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Unerwarteter Besuch

Sziedeyna

Die Tür war wieder zu. Sziedeyna stand im Flur ihres Hauses und dachte über das Geschehene nach. Eine Einladung. Das war ihr noch nie passiert. Ihre Nachbarin hatte sie auf einen Tee eingeladen, einfach so. Erst hatte sie sie geweckt mit einem zarten Klopfen an der Tür. So zart, dass Sziedeyna sich dafür geschämt hätte. Sziedeyna hatte daraufhin eine lebende Präsenz vor der Haustür gespürt. Sie hatte sich gefragt, wer da wohl etwas von ihr wollen könnte und hatte kurzerhand den Vorhang des Fensters im ersten Stock, in dem sich auch ihr Ruheraum befand, zur Seite geschoben, um nachzusehen.

Ihre Nachbarin lebte in dem größeren Anwesen gleich nebenan. Sziedeyna hatte ihr nie große Aufmerksamkeit geschenkt, doch eines war ihr aufgefallen - die spitz zulaufenden Ohren, die sie augenscheinlich als Elfe auswiesen. Und nun hatte sie an ihre Tür geklopft und sie zum Tee eingeladen, weil man das laut ihrer Aussage eben so tat. Sziedeyna war mit derlei Bräuchen nicht vertraut und hatte daher, wie es ihre direkte Art war, nachgefragt, was von ihr erwartet wurde. Eine wohlhabende Elfe wollte mit ihr Tee trinken. Sie wusste das nicht zu deuten. Warum jetzt und warum sie? Sziedeyna hatte darauf keine Antwort.

Sie hatte die Elfe, die sich als Loretta von Auenstein vorgestellt hatte, natürlich genau beobachtet. Nicht bloß beobachtet, sondern regelrecht untersucht. Hinter Sziedeynas kühler und regungsloser Fassade lief stets ein ganzer Sensorapparat. Was sie früher mit rein menschlichen Sinnen wahrgenommen hatte, wurde inzwischen von ihren vampirischen ergänzt. Sie roch das Blut und seine Eigenschaften. Im Fall von Loretta war ihrer Nase Unsicherheit und eine Harmlosigkeit begegnet, wie man sie vielleicht sonst nur bei einem Reh im Wald vorfand. Sie hatte nach noch etwas gerochen. Da war irgendein Bedürfnis, das von dieser zarten Frau ausgegangen war. Etwas Suchendes. Und Sziedeyna hatte sich des Eindrucks nicht erwehren können, dass sie das Ziel dieser Suche gewesen war. Was wollte die Elfe von ihr?

Im Rahmen dieser Erwägungen kam Sziedeyna natürlich nicht umhin, auch darüber nachzudenken, wie ihr Blut wohl schmecken würde. Aber sie wollte sich diesem Gedanken nicht hingeben, weil außer Frage stand, ihrer unmittelbaren Nachbarin, noch dazu einer adligen - möglicherweise stadtbekannten - Person etwas anzutun. Das würde sie zu sehr selbst gefährden. Lieber fischte sie in ferneren Gewässern wie dem Hafen, dem es an entbehrlichen Seeleuten aus aller Welt nicht mangelte. Dennoch konnte sich Sziedeyna nicht ganz lösen von der Vorstellung. Lorettas Blut roch anders als das von Menschen. Es hatte eine edle Note. Nein, das griff zu kurz. Da war etwas, das Sziedeyna zutiefst faszinierte. So etwas war sie bisher noch nicht begegnet, zumindest nicht seit sie in der Lage war, so etwas wahrzunehmen.

Loretta war zu Sziedeyna quasi mit einer Bitte gekommen, hinter der offenbar mehr zu stecken schien als bloße Sozialkonvention. Ihr Blut war verlockend, jedoch auch Tabu. Sollte sie sich dieser Verlockung wirklich aussetzen? Nun hatte sie ihr schon zugesagt, vielleicht weil sie darin auch eine Möglichkeit sah, sich zu beweisen, dass sie widerstehen konnte. Sie wollte es ihrem inneren Raubtier zeigen, dass es sie nicht komplett besaß. Aber in ihr waren auch Zweifel, ob ihr das gelingen würde, besonders wenn sie mit dieser Elfe allein sein und sie das öffentliche Auge nicht grob davor bewahren würde, eine folgenschwere Dummheit zu begehen.

Während sie dieser innere Zwiespalt beschäftigte, schaute sie auch nach passender Kleidung für den kommenden Besuch. Sie hatte noch das eine Kleid, das etwas mehr hermachte als ihre üblichen Alltagskleider. Das würde sie anziehen und... Schuhe. Die hatte sie beinahe vergessen. Aber Leute erwarteten bei solchen Anlässen in der Regel auch Fußbekleidung. Seit Sziedeyna sich um Verletzungen keine Sorgen mehr machen musste, da diese im Nu wieder verheilten, lief sie gerne Barfuß durch die Stadt. Es verband sie irgendwie mehr mit ihrer Umgebung und diese Unmittelbarkeit war für sie als Vampirin integraler Bestandteil ihrer Überlebensstrategie geworden.

Eine Frage bohrte sich bei all diesen Erwägungen unweigerlich an die Oberfläche: Was sah die Elfe in ihr? Und konnte sie ihr vielleicht auch etwas geben? Irgendetwas von dieser Loretta hat zu ihrem Inneren gesprochen, doch sie wusste noch nicht, was sie damit anfangen sollte. Sie war vielleicht neugieriger auf diesen Tee bei Mondenschein als sie sich eingestehen wollte. Diese Gedanken begleiteten sie den Rest der Nacht, bis sie sich bei Morgenanbruch wieder in ihren hintersten Raum zurückzog, um sich zur Ruhe zu betten.

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