Erinnernde und Irrende
Mireya Aschlicht
Mireya saß auf einer Bank irgendwo in den weiten Wäldern von Yew. Sie konnte nicht genau sagen, wo dies war, aber es war ruhig hier. Still gar. Sie genoss diesen Moment der Stille und hoffte, er möge noch ein wenig länger bei ihr verweilen. Die Stille brachte jedoch auch Fragen mit sich. Fragen, die sie noch nicht bereit war zu stellen. Fragen, die bohrend waren, mitunter schmerzend; fies piekend wie eine Nadel, die langsam in den Augapfel geschoben wurde. „Der Augapfel ist schmerzlos“, sagte eine Stimme in ihr. „Ich weiß“, erwiderte sie in dem warm klingenden Altton ihrer Stimme. Also eher wie eine Nadel unter die Fingernägel. „Besser?“ Die anwesenden Paladine des Mondes, zumeist Gesichter von Jünglingen, hatten wenig Auskunft geben können über den derzeitigen Status quo hinaus. Eine Sackgasse. Dieses Wesen war erneut erschienen, Emerald, und jene Elfe, Yllaria. Höflichkeiten waren ausgetauscht worden, aber mehr war auch nicht notwendig gewesen. Eine Entschuldigung, um das Haus der Höflichkeit erneut zu errichten. Das war sie ihnen schuldig gewesen. Ob sie Familie dort hatte? Was für eine Frage. Eine gute Frage. Selbst jetzt, als sie dort saß, fern von Frage und Situation, brandete Wehmut in ihr auf, als wäre Skara Brae erst gestern gefallen. Sie streifte die Handschuhe ab und legte die Hände auf ihren Bauch. Eine erdende Geste, um sich zu konzentrieren und die astralen Fäden vibrieren zu lassen. Leise wurden Worte der Macht gemurmelt. „Kal Wis Tym.“ Dann erschien die Szenerie vor ihren Augen wie ein bizarres Theaterstück. Die Luft schmeckte plötzlich nach altem Rauch, und ein brennendes Haus stürzte zu ihrer Linken ein. Schreie waren zu hören. Geräusche, die eine bizarre Kadenz bildeten; für manche kakophon, für sie mehr konsonant als dissonant. Ein Gesicht tauchte auf, dann ein weiteres. Münder bewegten sich, ohne dass sie die Worte vernehmen konnte. Dann waberte das astrale Geflecht, stockte und geriet schließlich in Stillstand. Die Magie verblasste. Sie würde diese Melodie schon ergründen können. Note für Note. Pause für Pause. Schlüssel für Schlüssel. Tonika, Subdominante, Dominante, Tonika, um den Akkord zu bilden. Es musste geschaut werden, was oder wer an welcher Stelle kam. Aufbruch. Jetzt. Britain. Das Reich. Minoc war jedoch längst nicht mehr Teil des Reiches. Skara Brae fort. War es ein Reich, wenn es nur noch aus einer Stadt und einigen Dörfern bestand? Vielleicht sollte sie einmal testen, wie es um die Grundfesten dieses Reiches bestellt war? Tiefer bohren. Der Gedanke ließ ihr Herz schneller schlagen. Da war sie wieder, die alte Neugier. Der Reiz, eine weitere Antwort zu suchen. Der Ausblick auf eine Konfrontation mit jenen, die sie verdient hatten. Sie streifte die Handschuhe wieder über und bemühte sich gar nicht erst um einen Reisezauber. Stattdessen irrte sie eine Weile umher, bis sie einen Weg mit einem alten, verwitterten und unlesbaren Schild fand. Es würde schon irgendwohin führen.
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