"Sie kommt"
Lyr'sa Ky'Alur
Einige Stunden zuvorEigentlich hatte Lyr'sa nur einige frisch polierte Silberarbeiten ins Qu'ellar bringen sollen. Einige Kisten mit Kristallleuchtern und eine kleine Auswahl an feinmechanischen Spielereien, die die Feier erheitern sollten. Nichts schwieriges. Nichts, was ihrer Erfahrung nach plötzlich schwelte, Feuer fing, explodierte oder jemanden verärgerte. Wobei letzteres bei Drow sicher ganz beliebt werden könnte - sie macht eine mentale Notiz. Sie hatt beide Arme um eine schwere Holzkiste geschwungen und trug diese durch die geschäftigen Hallen des Qu'ellars, während um sie herum Diener, Wachen Priesterinnen und Schreiber die letzten wichtigen Vorbereitungen für das bevorstehende Fest trafen. Überall wurde hier gearbeitet, aufgeräumt, dekoriert oder diskutiert. Für Lyr'sa wirkte es bereits völlig chaotisch, aber dennoch erkannte sie auch eine gewisse Ruhe und Entspanntheit im Auftreten der Drow. Dann erklang plötzlich eine Stimme vom anderen Ende der Halle. „Sie kommt!“ Es war, als hätte jemand einen Zauber gewirkt. Innerhalb weniger Momente verwandelte sich die geschäftige Unordnung in eine völlig andere Art von Unordnung. Jaluken wie Jalilen begannen sich schneller zu bewegen. Diener verschwanden mit Tabletts durch Seitentüren. Schreiber rafften eilig ihre Pergamanete zusammen. Eine Priesterin befahl einem Sklaven eilig einen Tisch mehrere Fuß zur Seite zu schieben, nur um anschließend selbst mit Hand anzulegen um ihm zu helfen. erzen wurden neu angeordnet. Blumengestecke ersetzt. Ein Weinbecher verschwand. Ein anderer erschien. Niemand schien Anweisungen zu geben und dennoch schienen plötzlich alle zu wissen, was zu tun war. Vor dem Qu’ellar kam die von Reitechsen gezogene Kutsche schließlich zum Stehen. Ein Jaluk trat vor und reichte der mit geübter Bewegung der Ilharess seinen Arm. Zuerst erahnte Lyr'sa lediglich ein schlankes anthrazitfarbenes Bein aus dem Inneren der Kutsche. Ein hoher Schuh aus dunklem Leder und silbernen Spinnenornamenten setzte lautlos auf dem Stein auf. Feine Ketten liefe vom Absatz bis zum Knöchel und trugen kleine violette Kristalle, die bei jeder Bewegung im Schein des Narbondel funkelten. Erst dann erhebt sich Jhea'kryna vollständig aus der Kutsche, nahm den angebotenen Arm an und ließ sich mit vollkommener Selbstverständlichkeit vom Jaluken zur Treppe des Qu'ellars geleiten. Lyr'sa blieb mit ihrer Kiste stehen und beobachtete verwirrt das Geschehen. „Oh Shu...“ Neben ihr lief ein Diener vorbei, riss einem anderen wortlos eine Weinflasche aus der Hand und verschwand damit. Eine weitere Dienerin wechselte die Tischdecke einer Anrichte aus, obwohl Lyr'sa beim besten Willen keinen Unterschied erkennen konnte. Überall schien eine seltsame Nervosität in der Luft zu liegen. Dann wurde es still. Keine gespenstische Stille. Eher die Art Stille die man erwarten würde, wenn ein Raum voller Egozentriker plötzlich daran erinnert wurde, wer hier tatsächlich das Sagen hatte. Schließlich betrat sie die Halle. Jhea'kryna eilte nicht. Sie stolzierte nicht einmal besonders auffällig. Und dennoch richteten sich die Blicke wie von selbst auf sie. Gespräche verebbten. Diener traten zur Seite - oder verließen ganz die Gänge in denen Sie gleich auftauchen würde. Selbst jene, die eben noch geschäftig Befehle verteilt hatten, schienen plötzlich darauf zu warten, selbst Befehle zu erhalten. Es dauerte nicht lange bis sich bereits eine kleine Traube wichtiger Personen um sie sammelte. Oder jener, die mit ihr gesehen werden wollten. Schreiber, Priesterinnen, Bittsteller und offiziere traten nacheinander vor und präsentierten ihr Listen, Entwürfe, Pläne und Berichte. Lyr'sa hatte Mühe überhaupt zu versthen, worum es eigentlich ging. Jhea'kryna benötigte selten mehr als einen Blick. „Nein.“ Der Schreiber verschwand. „Das Violett ist zu hell.“ Jemand verneigte sich und eilte davon. „Zu wenig Wein.“ Ein anderer begann hektisch Notizen anzufertigen. „Wer hat diese Musiker ausgewählt?“ Die betreffende Priesterin wurde schlagartig blasser. Lyr'sa hatte inzwischen ihre Kiste abgestellt und beobachtete das Ganze mit einer Mischung aus Faszination und wachsendem Unbehagen. Es erinnerte sie an eine perfekt geölte Maschine. Eine weitere Bedienstete trat vor die Ilharess und verneigte sich tief. „Malla Ilharess. Wie gewünscht haben wir einen Arenasklaven für die Feier ausgewählt.“ Ein Fingerschnippen genügte und zwei Diener führten einen mageren Drow heran. Er war nicht besonders groß, wirkte nervös und besaß die Statur eines Gelehrten, der sich gelegentlich daran erinnerte, Nahrung zu sich zu nehmen. Jhea betrachtete ihn einige Sekunden. Die Priesterin begann sichtbar zu schwitzen. „Das ist er?“ „Ja, Malla Ilharess.“ eine langgezogene Stille. Lyr'sa konnte beinahe hören, wie mehrere Anwesende gleichzeitig beschlossen, plötzlich sehr beschäftigt zu sein oder sich für die bereits fortgewischten Staubkörner zu begeistern. Jhea sprach ruhig. Fast freundlich. „Ich verstehe nicht, was daran so schwer ist.... Ich sagte groß...“ Die Priesterin schluckte. „Ja, Malla Ilharess.“ „Ich sagte stark.“ „Ja, Malla Ilharess.“ „Und ich bin mir recht sicher, dass ich außerdem sagte, er solle beeindruckend aussehen.“ Der Sklave blickte kurz auf sich selbst hinab, als wolle er überprüfen, ob vielleicht irgendwo doch noch beeindruckende Muskeln versteckt waren. „Entfernt ihn.“ Niemand diskutierte. Die Wachen führten den verwirrten Drow sofort wieder hinaus, und Lyr'sa hätte schwören können dass Sie sah, wie einer von Ihnen auch noch einen Dolch gezogen hatte. Jhea'kryna lehnte sich leicht zurück. „Versuchen wir es noch einmal.“ Eine unangenehme Stille breitete sich aus. Dann öffneten sich die Tore. Diesmal musste Lyr'sa bereits beim ersten Blick zugeben, dass die Anweisung vermutlich verstanden worden war. Drok betrat die Halle. Selbst zwischen den Wachen wirkte er wie eine laufende Mauer aus Muskeln, Narben und schlechter Laune. Jhea betrachtete ihn einige Augenblicke schweigend. Drok grinste. „Drok starker Krieger.“ Lyr'sa war sich nicht sicher, aber sie glaubte für einen kurzen Moment so etwas wie Zufriedenheit in den Augen der Ilharess zu erkennen. Frei nach
Beiträge in diesem Thread
|