Online: 5

Reisende und Streunerin

Mireya Aschlicht

Zurück zu sein hatte etwas Surreales. Als habe jemand den Mond verdunkelt, und doch tanzten Farben im satten Schwarz der Nacht. Etwas in ihr musste sich erst wieder an dieses Sein gewöhnen; musste sich zurückformen zu einer Persönlichkeit nach all den Dingen, die durchstanden worden waren.

Was hieß überhaupt zurück?

Das würde sich zeigen.

Ihr Weg hätte sie nach Skara Brae führen sollen. Oder zumindest war dies der erste Gedanke gewesen. Dämonen, natürlich. Blasse Erinnerungen nahmen Form an, kleideten sich in Farbe und wurden von anderen Erinnerungen genährt, bis sich ein Gemälde vor ihr auftat: eine Stadt, gefallen und scheinbar besetzt.

Ungewöhnlich.

Eine Stadt wurde überrannt, ja. Eine Stadt wurde geplündert, gebrochen, verbrannt. Aber eine Stadt, die von Dämonen gehalten wurde? Das war eine andere Frage. Nicht das Was interessierte sie. Das lag offen genug vor aller Augen. Das Warum war wichtiger. Vielleicht sogar ein paar Sprenkel eines Wer.

Ein guter Kuchen bestand schließlich selten nur aus Mehl.

Ihre Affinität für einzig bestimmte Formen der Magie war dabei wenig hilfreich. Manche gewöhnliche Wege waren ihr stets verborgen geblieben. Andere waren eingerostet wie ein eisernes Schwert im Regen. Unwirsch stieß sie Luft durch die Nase aus.

Diese eine Strähne musste abgeschnitten werden, wenn sie noch einmal aus den Fängen ihres Zopfbandes entwich. Störrisches kleines Ding.

Konzentration.

Die Zahl der Dämonen war bereits aus der Ferne mannigfaltig. Also galt es, Informationen zu sammeln. Britain selbst war wenig erbaulich dieser Tage. Die Stadt schien lahm und träge, und die Notverordnung lag noch immer schwer auf den Gemütern der Menschen. Der Reichskanzler schien ein mächtiger Mann zu sein.

Ebenso wenig erbaulich.

Weder Garde noch Bürger gaben viel preis, als habe man die Stadt wie eine Wunde ausgeätzt. Es war verführerisch, nach dem Geist der Menschen zu greifen, mit astralen Fingern nach Namen und Erinnerungen zu tasten. Doch auch das blieb wenig aufschlussreich. Die falschen Ziele, fraglos. Also mussten andere Wege beschritten werden.

„Sei nicht verrückt.“
„Fragen kostet bekanntlich nichts.“
„Du wirst sterben.“
„Wer wird das nicht irgendwann?“
„Sei nicht töricht.“
„Sie könnten Informationen haben.“
„Sie könnten auch ein Kal Vas Flam haben.“
„Feuermagie war nie meine Affinität.“
„Lenk nicht ab.“

Die zweite Stimme schwieg einen Moment.

„Bereite dich zumindest vor.“
„Werde ich.“
„Du hast zu lange nicht mehr gezaubert. Der Bann könnte misslingen.“
In Sanct Grav wird schon genügen, wenn es notwendig wird.“
„Oder es bedeutet dein Grab.“
„Jetzt wird es aber abenteuerlich.“

Der innere Dialog der zwei Stimmen hielt noch eine Weile an. Dann wurde eine Entscheidung getroffen. Eine der beiden Stimmen war mit dieser Entscheidung ganz und gar nicht einverstanden.


Düsterhafen.

Ewig war es her. Keine einladende Stadt, aber auch nicht so düster, wie man sie beschrieb. Wenig Pest. Wenig Beule. Ihre Schritte führten sie zu einem Gebäude im Osten der Stadt. Dort lehnte sie den Rücken an die Wand, verschränkte die Arme und zog mit dem Stiefel eine feine Linie über den Boden.

Ein Diener würde zunächst genügen.

Geduld war eine Stärke. Dennoch kroch die Zeit langsam voran. Der Wind war unwirsch. Und wieder diese Strähne.

Als der Mann schließlich auftauchte, war es zugegebenermaßen nicht sonderlich klug, die astralen Finger auch nach ihm auszustrecken. Er war nicht erbaut. Seine Sprache war kühl und berechnend, aber auch präzise.

Interessant.

Magierschaft? Welche Ebene? Wer konnte das schon sagen. Es war belanglos. Er gebar sich wie einer von ihnen - oder wie ein Bild, das man von jenen zeichnete.

Zwei ihrer eigenen Sätze blieben ihr im Gedächtnis. Die ersten Worte waren eine Probe, um zu sehen, wie reagiert würde.

„Ich habe den Eindruck, dass die Guten zu wenig wissen und die Wissenden zu wenig gut sind. Darum stehe ich hier.“

Weitere Worte sollten Interesse wecken.

„Ich will wissen, was die Dämonen dort hält. Eine Stadt wird nicht einfach genommen und dann behalten, ohne Grund. Hunger erklärt einen Überfall. Besitz erklärt eine Belagerung. Aber Skara Brae …“

Sie hatte schließlich eine Frage gestellt und eine Antwort erhalten.

Namoth hatte nichts mit Skara Brae zu tun.

Das war anzunehmen gewesen, aber eine Antwort war besser als eine Annahme. Mireya hatte zudem nicht den Eindruck, als lüge dieser Mann. Sicher sein konnte man sich dennoch nie. Er schien auch nicht sonderlich interessiert an ihr oder den Dämonen zu sein. Vielleicht war auch das gespielt. Ein Mann, der so kühl sprach, schuf womöglich Kühle nicht nur in seiner Stimme, sondern auch in seinem Herzen.

Dort war noch eine Frau gewesen. Ebenfalls von Interesse. Ebenfalls eine Magierin. Sie reagierte anders auf die astrale Suche nach ihrem Namen: abblockend, subtil, aber anders. Magierschaft? Unklar. Doch sich ein Gesicht zu merken, war selten verkehrt. Wissen war Macht. Erinnerungen wären besser gewesen, doch ein Name war ebenfalls hilfreich.

Bengah.

Eine Sache jedoch war ihr aufgefallen. Der Magier hatte es verstanden.

Aschlicht.

Ein Widerspruch.

Wahre Namen waren rar dieser Tage. Und das bedeutete nur, dass sie noch vorsichtiger sein musste, sollte sie an diesen Ort zurückkehren.


Somit war Yew zunächst das Ziel. Vielleicht hatten die Paladine des Mondes Erkenntnisse. Was sie dort vorfand, waren jedoch zunächst Elfen, was weniger überraschend war als jenes andere Wesen.

Grün war es. Und sprechend. Ein wenig kindlich wirkend.

Emerald.

Wieder ein Name. Oder etwas wie ein Name. Interessant.

Fast hätte sie sich hinreißen lassen, ihn zu berühren. Einem Drang nachgegeben, eine Verbindung zu schaffen. Wenn Wissen zu klein war, schuf manchmal eine haptische Verbindung Erkenntnis. Doch sie besann sich eines Besseren.

Die Elfe war nicht erbaut.

Yllaria.

Ein weiterer Name, der mit einem Gesicht verbunden wurde.

Vielleicht sollte sie es lassen, nach dem Geist der Leute zu tasten. Aber es war zu interessant. Fast schon wie ein Zwang. Namen wurden aufgesogen, manchmal auch Erinnerungen. Erinnerungen waren bisweilen Wissen, und Wissen war Macht.

Wie es aber nun einmal mit magiebegabten Wesen war, waren weder jene Elfe noch Emerald sonderlich erbaut.

Der Auftritt eines Lord of Wars war indes wenig erfreulich. Freundlich einerseits, erklärend andererseits, und doch nichts Neues hinzufügend. Wer hätte etwas anderes von jenen erwarten können? Wie hatte der Magier Bengah es genannt?

Kategorien.

Sie waren stets die Kategorie Geschwür der Welt.

Ihnen traute Mireya noch weniger als der Magierschaft. Aber sie schienen in Yew ein- und auszugehen, in scheppernder Rüstung, und mit der Elfe bekannt. Bedauerlich. Die Zeiten hatten sich geändert. Selbst Elfen schienen vergangene Taten zu vergessen. Selbst Yew hatte sich verändert.

Mireya war zu unhöflich gewesen, hier in diesem fremden Land. Sie schalt sich selbst, nachdem sie gegangen war. Sie musste diesem Zwang wirklich Einhalt gebieten.

Die Düsterhafener nannten sie Streunerin. Die Elfe nannte sie Reisende.

Vermutlich stimmte beides. Und beides war vollkommen unzutreffend.

Beiträge in diesem Thread