Online: 3

Ein eingehegtes Gebilde

Loretta von Auenstein

Loretta saß wie so oft vor dem Schminktisch in ihrem Zimmer und kontemplierte ihre Situation. Den Kopf auf beide Hände gestützt, schaute sie in den Spiegel. Dieser Mann. Er ging ihr nicht mehr aus dem Sinn. Sie seufzte. Loretta hatte ihn auf einem Bankett kennengelernt. Sie wusste ihn anfangs nicht einzuordnen. War er schon öfter dort gewesen und ihr nur nie aufgefallen? Er hatte sie angesprochen, als sie wie so oft eine kleine Auszeit vom Trubel nahm und auf der Veranda etwas frische Luft schnappte. Der Abend war bereits hereingebrochen. Sie liebte es, wenn der Himmel sternenklar war und ihr für eine Weile die Gedanken abnahm. Sie hatte nach Sternschnuppen Ausschau gehalten, da näherte sich ein Mann von hinten und gesellte sich neben sie. Er folgte zunächst ihrem Blick und schien dann ebenfalls in den Himmel zu schauen. Eine Weile verging so wortlos, ehe er das Wort ergriff und Loretta ansprach.

Sie hatten sich gut unterhalten und sich irgendwann einander vorgestellt. Leran von Waldhof. Ein charmanter Mann mittleren Alters, der entweder echtes Interesse an Loretta hatte oder das Handwerk nur zu gut beherrschte, an solchen Abenden stets die richtigen Worte zu finden. Loretta dachte sich anfangs noch nicht viel dabei, aber sie fand ihn durchaus sympathisch. Er hatte es geschafft, dass sie nicht bereute, ihre kleine Auszeit gegen seine Gesellschaft eingetauscht zu haben.

Irgendwann sahen sich die beiden auf einem der Bankette wieder. Loretta hatte inzwischen in Erfahrung gebracht, dass Leran verheiratet war. Das ließ in ihr jeden Gedanken daran erstarren, dass ihre Begegnungen vielleicht doch romantischer Natur sein könnten. Das änderte an ihrer Sympathie ihm gegenüber nichts, aber sie war vorsichtiger geworden, auch sich selbst gegenüber.

Mit der Zeit war es normal für beide geworden, sich an den Bankettabenden zu suchen und sich ausgelassen zu unterhalten. Es fiel ihnen irgendwie leicht. Loretta fühlte sich von ihm gesehen. Er reduzierte sie nicht auf ihre elfische Erscheinung und schien ernsthaftes Interesse an ihren Themen, ihrer Musik und ihren Pflanzen zu haben, ohne dabei jemals mehr zu suggerieren.

Was Loretta jedoch aufgefallen war: Niemals stellte er ihr seine Frau vor. Sie hatte überhaupt nie den Eindruck gehabt, dass sie auf einem der Bankette anwesend war. Für Loretta war sie eine seltsame Schattengestalt. Sie wusste, dass es sie gab, aber das war es auch schon. Selbst Leran hatte sie nie erwähnt. Sie fragte sich, wie seine Ehe wohl lief. War er glücklich?

Eines Tages, da passierte etwas. Leran wirkte verändert, als sie, wie inzwischen zur Gewohnheit geworden, auf der Veranda standen. Leran wirkte bedrückt. Er war still und nicht der charmante Plauderer, den Loretta kennengelernt hatte. Als beide wieder wortlos in den Himmel schauten, platzte es plötzlich aus Leran heraus. Er gestand ihr seine Liebe und dass er in seiner Ehe schon lange nicht mehr empfunden hatte, was er nun für sie empfand. Das entfachte einen Wirbelwind in Lorettas Kopf. Sie wusste gar nicht, wie sie damit umgehen sollte. Er war verheiratet. Eine unverrückbare Grenze.

Leran hatte ihr gebeichtet, dass er diese Gefühle für sie schon länger hegte und schließlich vor der Entscheidung stand, Loretta nie wieder zu sehen oder ihr jetzt reinen Wein einzuschenken. Loretta hatte sich den Gedanken nie erlaubt, über Leran auf diese Weise nachzudenken. Für sie waren ihre Begegnungen sehr schön und die Möglichkeit, ihn auf dem nächsten Bankett wiederzusehen, hatte sie mehr gefreut als sie sich eingestanden hätte. Aber es war ein wohl eingehegtes Gebilde, das sie da mit ihm geschaffen hatte und das aufgrund seiner Situation keinen Platz jenseits seiner eigenen Grenzen hatte. So entgegnete sie ihm, dass sie sein Empfinden zwar nicht derart teilte, aber dennoch eine tiefe Sympathie für ihn empfand. Sie wollte den Kontakt gerne bewahren, auch wenn ihr durchaus bewusst war, dass es ihn in einen Konflikt brachte und sie damit auch.

Aber nach dieser Beichte nagte es an ihr. Sein Geständnis hatte etwas in ihr geöffnet, das sie vorher schlicht nicht erlaubt hatte. Zunehmend ertappte sie sich dabei, wie sie über ihn und seine Gebundenheit nachdachte. War er wirklich glücklich? Wenn eine Ehe nicht mehr von Liebe getragen wurde, stellte das sie dann infrage? Aber konnte an die Stelle der Liebe nicht auch etwas anderes rücken? Loretta erwischte sich immer wieder beim Fantasieren, woraufhin sie meist nach kurzer Zeit den Kopf schüttelte und seufzte. Bevor sie diesen Gedanken noch mehr Raum erlaubte, musste sie mehr über seine Situation wissen.

Beim nächsten Mal fragte Loretta ihn daher etwas durch die Blume, ob er trotz des erloschenen Feuers in seiner Ehe dennoch Glück in ihr fand. Lerans Antwort fiel eigenartig ambivalent aus. Er hatte sich in seiner Ehe eingerichtet. Sie war zu einer bequemen und funktionalen Hülle geworden. Er war nicht gänzlich unglücklich darin. Vielleicht war es gerade das, was Loretta so befremdete. Die Vorstellung, sich an einen Menschen zu binden und irgendwann kaum mehr als Stabilität und Gewohnheit miteinander zu teilen, erschien ihr schrecklich. Sie wollte sich kaum vorstellen, einmal selbst in einer solchen Situation zu leben, wenn aus einst leidenschaftlicher Liebe nur noch eine Form friedlicher Koexistenz geworden war. Aber Leran schien diesen Zustand dennoch dem Risiko vorzuziehen, noch einmal von vorne zu beginnen. Und das war der entscheidende Punkt. Damit stand für Loretta fest, dass Leran zwar tief für sie empfand, aber diese Empfindung niemals Raum bekommen konnte. Und so ergriff Loretta ihre inzwischen lebendiger gewordenen Regungen, schnürte sie wieder eng ein und steckte sie in jene innere Schachtel, in der sich schon all das andere befand, das sie sich nicht erlaubte. All die Dinge, die oft mehr Schmerz bedeutet hätten als Hoffnung.

Dieser Vorgang ließ eine gewisse Leere in ihr zurück, die sich seltsam anfühlte. Einerseits empfand sie Erleichterung darüber, dass sie ihre eigenen Sehnsüchte nun wieder im Zaum hatte. Das brachte eine gewisse Ruhe mit sich. Andererseits blieb eine Bitterkeit darüber, dass hier etwas begraben worden war, das auch etwas ganz anderes hätte werden können, etwas, das sie nie auszusprechen gewagt hätte.

Sowohl Loretta als auch Leran wollten ihren Kontakt dadurch aber nicht völlig abbrechen. Zu wertvoll erschien beiden, was sie gemeinsam hatten, auch wenn es die Gestalt einer Freundschaft nicht verlassen durfte. Aber eine Freundschaft konnte es sein, eine tiefe noch dazu. Und das überlagerte die bittere Note ihrer Verbundenheit mit einer angenehmen Süße, die Loretta zutiefst genoss und deren Verlust sie sich nicht vorzustellen wagte.

Ihren Kontakt beschränkten beide auf die Bankette und Briefkontakt. So nahmen beide füreinander zwar einen bedeutungsvollen Platz im Leben ein, ohne jedoch den gesteckten Rahmen infrage zu stellen. Ihre Verbindung hatte einen klar definierten Raum bekommen, dessen Wände heilig waren.

Beiträge in diesem Thread