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Schwellenbrand

Mireya Aschlicht

Der erste Tropfen Schweiß lief ihr die Stirn hinab, ein zweiter folgte. Der Raum roch nach Feuer, brennendem Holz und jener unangenehmen Schärfe, die entstand, wenn Rauch begann, in Stoffe, Haare und Lungen zu kriechen. Irgendwo knackte ein Balken.

Mireya atmete langsam aus.

Es war trickreicher mit diesem gewesen. Der Mann war kein einfacher Schwätzer in geliehener Frömmigkeit. Er verstand Magie. Er verband Wirkungen miteinander, wie ein Schneider Garn mit der Nadel durch Löcher zog. Grob vielleicht, doch die Naht hielt.
Ihre eigenen Begrenzungen wurden Mireya wieder einmal schmerzlich bewusst. Ein Feuerball wäre hilfreich gewesen. Ein einfacher, roher, unanständiger Feuerball. Aber diese Pforten blieben ihr verschlossen. Feuer gehorchte anderen Händen. Ihr blieben nur vergleichsweise feine Werkzeuge für eine Welt, die manchmal nach Hämmern verlangte. Also musste sie sich sammeln, sich konzentrieren, die wenigen Ressourcen nutzen, die ihr zur Verfügung standen. Nagel, Schwelle, Siegel oder Bruch?

Nagel…dafür war er zu weit entfernt.

Siegel… ebenfalls zu weit entfernt.

Bruch…dafür war sein Geist zu gut geschützt und ihre eigene Magie noch zu schwach.

Schwelle…einen Versuch war es wert, aber keine Lösung. Vielleicht konnte eine Kombination…?

Ihr Stiefel strich eine Linie auf den Boden. Wie immer war es nichts großes oder leuchtendes, keine theatralische Geste, kein Bombast, einzig Leder auf Dielen. Leise wurden die Worte gesprochen. Die Magie sickerte an die gewünschte Stelle langsam, widerwillig, als müsse auch sie sich erst daran erinnern, wie man gehorchte. Mireya zog sich weiter in den Raum zurück. Sie fand einen Apfel auf einem der Tische. Nun knüpfen wir eine Ablenkung an eine weitere. Der Priester — oder das, was sich Priester nannte — war flink. Seine Schritte waren schnell, zu schnell für jemanden, der eben noch geglaubt hatte, moralische Überlegenheit sei eine ausreichende Rüstung. Er setzte nach, die Hand bereits erhoben, die Lippen in Bewegung.

Mireya wartete. Nur noch einen Schritt. Noch einen. Sie warf den Apfel kurz bevor die Schwelle betreten wurde. Der Priester nutze Magie um sie abzulenken. Ein Fehler! Schnell musste sie sein, Schritt um Schritt, dann war sie ihm nah. Eine weitere Ablenkung!

Klatsch.

Das Geräusch war charakteristisch. Vermutlich hatte jeder Mensch es schon einmal vernommen. Dieses flache, beleidigend körperliche Schmatzen einer Ohrfeige. Hier gedämpft durch die üblichen ledernen Handschuhe, aber nicht weniger eindeutig. Der Kopf des Mannes fuhr zur Seite. Die Tür war offen — nicht die in den Raum, sondern die andere.

„Kal Wis Tym“.

Die Worte fielen leise, aber sie fanden Halt. Etwas wurde gefasst und jäh in das Bewusstsein gezogen. Es war keine sauber aufgeschlagene Erinnerung, sondern nur ein Rand, ein zitterndes Stück innerer Wirklichkeit, das sich in diesem Moment nicht schnell genug verbergen ließ.

Der Priester taumelte zurück und stieß gegen die Wand. Angst wirbelte über seine Züge wie ein kreisender Sturm, dann Scham, dann Wut und schließlich erneut die nagende Furcht, die sich in alle Zwischenräume legte und dort zu Hause war.

Mireya lehnt sich auf den Tisch und atmete schwer. Das war mehr als mühsam gewesen. Die Hitze in dem Raum nahm merklich zu und es war Zeit von hier zu verschwinden, jedoch nicht ohne den Priester. Sie zerrte ihn heraus und obgleich die Sommerwärme wie ein kriechende Schnecke sich selbst nachts zu Hitze entwickeln wollte, war sie dennoch angenehm.

„Sprecht. Ich hatte euch etwas gefragt.“
„Ich weiß es nicht.“
„Ihr wisst es“
Er schüttelte mit dem Kopf.
Mireya neigte ihren eigenen kaum merklich zur Seite.
„Ich kann euch zurückschicken.“
Sein Gesicht verlor Farbe.
„Bitte nicht.“
„Warum nicht?“
„Ich bin ein Priester Tyraels!“
„Und ich die Königin von Britain und Düsterhafen.“
„Was haltet ihr von einer Übereinkunft?“
Mireya sah ihn einen Augenblick an. Er zog sich so als würde sie abwägen ob er gerade Dummheit, Mut oder Verzweiflung angeboten hatte.
„Ich bin ganz Ohr.“
Er spuckte ihr ins Gesicht, nicht in einem wohl geformten Klumpen Spucke, sondern in einem feinen Sprühnebel. Er hatte das wohl schon einmal geübt.

Klatsch.

Eine weitere Ohrfeige und sie reichte aus, um die Angst in ihm wieder aufsteigen zu lassen, wie Luftblasen in einer Flasche. Die Worte sprudelten aus ihm heraus und endlich waren wieder ein paar Informationen gewonnen. Namen, Zusammenhänge, Bruchstücke, dann fiel ein Name oder eher ein Titel.

„Der Reichskanzler…“

Mireya sagte nichts, denn manche Worte wurden schwerer, wenn man sie nicht sofort berührte. Sie nahm das Seil zur Hand, das sie vor dem Haus hatte liegen lassen und fesselte ihm die Hände hinter dem Rücken. Gründlichkeit war eine unterschätzte Tugend. Der Weg war nicht weit und sie stellt den Delinquenten vor der Nordgarnison ab wie ein schlecht verpacktes Geschenk.

„Bleibt bei der Tugend der Ehrlichkeit, andernfalls statte ich euch einen Besuch ab“.

Hinter ihr hatte das Feuer inzwischen das gesamte Haus in der Nordstadt erfasst. Die Flammen züngelten durch den Dachstuhl und Menschen liefen aufgeregt umher, riefen durcheinander, bildeten Menschenketten mit Wasserbottichen. Manche stolperten, irgendwo bellte ein Hund und auch die Nordgarnison erwachte zum Leben. Darum würden sich andere kümmern müssen.
Mireya schritt von Dannen. Das Ziel war klar. Gleichzeitig drifteten ihre Gedanken ab.

Was wohl Ancanagar, Herr Ethar oder Finsterrode zu diesem Zeitpunkt taten?

Der Rauch hing noch in ihrer Kleidung und die Hitze war noch auf ihrer Haut. Ein Bad wäre nötig. Wieder hatte sie ein paar Antworten erhalten, wenngleich nicht genug. Aber eigentlich waren sie nie genug oder? Sie waren aber genug, um weiterzugehen.

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