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Die Bestie der Arena auf einem Ball der Ilharess

Lyr'sa Ky'Alur

Lange hatte Lyr'sa vor den Toren des Qu'ellars gestanden und ihren Mut zusammensuchen müssen. Die grazielen Stufen überhaupt zu betreten verlangte ihr jedes Mal einiges an Mut ab. Das dunkle Kleid, welches man ihr gegeben hatte, schmiegte sich ungewohnt eng an ihren Körper. Feine Silberfäden im Stoff schimmerten bei jedem Schritt im gedämpften Licht der Kohlepfannen und Kerzen die eigens für diesen Anlass entzündet wurden.
Sie fühlte sich sehr sichtbar... und doch zugleich sehr fehl am Platz darin.

Über ihr erhob sich der Palast der Ilharess wie eine schwarze Spinne aus Obsidian und schierem Willen geformt. Bewaffnete Wachen standen reglos entlang der Treppen, ihre roten Augen folgten jedem Gast. Aus dem Inneren drang bereits Musik dumpf nach außen, begleitet von dem entfernten Klang von Gläsern und Gelächter.

Als die schweren Tore geöffnet wurden, schlug ihr warme Luft entgegen, schwer von Wein, Räucherwerk und Fleisch. Für einen Moment blieb Lyr'sa einfach stehen und blickte in den goldviolett erleuchteten Ballsaal hinein, als hätte sie eine andere Welt betreten.

Der Ballsaal des Qu’ellars war erleuchtet von hunderten schwebenden Kristalllichtern, die wie gefangene Sterne unter der hohen Gewölbedecke schimmerten. Vorhänge hingen zwischen den schwarzen Marmorsäulen herab, halb durchsichtig, sodass man dahinter Schatten von Körpern erahnen konnte. Silberne Schalen voller exotischer Früchte, gebratenem Fleisch, Pilzgebäck und dampfen Saucen stapelten sich auf einem niedrigem Tisch am Rande des Saals, während Diener lautlos zwischen den Gästen umherhuschten und Getränke reichten. Gelächter hallte durch den Saal, manchmal elegant und leise, manchmal roh und beinah vulgär laut, nachdem einer der Gäste seine Freude daran gefunden hatte einem der Diener übel mitzuspielen. Aus Seitengängen drangen gedämpfte Stimmen, leises Stöhnen und das Klingen von Schmuck oder Ketten herüber, diskret genug, um höfisch zu bleiben, aber offen genug, dass niemand vorgab, es nicht zu bemerken.

Zwischen all den eleganten Gästen fiel Lyr'sa vor allem dadurch auf, dass sie das Buffet tatsächlich nutzte. Während andere Drow die Speisen eher präsentierten als aßen, schob sie sich bereits das dritte gefüllte Pilzgebäck in den Mund und musterte dabei aufmerksam die nächste silberne Platte, als plane sie einen taktischen Angriff.

Im Zentrum des Saales lag eine Tanzfläche aus schwarzem Stein. Einige Musiker mit Flöten und einigen kleinen Trommeln an einem Ende. Umringt wurde die Tanzfläche von Magiern mit erhobenen Händen, welche im aufkommenden Tanz ihre Rolle spielen würden.

Als ein einzelner Gong plötzlich das Stimmengewirr des Ballsaales durchschnitt, verstummten Gespräche, Diener traten zurück und die Gäst ebegannen sich langsam um die Tanzfläche zu sammeln. Einige der anwesenden tauschten bereits selbstsichere Blicke aus, während andere ihre Schmuckketten richteten oder letzte Schlucke Wein nahmen.

Lyr'sa selbst hatte eigentlich nicht vorgehabt, sich dem Tanz anzuschließen. Sie stand noch mit einem halb aufgegessenen Horsd'œuvre in der Hand am Rand der Menge, als plötzlich jemand von hinten gegen sie stieß. Mit einem erschrockenen Laut stolperte sie mehrere Schritte nach vorne und landete direkt auf dem schwarzen Stein der Tanzfläche.

Hinter ihr erklang vereinzeltes belustigtes Kichern. Noch ehe sie entscheiden konnte, ob sie fliehen oder sich entschuldigen sollte, setzte bereits die Musik ein.
Die Musik der Drow folgte keinem klaren Takt, zumindest keinem, den ein Oberflächenbewohner verstanden hätte. Hohe Saitenklänge brachen plötzlich ab, Trommeln setzten zu früh oder zu spät ein, und dazwischen erklangen schrille Flötentöne wie Warnrufe in der Dunkelheit. Dennoch bewegten sich die Tänzer beinahe perfekt über den schwarzen Steinboden, schnell, elegant und mit messerscharfer Präzision.

Lyr'sa verlor sich vollständig darin. Ihr Kleid wirbelte bei jeder Drehung um ihre Beine, silberne Ketten an ihren Hüften klirrten leise im Rhythmus der chaotischen Musik. Einer nach dem anderen wurde im grellen Feenfeuer der Magier sichtbar gemacht, sobald ein Schritt zu spät kam. Unter höhnischem Gelächter mussten die Erleuchteten die Fläche verlassen, bis schließlich nur noch wenige Tänzer übrig waren — und Lyr'sa, wundersamerweise, noch immer zwischen ihnen stand.

Letztlich erwischte es auch Lyr'sa.

Ein einzelner Schritt - lediglich einen Herzschlag zu spät!
Sofort flammte kaltes Feenfeuer um ihre Schultern auf und tauchte sie in bläuliches Licht. Erschrocken blieb sie mitten in der Bewegung stehen, ehe sie hastig den Blick senkte und die Tanzfläche verließ, noch bevor die Magier das Leuchten wieder verlöschen ließen.

Sie war Sechste geworden. Sie kam viel weiter, als sie es jemals erwartet hätte.

Noch immer leicht außer Atem schob sie sich durch die Zuschauerreihen und blieb schließlich am Fuß der erhöhten Empore der Ilharess stehen. Dort saß die Lichtelfe der Ilharess - Sonei'elet S'ildar - einige Stufen oberhalb auf dunklen Kissen, die Beine elegant zur Seite gelegt, das helle Haar über den schwarzen Stein fließend. Die goldene Kette an ihrem Hals lag locker über den Stufen hinweg und führte hinauf bis direkt zum Thron Jhea'krynas, wo das andere Ende befestigt war wie die Leine eines kostbaren exotischen Tieres. Und dennoch wirkte die Lichtelfe nicht gebrochen. Eher... seltsam ruhig.

Lyr'sa blieb unsicher stehen, ehe die Elfe sie mit einem milden Lächeln musterte.

„Du bist die Schmiedin.“

„Ich bin keine große Schmiedin“, murmelte sie vorsichtig.

Sonei'elet lächelte tatsächlich leicht darüber. „Und dennoch spricht die Ilharess oft von dir.“

Lyr'sa blinzelte überrascht. „Malla Ilharess spricht über... mich?“

Die Lichtelfe nickte langsam und ließ den Blick kurz zur Ilharess wandern. „Mehr, als du vermutlich glaubst.“

Noch ehe Lyr'sa etwas erwidern konnte, spürte sie den Blick der Ilharess auf sich ruhen. Jhea'kryna hatte sich nicht einmal vollständig zu ihnen gedreht. Ein leicht gehobenes Kinn genügte bereits, kalt, lautlos und unmissverständlich.

Sonei'elets Lächeln verschwand sofort.

„Ihr solltet gehen“, sagte die Lichtelfe leise.

Lyr'sa senkte hastig den Blick. „Natürlich...“

Für einen kurzen Moment trafen sich ihre Augen dennoch mit denen der Ilharess. Jhea saß halb zurückgelehnt auf ihrem Platz zwischen dunklen Kissen und Weinbechern, eine Hand locker an der goldenen Leine der Lichtelfe. Um sie herum wurde gelacht, getrunken und geflüstert, doch dieser einzelne Blick genügte, um Lyr'sas Magen eng werden zu lassen.

Dann machte sie rasch einen Schritt zurück und verschwand wieder in der Menge aus Musik, Rauch und flackerndem Kristalllicht.

Zwischen Rauchschwaden, der Musik und den eng stehenden Gästen bemerkte Lyr'sa das erhöhte Podest zunächst gar nicht. Erst als sie sich hastig zwischen zwei liegenden Adligen hindurchdrängte, blieb ihr Blick an dem massigen Körper hängen, der dort oben präsentiert wurde wie eine seltene Bestie aus der Arena.

Drok.

Der muskulöse Drow stand beinahe regungslos zwischen bronzenen Feuerschalen, nur mit einer schweren Kettenhose und seinem Sklavenhalsband bekleidet. Das flackernde Licht ließ jede einzelne Muskelpartie seines Oberkörpers hervortreten. Einige Drowdamen beobachteten ihn bereits aus sicherer Entfernung, tuschelnd, neugierig — doch keine wagte sich näher heran.

Lyr'sa hingegen bemerkte die kleine Stufe vor dem Podest zu spät.

Mit einem erschrockenen Laut stolperte sie nach vorne und prallte direkt gegen Drok, wobei sie sich instinktiv an seiner nackten Brust festhalten musste. Ihre Finger gruben sich für einen kurzen Moment gegen harte Muskeln, ehe sie aus Reflex sogar seinen gewaltigen Oberarm packte, als müsse sie prüfen, ob jemand wirklich so gebaut sein konnte.

Drok blinzelte langsam zu ihr hinab.

Sein leer wirkender Blick wanderte erst auf ihre Hand an seinem Bizeps, dann wieder in ihr Gesicht.

„Drok starker Krieger!“, brummte er schließlich und spannte dabei grinsend seinen Arm an, sodass die Muskeln unter ihrer Hand regelrecht hart wurden.

Aus der Nähe hörte Lyr'sa plötzlich leises neidisches Tuscheln anderer Drowdamen.

Ihr Gesicht lief dunkelrot an.

„Oh nau.“

Fast panisch ließ sie ihn los, machte zwei hastige Schritte rückwärts und verschwand dann eilig wieder zwischen den Gästen, während hinter ihr noch immer das dumpfe, zufriedene Grinsen des Arenakämpfers zu sehen war.

Draußen auf dem Balkon war die Luft kühler. Unter ihr lag der See Elashinns. Und vor ihr schwarzes Meer aus Türmen, Brücken und violett schimmernden Lichtern, während aus den tiefen Schächten der Stadt warmer Nebel emporstieg. Lyr'sa stützte beide Hände gegen das steinerne Geländer und versuchte, ihr brennendes Gesicht wieder unter Kontrolle zu bringen.

„Oh Shu...“

Hinter ihr öffneten sich plötzlich wieder die schweren Türen des Ballsaals.

Erneut ertönte ein Gong und ein jeder wusste - der Showkampf beginnt.

Sofort strömten die Gäste zurück in Richtung des Zentrums des Saales. Auch Lyr'sa ließ sich mitreißen, bis sie schließlich zwischen dutzenden Adligen und Priesterinnen stand, die auf die aufmarschierenden Kämpfer blickten. Darunter bereits Drok.

Ketten hingen locker von seinen Handgelenken, mehr Zierde als tatsächliche Fessel. Gegenüber von ihm warteten zwei menschliche Sklaven mit Speeren, beide sichtbar nervös, beide viel zu schmächtig für das, was ihnen bevorstand.

Die Musik verstummte, das Flüstern ebbte ab. Dann bewegte sich Drok wie ein rollender Felsblock.

Der erste Mensch stieß einen panischen Schrei aus und rannte mit erhobenem Speer auf ihn zu. Drok fing ihn einfach mit beiden Händen ab, hob ihn brutal vom Boden hoch und schleuderte ihn quer durch den Saal. Der Kopf des Mannes krachte mit einem dumpfen Geräusch gegen eine der schwarzen Säulen. Augenblicklich sackte der Körper regungslos zusammen.

Die Menge jubelte. Der zweite Sklave wollte fliehen.
Drok packte ihn noch während der Drehung am Bein, riss ihn zurück und hob ihn mühelos über den Kopf. Für einen kurzen Moment strampelte der Mensch hilflos in der Luft, ehe Drok sich mit einem dumpfen Brüllen auf ein Knie fallen ließ.

Ein widerliches Knacken hallte durch die Arena. Der Rücken des Mannes brach über Drokks angewinkeltem Knie wie morsches Holz.
Mehrere Gäste lachten laut auf. Wein schwappte aus goldenen Bechern. Irgendwo begann jemand begeistert zu applaudieren.

Und mitten zwischen all dem stand Lyr'sa mit weit aufgerissenen Augen, während Drok schwer atmend den Kopf hob — als suche er zwischen den jubelnden Gesichtern nach ihr.

Ein widerliches Knacken hallte durch die Arena. Der Rücken des Mannes brach über Droks angewinkeltem Knie wie morsches Holz.

Mehrere Gäste lachten laut auf. Wein schwappte aus goldenen Bechern. Irgendwo begann jemand begeistert zu applaudieren.

Und mitten zwischen all dem stand Lyr'sa mit weit aufgerissenen Augen, während Drok schwer atmend den Kopf hob — als suche er zwischen den jubelnden Gesichtern nach ihr.

Von Ihrer Empore hatte sich Jhea'kryna leicht auf ihrem Thron zurückgelehnt. Sonei'elet saß zu Füßen der Ilharess auf den dunklen Stufen der Empore, still wie ein wohlerzogenes exotisches Tier. Jhea'krynas Finger glitten gedankenverloren durch ihr helles Haar, während ein Teil der goldenen Kette locker über dem Schoß der Ilharess ruhte. Die Ilharess betrachtete Drok einige Augenblicke schweigend, den Blick kühl und prüfend.

Dann sprach sie.

„Die Arena hat ihren Zweck erfüllt.“

Sofort verstummten einige Stimmen im näheren Umfeld.

Jhea'kryna ließ den Blick langsam über die blutverschmierte Kampfgrube gleiten, ehe sie leicht zwei Finger in Richtung des massigen Drowkämpfers hob.

„Er Wird ab heute dem Qu’ellar Ky'Alur als Kämpfer angehören.“

Tath'raen, der unweit der Empore stand, senkte knapp den Kopf.

„Tath'raen. Du als der Hauptmann der Garde wirst ihm Disziplin beibringen. Wenn er schon wie ein Kriegsbestie kämpft, soll er wenigstens lernen, wann er zuzuschlagen hat.“

Der Blick der Ilharess wanderte weiter hinab zu Lyr'sa.

„Und Du.“

Lyr'sa zuckte sichtbar zusammen.

„Du wirst ihn ausrüsten.“

Für einen kurzen Moment wusste sie nicht, ob sie darauf stolz oder verängstigt reagieren sollte.

Ihr Blick glitt unwillkürlich zu Sonei'elet hinauf.

Die Elfe erwiderte den Blick mit einem kurzen, beinah aufmunternden Lächeln, während Jhea'krynas Finger noch immer langsam und gedankenverloren durch ihr helles Haar glitten.

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