Die Mumie wurde unerwarteterweise pünktlich geliefert, sah im Tageslicht aber nicht mehr auch nur annähernd so prächtig aus wie im Lichte der Lampen in Elashinn - eher wie ein schlecht gelagerter Sack mit Knochen darin. Nachdem die Gräfin einige Minuten schweigend auf ihren Fehlkauf gestarrt hatte, kam sie zu dem Schluss, dass die Mumie zumindest noch einen pädagogischen Nutzen haben könnte.
So landete sie schließlich als Geschenk bei den beiden Nachwuchs-Nekromantinnen Rubie und Sheraz, zusammen mit einem kleinen Zettel:
„Für Übungszwecke. Bitte nichts Wichtiges erwarten.“
„Die sieht gar nicht wie eine Mumie aus.“
Rubie stupste mit einem Stock gegen das Bündel vergilbter Leinen, das auf dem Tisch lag.
„Doch“, sagte Sheraz. „Sie sieht genau wie eine Mumie aus.“
„Nein, sie sieht aus wie ein alter Teppich mit Knochen drin.“
„Das ist im Grunde eine Mumie.“
Die beiden Nekromantinnen im Dienste der ni'Dulanas standen in Rubies Stübchen. Vor ihnen lag das Geschenk der Gräfin: eine uralte, schäbige Mumie, die angeblich einen verstorbenen Ehemann der Ilharess von Elashinn enthielt.
Ein Zettel hing an einem Fußknochen.
Für Übungszwecke. Bitte nichts Wichtiges erwarten.
„Sie traut uns nichts zu“, sagte Rubie.
„Zu Recht“, antwortete Sheraz. Rubie ignorierte das.
„Also. Hier in diesem Buch steht, dass man alten Mumien fünf Fragen stellen kann.“ Sheraz nahm das Buch zur Hand.
„Da steht: Manche Mumien können nach der Erweckung bis zu fünf Fragen beantworten.“
„Genau.“
„Da steht auch: Nur besonders mächtige Personen.“
Rubie nickte. „Ja.“
„Und woher wissen wir, dass das hier eine mächtige Person war?“
Rubie deutete auf die Mumie. „Weil sie eingewickelt ist.“
Sheraz starrte sie an. „Das ist kein Hinweis auf königliche Abstammung.“
„Finde ich schon.“
Sie begannen die Leinen zu entfernen. Dabei verlor die Mumie zunächst einen Arm. Dann einen Fuß. Dann fiel der Kopf herunter.
„Nicht schlimm“, sagte Rubie.
„Der Kopf ist normalerweise wichtig.“
„Wir legen ihn einfach wieder drauf.“ Also legten sie ihn wieder drauf. Verkehrt herum.
„So besser?“
„Nein.“
„Ach.“
Sie drehten ihn um. Schließlich war die Mumie ausgepackt. Sie war überraschend klein.
„Das ist keine mächtige Person“, sagte Sheraz.
„Woher weißt du das?“
„Er hat nur drei Zähne.“
„Vielleicht waren das königliche Zähne.“
„Rubie.“
„Ja?“
„Sei still.“
Beide standen einen Moment andächtig neben der Mumie. Rubie sprach die Formel. Nichts geschah. Sie sprach sie lauter. Nichts. Sie sprach sie sehr laut.
Plötzlich setzte sich die Mumie auf. Sheraz sprang erschrocken zurück.
Rubie strahlte. „Es hat funktioniert!“
Die Mumie öffnete knarrend den Mund. „WER HAT MICH GEWECKT?“
„Wir!“, rief Rubie.
Die Mumie seufzte. „SCHADE.“
„Er kann sprechen!“
„Ja“, sagte Sheraz.
„Jetzt fang an.“
Rubie nickte.
„Stimmt es dass wir Dir fünf Fragen stellen können?“
Die Mumie schwieg einen Moment, nickte und hob fünf Finger und klappte einen wieder herunter. „VIER FRAGEN.“
Sheraz runzelte die Stirn. „Was sollte das denn?“
„Na, jetzt wissen wir, dass wir ihn fragen können.“
Rubie dachte nach. „Zweite Frage! Wie heisst Du?“
Die Mumie schwieg einen Moment. „NARGOTH.“
Sheraz seufzte. „Das war eine Verschwendung.“
„Nein, jetzt kennen wir seinen Namen.“
„Dritte Frage! Wie alt bist du?“
Die Mumie antwortete: „DREIHUNDERTUNDACHTUNDVIERZIG JAHRE.“
„Rubie!“
„Was denn?“
„Das sind drei von fünf Fragen!“
„Ich sammle Informationen.“
„Nutzlose Informationen!“
Rubie überlegte erneut. Sheraz hob die flache Hand und schlug ihr auf den Hinterkopf.
„Hör mir zu. Jetzt fragen wir nach einem Schatz. Oder einem magischen Geheimnis. Oder einem vergessenen Zauber.“
„Verstanden.“ Rubie nickte entschlossen und drehte sich zur Mumie.
„Vierte Frage!“ Sheraz hielt den Atem an.
„Hattest du Kinder?“
Sheraz machte ein Geräusch, als würde ihre Seele den Körper verlassen. Dann wurde es vollkommen still. Sheraz schloss die Augen.
Die Mumie antwortete: „SIEBEN.“
„Oh.“
„Rubie.“
„Ja?“
„Ich werde dich irgendwann erwürgen.“
„Das ist aber nicht nett.“
„EINE FRAGE BLEIBT“, sagte die Mumie.
Sheraz schob Rubie beiseite und trat vor. „Ehrwürdiger Nargoth, verrate uns den Ort eines verborgenen Schatzes oder uralten Wissens!“
Die Mumie nickte langsam.
„ENDLICH EINE SINNVOLLE ---“
„Warte!“, rief Rubie.
„NEIN!“, brüllte Sheraz. Zu spät.
Rubie hob die Hand „Warum eigentlich nur fünf Fragen?“
Die Mumie starrte sie an. Sheraz starrte sie an. Stille. Lange Stille.
Dann zerfiel die Mumie zu Staub. Ein kleiner Windhauch wehte durch das Stübchen. Fort war sie.
Sheraz sank auf einen Stuhl. „Der Schatz.“
„Ja.“
„Das uralte Wissen.“
„Ja.“
„Die Geheimnisse von dreihundert Jahren.“
„Ja.“ Rubie überlegte. „Immerhin wissen wir jetzt wie er hiess.“
Sheraz starrte sie an. „Rubie.“
„Ja?“
Wenn die Gräfin fragt, wie die Übung lief, sagen wir einfach, die Mumie war schon kaputt.“
„Gute Idee.“
„Und erwähne niemals die fünf Fragen.“
„Welche fünf Fragen?“
Sheraz lächelte zum ersten Mal an diesem Abend. „Genau.“