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Gemeinsam

Nefatina

Der Wald um sie herum war kein einfacher Ort für sie, er war viel mehr: ein lebendiger Körper, und sie war ein Eindringling. Das feuchte, kühle Moos unter Nefatinas Füßen fühlte sich an wie das dichte Fell eines riesigen, schlafenden Tieres. Es gab bei jedem ihrer Schritte leise nach, und kalte Feuchtigkeit presste sich durch ihre Zehen.

Es roch nach alter Rinde, nach modrigem Laub und dieser ganz speziellen Kälte, die nur tiefe, wilde Wälder besitzen.

Über ihr erstreckten sich die Kronen der alten Bäume wie die fiedrigen Ausläufer eines riesigen Spinnennetzes, die das silberne Licht der Mondmutter nur in schmalen, scharfen Strahlen durchließen. Dieses Mondlicht schnitt durch den Dunst, der wie ein dichter Schleier zwischen den Stämmen hing.

Für ihre Augen war die Dunkelheit nicht schwarz; sie war ein tiefes, samtenes Violett, in dem jede Unebenheit der Rinde und jeder Farn ein eigenes, scharfkantiges Bild in ihrem Blick hinterließ.

Sie spürte das leise Beben der Erde durch die Sohlen ihrer Füße. Es war das langsame, hölzerne Lied der Wurzeln, die sich tief in den nassen Boden gruben – ein Echo, das ihr sagte, dass dieser Wald alt war, viel älter als ihre eigenen Erinnerungen.

Doch es war ein abweisendes Lied. Die Bäume flüsterten sich Warnungen über die Fremde zu, die nach Wolf und Dunkelheit roch.

Nefatina atmete die schwere, nasse Luft ein, die fast greifbar dicht war. Es war kein einfacher Atemzug, es war eine Bestandsaufnahme. In ihrer Nase vermischten sich der Duft von bitteren Kräutern, der scharfe Geruch von Kiefernnadeln und die ferne, fast aufdringliche Note von aufsteigendem Nebel.

Mittendrin versteckt, dieser eine, wilde Geruch: der Geruch des einsamen Wolfes, der wie ein unsichtbares Band durch das dichte Unterholz gespannt war. Sie konnte dieses Band zu ihm fast sehen und greifen.

Jedes Mal, wenn Nefatina einen weiteren vorsichtigen Schritt durch das grüne Moos des Waldes machte, vibrierte – nein, pulsierte – etwas in ihrer Brust. Es war kein Geräusch, das ihre Ohren auffangen konnten, sondern ein Summen, das direkt durch ihre nackten, schmutzigen Sohlen in ihre Beine stieg.

Der Wald schien sie zu prüfen. Jedes Knacken im Wind, jedes Rascheln der Blätter war wie eine Silbe in einer Sprache, die sie nicht verstehen konnte; die ihr immer wieder zwischen den Fingern zerrann, als würde man etwas greifen wollen, das nicht existiert. Als wäre es etwas, das nur in ihrem Kopf existiert – ein Gefühl.

Ihr Wolfsblut interpretierte den Laut als eine Warnung oder eine Einladung – sie konnte es beim besten Willen nicht genau sagen. Egal wie sehr sie sich anstrengte, es war nicht greifbar.

Es war, als würde der Wald selbst atmen, während sie danebenstand und darauf wartete, dass sie ihren eigenen Ton in dieses gewaltige Geflecht aus Leben einfügte. Mit der Luft mischte sich der Duft von moderndem Holz mit dem silbernen Versprechen des Mondlichts, das wie flüssiges Silber an den Stämmen hinablief. Nefatina spürte, dass sie nur eine Besucherin war.

Doch etwas in diesem alten, grünen Gefüge erkannte den Funken der Mondmutter in ihr, und für einen kurzen Augenblick schien das wilde Pochen in ihrem Inneren mit dem langsamen Takt der Wurzeln im Einklang zu sein. Es war nur für einen Wimpernschlag und es war schmerzhaft schön – so fremd, dass sie für einen Moment vergaß, dass sie eigentlich auf der Flucht vor sich selbst war, vor ihrer eigenen Einsamkeit. Sie war in diesem einen kurzen Moment nicht allein, sie war ein Teil des Waldes.

Nefatina wollte den Wald nicht nur sehen, sie wollte ihn unter sich spüren und gleichzeitig in ihm aufgehen. Doch die schmale Gestalt der Elfe war zu zerbrechlich für das, was sie vorhatte. Sie brauchte die Kraft des Mondes selbst.

Ein grollendes Beben ging durch ihren Körper, als sie die Verwandlung zuließ. Es war kein sanfter Übergang. Ihre Knochen barsten, verschoben sich und wuchsen, während dunkles, dickes Fell die dunkle Haut durchbrach. In Sekunden stand dort keine Dunkelelfe mehr; es war ein Werwolf – ein gewaltiger, aufrecht gehender Wolf, dessen Muskeln wie gespannte Seile unter dem Fell zu sehen waren. Ihre lila Augen glühten nun hell in der Dunkelheit, und die Welt der Gerüche wurde so intensiv, dass sie fast sichtbar wurde.

Die schiere Masse ihres neuen Körpers war eine Last, die sie erst einmal ausbalancieren musste. Wo sie eben noch als Dunkelelfe fast gewichtslos über das Moos geglitten war, spürte sie nun bei jedem vorsichtigen Absetzen ihrer Pfoten, wie der weiche Waldboden tief nachgab. Es war kein Triumph der Macht, sondern eine beängstigende Zunahme an Verantwortung gegenüber der Zerbrechlichkeit der Natur um sie herum. Sie musste aufpassen, nicht achtlos eine Wurzel zu zerquetschen, die sie zuvor als Elfe noch ehrfürchtig berührt hatte.

Ihre Sinne, zuvor schon geschärft, drohten sie nun schier zu überwältigen. Die kühle Nachtluft war kein sanfter Hauch mehr; sie strömte wie ein reißender Fluss aus Gerüchen in ihre geweiteten Nüstern. Die Fährte des einsamen Wolfes war nun so intensiv, dass sie fast wie ein physischer Geschmack auf ihrer Zunge lag – ein Geruch, geprägt von Angst und einer tiefen, hungrigen Wildheit.

Das leise Summen, die Melodie des Waldes, dröhnte jetzt in ihren Ohren wie ein gewaltiger, unterirdischer Wasserfall, der jede Faser ihres Wesens vibrieren ließ. Es war betäubend schön und gleichzeitig furchteinflößend ehrlich.

Selbst das sanfte Mondlicht fühlte sich auf ihrem dichten, schwarzen Fell völlig anders an: nicht mehr nur wie ein kühler Schimmer, sondern wie eine sanfte, fast spürbare Berührung Eilistraees, die das wilde Pochen ihres Werwolfherzens zu zähmen versuchte.

Sie stand da, ein Riese im sanften Licht der Nacht, und kämpfte darum, die Flut der Eindrücke zu ordnen, zu verstehen und in sich aufzunehmen. Ihre Werwolfform war kein Werkzeug der Gewalt, sie war ein Verstärker für alles, was Nefatina war: die einsame Tochter der Schatten, die suchende Seele des Waldes und nun auch die Schwester der Wölfe – gefangen zwischen drei Welten, die alle kein Zuhause boten. Das Erbe ihres Vaters, ihrer Mutter und das gemeinsame Erbe der Wölfe.

Nefatina bewegte ihren Körper durch die nassen Nebelwände, die wie Geister zwischen den Baumstämmen wirkten. Jeder ihrer Schritte war ein leises Flüstern an den Waldboden, ein behutsames Tasten, um die zerbrechliche Stille nicht zu stören.

Der Geruch des fremden Wolfes war wie ein unsichtbares Band, das sich durch den Wald zog – nach kalten Nächten und nach einer tiefen, in den Knochen sitzenden Erschöpfung. Ein Spiegelbild ihrer eigenen heimatlosen Seele. Hinter einer Mauer aus uralten, wachenden Bäumen öffnete sich das Dickicht zu einer winzigen Lichtung. Dort, wo Eilistraees Mondlicht durch die Blätter fiel und sich sammelte, dort stand er.

Er war kein imposantes, schönes Tier, sondern wirkte hager, das Fell zerzaust vom ewigen Überlebenskampf, den Kopf tief zwischen den Schultern getragen. Als Nefatina aus dem Schatten trat, riesig und eigentlich furchteinflößend, zuckte sein Körper zusammen, doch er unterdrückte seinen Instinkt und floh nicht. Seine Augen trafen auf ihr glühendes Violett. In seinem Blick lag keine Aggression, nur eine schweigende, zutiefst resignierte Frage. Es war, als würden zwei Wölfe, die schon zu lange allein im Dunkeln wanderten, plötzlich das Licht des anderen sehen.

Ihre Gestalt war ihr vertraut, eine lebendige Rüstung aus Muskeln und Instinkt. Sie hatte diese Form angenommen, da sie den fremden Wolf nicht kannte und mit allem rechnen musste. Es war ein reiner Reflex gewesen, eine Verteidigungslinie gegen seine mögliche Aggression. Doch nun, da sie dieses vom Überlebenskampf gezeichnete Tier sah, spürte sie, wie deplatziert diese erdrückende Demonstration war.

Sie war kein Alpha, trug keinerlei Dominanz in sich. Wenn sie in dieser bedrohlichen Größe jetzt auch nur aufrecht stehen bliebe, würde sein Überlebenstrieb ihn sofort zur Flucht zwingen. Ihre Idee, sich selbst zu schützen, war zu einer Bedrohung für jemanden geworden, der selbst nur Schutz suchte.

Um diese Mauer einzureißen und die Situation zu entschärfen, musste sie ihre Verteidigung aufgeben. Nefatina ließ sich demonstrativ langsam, fast demütig, auf die Knie sinken. Das feuchte Moos drang fast sofort durch das Fell, während sie den massiven Kopf bis auf die Höhe der Farne beugte.

Sie entblößte ihre Kehle, gab ihre verwundbarste Stelle preis und machte sich bewusst so klein, wie es ihr riesiger Körper zuließ. Es war ein freiwilliges Ablegen ihrer Rüstung, das stärkste Zeichen der Beschwichtigung: Ich könnte mich verteidigen, aber sieh her, ich lege mein Leben in deine Hände. Von mir droht dir keine Gefahr.

Aus ihrer Kehle stieg kein Knurren, sondern ein leises Winseln – ein Ton, der so rein und voller Melancholie war, als würde der Wald selbst um sein verlorenes Kind weinen. Es war ein vollkommen offenes Geständnis: Ich bin wie du. Verloren in dieser großen Welt, ohne Rudel, ohne Heimat.

Der hagere Wolf erstarrte für einen Herzschlag. Dann ließ die Spannung in seinen Schultern spürbar nach. Er erwiderte ihr Winseln kaum hörbar, ein zartes, raues Vibrieren, und machte einen ersten, zögerlichen Schritt direkt in das silberne Netz ihrer gemeinsamen Einsamkeit.

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