Still war es in ihrem Haus geworden. Lediglich das gelegentliche KNacken des Holzes im Herd oder das leise ticken einer alten Standuhr begleiteten Annaras Gedanken, während Sie an ihrem Küchentisch saß und mit den Fingern gedankenverloren über den Rand ihres Bechers strich. Zu viele warne verschwunedn. Manche hattens ich schlicht aus dem öffentlichen Leben zurückgezogen und genossen den wohlverdienten Ruhestand, andere waren dem Alter erlegen, oder schienen einfach vom Erdboden verschluckt worden zu sein. Mit jedem Namen war ein weiteres Stück der Unterstützung Laiennes - der Königin ... nein, ihrer Königin - verschwunden. Lange hatte sich Annara eingeredet, dass andere besser für solche Aufgaben geeignet gewesen waren als sie. Als sie mit fünfzehn Jahren in den Dienst der Königin trat, war sie nichts weiter gewesen als ein junges Mädchen aus einer edlen Familie, der die Königin einen gefallen tat, als sie Annara in ihre Dienste aufgenommen hatte. Sie war voller Bewunderung gewesen für die Herrscherin, für den Glanz des Hofes und die neidischen Blicke der anderen Hofdamen wenn Sie im Gefolge Laiennes auftauchte und durch die Gänge des Palastes schritt. Aber ebenso lernte sie dessen Schattenseiten kennen. Als sie miterlebte wie Jahr für Jahr Laienne an Einfluss verloren hatte, wie Entscheidungen an ihr vorbeigetragen wurden und wie Cordovan Adersin immer mehr Macht an sich zog. Oft hatte Annara dabei nur am Rand gestanden und sich gefragt, ob sie überhaupt etwas hätte ändern können. Drei Jahre waren zwischenzeitlich vergangen. Sie war älter geworden, hatte gelernt zuzuhören, Zusammenhänge zu erkennen und die Menschen hinter ihren höflichen Masken zu verstehen. Sie hatte nach und nach Verantwortungen übernommen, wo andere verschwunden waren, und war nun unerwartet in eine Position getreten, die ihr früher unerreichbar erschienen wäre. Selbst die Stunden auf dem Übungsplatz mit Bogen und Pfeilen, bei denen Laienne dann und wann dabei saß und höflich applaudiert hatte, hatten ihren Teil dazu beigetragen. Trotzdem waren die Zweifel geblieben. Oft genug hatte sie sich gefragt, ob sie nicht einfach eine Zofe war, die sich Dinge anmaßte, die weit über ihren Stand hinausgingen. Doch je länger sie darüber nachdachte, desto klarer wurde ihr, dass gerade diese Zweifel sie all die Jahre gelähmt hatten. Niemand würde kommen, um die Königin zu retten. Niemand würde plötzlich die Verantwortung übernehmen. Wenn die wenigen verbliebenen Getreuen untätig blieben, dann würde Laiennes Entmachtung eines Tages als unveränderliche Tatsache hingenommen werden. Zum ersten Mal seit langer Zeit spürte Annara, dass sie nicht mehr das unsichere Mädchen von damals war. Vielleicht war sie noch keine große Politikerin oder Heerführerin. Aber sie war auch längst nicht mehr die Fünfzehnjährige, die schweigend zusah, während andere über das Schicksal ihrer Königin entschieden.
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