Der Vollmond tauchte die Nacht in ein fahles, beinahe unwirkliches Licht. Schatten lagen nicht einfach auf dem Boden – sie krochen, zogen sich zwischen Wurzeln und Laub, als hätten sie ein Eigenleben. Der Ruf eines Käuzchens durchschnitt die Nacht. Einsam. Warnend. Der Waldläufer bewegte sich darin wie ein Geist. Kein Knacken verriet ihn, kein Rascheln. Selbst das trockene Laub schwieg unter seinen Schritten. Neben ihm glitt der schwarze Mustang, ein Schatten unter Schatten, geführt an lockeren Zügeln. Aenurs Augen waren weit offen, doch es war nicht Wachsamkeit allein, die darin lag – es war Erwartung. Mit wachen Sinnen und geschärften Instinkten bewegte er sich zielstrebig gen Südwesten, dorthin, wo Minnersbach lag. Dann – ein Innehalten. Wie vom Schlag getroffen erstarrte er, und das Tier erstarrte mit ihm. Sein Blick schoss zur Seite, tastete die Dunkelheit ab. War da etwas? Ein Schatten, zu groß für den Wind, zu lebendig für bloße Einbildung. Die Silhouette einer Harpyie? Für einen Moment glaubte er, das Kratzen von Klauen auf Rinde zu hören. Er verengte die Augen, rang mit dem flackernden Bild – dann schüttelte er den Kopf. Seit jenem Fiebertraum verfolgte ihn dieses Wesen. Oder war es mehr als nur ein Traum gewesen? Ein leiser Fluch entwich ihm. Genug davon. Er spuckte leise aus, als könne er den Gedanken damit loswerden, und setzte sich wieder in Bewegung. Bald darauf lichtete sich der Wald und vor ihm erschien der schmale Grünstreifen, auf dem sich die dunklen Konturen der Mauern und Wehrtürme von Minnersbach abhoben. Er schwang sich in den Sattel, lenkte den Mustang auf den Weg und ritt die letzten Schritte der Reise. Das harte Klacken der Hufe auf Stein durchschnitt die nächtliche Stille wie ein ferner Trommelschlag. Die Wachen ließ er hinter sich, ohne mehr als einen flüchtigen Blick zu wechseln. Sein Ziel lag tiefer im Herzen der Stadt. Lord Talfar. Er fand den Hauptmann der Garde über Pergamentrollen gebeugt, an einem schweren Tisch aus dunkler Yew-Eiche. Karten, Pläne und Entwürfe bedeckten die Fläche wie ein Schlachtfeld aus Linien und Gedanken. Ohne aufzusehen, nickte Talfar nur knapp, als Aenur eintrat. Ein Grinsen huschte über das Gesicht des Waldläufers. „Du darfst wohl auch nicht mehr raus zum Spielen“, rief er durch den Raum, „und musst hier Baupläne studieren wie ein frommer Mönch seine Gebete!“ Ein tiefes Brummen war die einzige Antwort. Mollog winkte nur ab. Aenur verstummte, trat näher und ließ den Blick über die Zeichnungen gleiten. Zufriedenheit blitzte in seinen Augen auf. „Wenn das hier vollendet ist, brauche ich dich für ein weiteres Vorhaben“, sagte er und legte dem Hauptmann die Hand auf die Schulter. Langsam hob Talfar den Kopf. Sein Blick war scharf, die Stirn in Falten gelegt. „Oh je“, murmelte er trocken. „Was hast du diesmal im Sinn?“ Aenur zögerte nicht. Mit einer knappen Geste bedeutete er ihm, ihm zu folgen, und führte ihn zu einem Kamin, in dem nur noch schwache Glut glomm. „Ich halte mich kurz“, begann er. „Du weißt selbst, wie sich die Zeiten wandeln. Schnelligkeit wird in Zukunft entscheidend sein. Unsere Garde ist zur Zeit zu oft zu Fuß unterwegs – doch das Reich wächst, und mit ihm die Entfernungen.“Er machte eine kurze Pause.„Wir brauchen eine berittene Einheit. Schnell. Schlagkräftig. Unabhängig.“ Sein Blick wurde fester. „Ein Gestüt. Ein großer Reitstall. Hier in Minnersbach. Mit den richtigen Leuten – den ni‘Dulanas etwa – könnten wir eine Zucht aufbauen, die ihresgleichen sucht. Mit den schnellen Tieren, können wir unsere Truppen wesentlich schneller verlegen und gegebenenfalls auch angreifen.“ Stille senkte sich über den Raum. Talfar dachte nach. Dann nickte er langsam. „Der Gedanke ist mir nicht fremd“, sagte er schließlich ruhig. „Doch bisher fehlte die Zeit. Die Burg fordert alles – sie muss vor dem Sommer stehen.“ Er atmete tief durch. „Aber du hast recht. Wir dürfen das nicht länger aufschieben. Wir bringen es vor Lord Di‘Loren. Gemeinsam.“ Das genügte. Aenur erhob sich, ein zufriedenes Leuchten in den Augen. „Gut. Morgen zur achten Stunde“, sagte er knapp. „Ich hole dich ab.“ Noch bevor eine Antwort kam, war er bereits auf dem Weg nach draußen, seine Schritte hallten leise durch die Gänge. Erst als er seine Mühle erreichte, ließ er die Anspannung der Nacht von sich abfallen. Sorgfältig kümmerte er sich um seinen treuen Begleiter, rieb dessen nachtschwarzes Fell mit trockenem Stroh ab und murmelte leise Worte, die nur das Tier verstand. Die letzten Hinterlassenschaften des Mustangs beförderte er kurzerhand mit der Schaufel über den Zaun. „Turgon wird Augen machen“, murmelte er mit einem schiefen Lächeln. „Ein Geschenk unter Nachbarn …“ Als er schließlich im Inneren der Mühle verschwand, brach bereits das erste Licht des Morgens durch die Dunkelheit. Goldene Strahlen legten sich über die Wiesen, ließen den Tau aufleuchten – und für einen flüchtigen Moment wirkte das Reich friedlich, als hätte es nie Schatten gekannt. Beiträge in diesem Thread
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