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Pakt der fahlen Finger

Mireya Aschlicht

Das Stöhnen war laut und schief. Die Augen weit aufgerissen, Schweißperlen glitten über die Haut. Der Atem kam unregelmäßig; kurz versiegend, dann wieder aufbrandend. Ein Zittern glitt durch den Körper.

Mireya betrachtet den Gardisten mit alter, forschender Neugier nach Informationen. Manche Bewegungen und Gewohnheiten bleiben auch dann, wenn das Reich, das sie gelehrt hat, längst brüchig geworden war.

„Ich hatte euch gesagt, was geschehen würde, wenn ihr den Nagel entfernen wollt“, glitt es von den Lippen der Dunkelhaarigen. Ihre Stimme war ruhig, beinahe höflich.

Es war erstaunlich, wie oft Menschen Verträge nur solange achteten, wie sie keinen Preis verlangten. Sie war niemals ein Freundin von jenen gewesen, die sich bestechen ließen. Noch weniger eine Freundin jener, die ihre Stellung unter dem Mantel einer Notverordnung ausnutzten, die angeblich dem Schutz des Reiches diente und doch so oft nur den Schatten mächtiger Männer verlängerte.

Etwas in ihr war besorgt wie eine gewisse Geübtheit zurück war, selbst in dieser Form ihrer Magie. Vielleicht würde sie in Zukunft gar einen simplen Reisezauber weben können. Etwas in ihr musste lachen, still und heimlich in ihr Herz hinein, ohne dass Ohren es vernehmen konnte. Es war auch nicht der Moment zu lachen. Eine gewisse Ernsthaftigkeit war angemessen.

Zunächst gab der Gardist einen Namen Preis, den eines weiteren Gardisten, dann einen zweiten, den eines vermeintlichen Priesters Tyraels.

Sie war zufrieden, jedoch nicht glücklich. Unvermittelt ergriff sie die Hand des Gardisten. Ein körperlicher Anker, um den Nagel zu entfernen.


Erinnerung regte sich.

Nicht an diesen Mann.

An eine andere Hand.

Die Hand Ancanagars.

Eine Taverne. Eine warme, viel zu späte Nacht. Ein leerer Becher. Der Blick zweier Grautöne, die einander nicht ausweichen wollten. Fahlheit im Mondlicht.

Hände, die sich berühren und einen Pakt schlossen, einen Pakt der Ehrlichkeit. Ohne Nägel, ohne doppelten Boden, ohne Sicherungsseil. Man baumelte erstaunlich frei über dem Abgrund, wenn einen nichts hielt.
Dennoch war Mireya das Wagnis eingegangen. Sie war sich nicht sicher, ob dieses Vertrauen gerechtfertigt war, aber dennoch hatte sie es gegeben. Gerade das machte es gefährlich. Vertrauen, das sich erklären ließ, war oft nur Vernunft mit weicherem Namen. Dieses hier war anders. Unvernünftig. Unordentlich. Ungebeten. Ein Risiko.
Sie hatte ihre Magie zügeln müssen, die danach strebte Sicherheit zu erlangen, wie ein durchgehendes Pferd. Die Kontrolle entglitt eben doch manches Mal. Es würde besser werden mit der Zeit.

Ancanagar war blass und irgendwie euphorisch gewesen. Letzteres war anders als bei ihrem letzten Aufeinandertreffen. Sie hatte von mächtigen Magiern gesprochen, von Schleiern, die beiseitegeschoben werden konnten, von der Furcht vor Mauern, von Abweisung. Davon, dass ihr Herz für besondere Menschen schlug. Für verlorene Seelen.

Passend, jedoch besorgniserregend.

Beides zugleich.

Ehrlichkeit war lange ein Konstrukt gewesen, das Mireya bei anderen erstrebte und bei sich selbst sorgfältig portionierte. Ein Wert, gewiss. Aber Werte waren Werkzeuge, wenn man sie nur fest genug hielt.

Und dann hatte Ancanagar gefragt. Nicht mit Gewalt oder Recht oder Magie. Nur mit blassen Fingern auf einer Tischplatte und einem Blick, der keine Antwort stahl, sondern eine erbat.

Mireya hatte gelächelt. Dieses Mal nicht nur innerlich, nicht nur mit den Augen, sondern wahrhaftig. Das erste Lächeln seit…

Die Decke der Taverne war ein erstaunlich guter Ort, um Dinge nicht zu Ende zu sagen.


Die Decke der alten Bretterbude, in der sie nun mit dem Gardisten stand, war weniger erbaulich. Verwittert, feucht und löchrig. Das Holz war dunkel geworden, im schummrigen Licht nahm es sogar einen leicht schwarzen Ton an. Irgendwo tropfte Wasser in gleichmäßigen Abständen auf den Boden.
Tok.
Tok.
Tok.

Die Hand löste sich von der des Gardisten und dieser stolperte hastig davon.

Draußen schob sich der Mond hinter Wolken. Das fahle Licht verschwand aus den Ritzen der Bretter, und der Raum wurde dunkler, bis er ganz in Dunkelheit gehüllt war. Eine weitere Erinnerung wurde ausgelöst und sie wandte ihren Blick langsam in Richtung des Kerns der Stadt. Ihr geistiges Notizbuch wurde wieder einmal hervorgekramt, aufgeschlagen und Mireya sprach in dem warmen Altton ihrer Flüsterstimme vor sich hin:

„Herr Ethar, eure Dunkelheit - ob Schutz oder viel mehr - wird zu ergründen sein.“

Dann zog sie die Handschuhe an den Fingern fester.

Ein Pakt ohne Nagel.

Ein Pakt mit Nagel.

Und irgendwo dazwischen die Frage, welche Art von Mensch sie war, wenn ihr beides gelang.

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