchs im Wolfsrudel unter echten Wölfen auf. Fast hätte sie sich mit diesem Leben abgefunden. Es war ein einfaches, ein ehrliches Leben. Und fast wäre es so gekommen, dass Nefatina selbst nur noch ein Tier zu sein schien und ihre humanoide Gestalt vollkommen ablegte.

​Doch die Mondmutter führte sie, zeigte ihr Bilder ihrer Familie und lehrte sie, im Mondlicht zu tanzen. Es war ein kleiner Faden äußerer Realität, an dem sie sich festkrallen konnte, der jedoch immer zu zerreißen drohte. Selbst in den Nächten, wenn der Hunger sie weckte, folgte sie dem silbernen Glanz und ahnte, dass diese Sehnsucht tiefer war als das einfache Leben im Wald.

​In einer dieser Nächte zog sie die silbrige Melodie tiefer in den Traum hinab als sonst. Nefatina stand an einem Seeufer. Das Wasser, glatt wie polierter Adamant, spiegelte den Mond, der doppelt so groß schien wie gewöhnlich. Im Nebel, der vom See aufstieg, saßen zwei Gestalten: Rianon und Alniira. Und da war noch ein Gefühl, ein tiefer Schmerz, als würde ein Teil ihrer Seele fehlen – ihr Zwillingsbruder. Wo sie einst zu zweit gelacht hatten, war jetzt nur Stille. Es war ein grausam schönes Spiegelbild ihrer Familie, das sich an der Wasseroberfläche zeigte, vom Nebel umschlossen und vom Mondlicht umringt, das sich durch die Schwaden schnitt.

​Sie streckte die Pfote aus, die Krallen zittrig und schmutzig vom Laufen durch den Wald, doch als sie die Silhouetten berührte, lösten sich die Spiegelbilder ihrer Familie auf. Es blieben nur kleine Wellen zurück, die sich kreisförmig ausbreiteten.

​Das Licht, das sie umfing, war mild und legte sich sanft auf Nefatinas Fell, wie die Umarmung einer Mutter, die ihr fiebriges Kind voller Sorge umschlingt. In diesem Raum aus purem Mondlicht wusste Nefatina plötzlich, dass sie eben nicht alleine war. Die Leere in ihrer Brust füllte sich langsam mit etwas anderem. Eilistraee, die Göttin des tanzenden Mondes, hatte sich in all den Nächten in sie hineingeschlichen wie Licht durch einen Riss in der Wand. Doch es waren Risse in ihrem Herzen.

​Ihre jetzige Einsamkeit war der Preis für dieses Vertrauen. Nefatina verstand nun, dass die Stimmen im Schlaf zwar nicht aus Fleisch und Blut waren, ihr aber Halt gaben in den Nächten, in denen sich die Einsamkeit wie ein Alp in die Träume schlich und sich von der Leere in ihr zu ernähren schien.

​Sie richtete sich auf und schüttelte das letzte Beben der Vision ab. Die Sehnsucht nach ihren Eltern und ihrem Bruder war schmerzhaft, aber Eilistraee war ihre neue Mutter geworden; die Einzige, die ihr zeigte, wie man zwischen zwei Welten existiert, ohne einer davon ganz zuzugehören. Der silbrige Faden war die sanfte Melodie in ihrem Herzen.

​Doch dann brach der Schmerz erneut durch die dünne Haut ihrer Fassung. Sie sank auf die Knie, das kalte Wasser des feuchten Waldbodens sickerte in ihre Kleidung. Sie war erwacht… Zusammengerollt lag sie unter einem Baum, der Tau der letzten Nacht lag wie ein Spinnennetz auf ihrer schmutzigen Haut. Sie realisierte: Das Rudel war weg, die Geborgenheit der Wölfe nur noch ein fernes Echo. Sie war zu menschlich für die Tiere und zu wild für die Welt der anderen. Ihr Körper bebte unter einem Schluchzen, das aus einer Tiefe kam, die weder ihre wölfische noch ihre elfische Natur kannte.

​In dieser absoluten inneren Leere war da nur der kleine Funken des silbernen Lichts. Eilistraee ließ sie nicht im Dunkeln untergehen, aber sie nahm ihr den Schmerz auch nicht ab – sie hielt sie nur fest, wie ein unsichtbares Spinnennetz über dem Abgrund ihrer Melancholie, der mit jeder Nacht tiefer und breiter wurde. Ein Abgrund, der jede Nacht nach ihr rief, und seine Stimme war zuckersüß.

​Nefatina rollte sich im feuchten Moos zusammen, das Gesicht in den Händen vergraben. In dieser Nacht gab es keine Antworten, nur die eisige Kälte und das ferne Leuchten ihrer göttlichen Mutter, die schweigend zusah, wie ihr Kind an der Einsamkeit immer mehr zerbrach. Das Moos und die Feuchtigkeit legten sich auf ihre Haut, kalt und unnachgiebig, wie eine reale Manifestation der kalten Gewissheit, dass niemand kommen würde, um sie aufzuheben.

​In der Dunkelheit hinter ihren geschlossenen Augen suchte sie nach dem Gesicht ihres Bruders, versuchte, seine Züge festzuhalten, doch sie entglitten ihr wie Laub, das im Herbst vom Wind getragen wird – sichtbar, aber unerreichbar. War er noch dort draußen? Spürte er denselben stechenden Schmerz der Trennung, oder war sein Licht bereits erloschen, lange bevor sie überhaupt angefangen hatte zu suchen?

​Diese Ungewissheit war schlimmer als jeder Hunger, den sie je gespürt hatte. Sie krallte ihre Finger tief in das nasse Moos, bis sie in das Erdreich drangen und sich der Dreck schmerzhaft unter ihre Fingernägel schob. Das Rudel hätte sie jetzt gewärmt, Fell an Fell, Körper an Körper – ein atmender Wall gegen die ewige Kälte der Welt. Doch sie hatte sich entschieden, diesen Schutzwall aus Liebe, Zuneigung und Respekt hinter sich zu lassen. Es blieb ihr nur der Atem der Nacht, der wie Eis in ihre Lungen schnitt, und die Gewissheit, dass nichts mehr so sein würde, wie es in ihrer Kindheit war.

​Suchend, fast flehend blickte Nefatina zum Himmel, zum silbrigen Schein, und da war er. Eilistraee verlangte nicht von ihr, dass sie sofort aufhörte zu weinen. Die Göttin war einfach da, ein stilles Leuchten in ihrer Seele, das ihr sagte: Ich sehe dich.

​Nefatina rieb sich die Augen und versuchte, die Tränen in ihrem Gesicht zu verreiben. Der Mond spiegelte sich in einer schmutzigen Pfütze direkt vor ihr. Sie sah ihr eigenes Spiegelbild – die wilden lila Augen, das schmutzige, lehmige Haar einer jungen Frau, die eigentlich ein Wolf sein sollte, entwurzelt von ihrer pelzigen Familie.

​Der Schmerz um ihren Bruder und ihre Eltern saß tief, aber er fühlte sich jetzt weniger wie ein Todesurteil an. Es fühlte sich an wie etwas, das man tief in sich wegschließen kann, hinter einer dieser Türen in ihrem Verstand.

​Mühsam, fast übertrieben langsam, stützte sie sich auf die zitternden Arme. Der Boden war glitschig und ihr Körper fühlte sich schwer und kalt an. Das silberne Netz der Mondmutter hielt ihren Verstand zusammen und half ihr, ihre Emotionen hinter jener Tür zu verbergen. Sie war allein, ja – doch in der Stille des Waldes begann sie zu begreifen, dass Eilistraee sie genau hier haben wollte: an dem Punkt, an dem sie nichts mehr hatte außer ihrem Glauben und dem Rhythmus ihres eigenen einsamen Herzschlags.

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