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Die Nachbarin

Loretta von Auenstein

Nachdem Lorettas erster Versuch der Kontaktaufnahme unerfolgreich war, erinnerte sie sich am nächsten Tag daran, was ihre Nachbarin Annara Taugrund ihr über die seltsamen Aktivitätszeiten im Haus nebenan erzählt hatte. Vielleicht sollte sie es einmal später abends versuchen, dachte sich Loretta, als sie die angenehme Ruhe am kleinen Teich auf ihrem Anwesen am frühen Abend genoss. Sie widmete sich etwas später noch ihrer Harfe und wollte es dann nach Hereinbrechen der Dämmerung noch einmal an der Tür des leicht verfallenen Nachbarhauses versuchen, ob dann jemand öffnen würde.

Im Gegensatz zu ihrer Nachbarin von gegenüber fand Loretta nicht per se etwas Verdächtiges daran, zu anderen Zeiten unterwegs zu sein. Loretta fiel es leicht, sich einen plausiblen Grund einfallen zu lassen. Die Person könnte eher bei Nacht aktiv sein, weil ihre Arbeit vorwiegend nachts erledigt werden musste. Vielleicht in einem Gasthaus. Loretta wollte sich darüber gar nicht so viele Gedanken machen, da sie auch nicht gleich vom Schlimmsten ausgehen wollte. Menschen lebten unterschiedliche Leben. Das war insbesondere in einer Stadt wie Britain völlig normal. Loretta wurde oft das Gefühl gegeben, ein exotisches Kuriosum zu sein - da wollte sie andere nicht selbst zu einem erklären.

So ging sie dann später los und stand kurze Zeit später wieder vor der beschlagenen Holztüre des Nachbarhauses. Jetzt in der hereingebrochenen Dunkelheit kam ihr das Haus doch irgendwie unheimlich vor. Aber Loretta wollte diesen Gedanken abschütteln, da sie ihn auf Annaras Äußerungen schob. Sie fasste sich wie schon zuvor nach einem kurzen Moment des Zögerns ein Herz und klopfte vorsichtig an die Tür. Loretta bemerkte, wie sich kurz darauf etwas in ihrem oberen Sichtfeld bewegt haben musste. Ihr Blick fuhr instinktiv nach oben und sie erblickte in einem der Fenster den noch leicht nachwehenden Vorhang. Da war also jemand, durchzog es Loretta auf einmal. Und dieser jemand wusste auch von ihr. Sie wartete etwas ab. Aber als die Tür sich dann doch nicht öffnete, wagte sie ein erneutes Klopfen, diesmal etwas bestimmter, während ihr Blick noch einmal kurz nach oben zum Fenster ging, an dem sich aber nichts mehr regte.

Doch noch im selben Augenblick, als ihr Fingerknöchel ein letztes Mal das Holz der Tür treffen sollte, ging diese blitzschnell auf und eine blasse Frau mit dunkelrotem Haar stand vor ihr. Loretta zuckte zusammen und wich einen halben Schritt zurück, während ihr Blick die Frau erfasste. Sie trug ein schlichtes dunkles Kleid und war barfuß. Loretta fand ihre Fassung wieder und blickte der Frau in der Tür freundlich lächelnd in die Augen. Das Gesicht der Frau schien abzuwarten und verzog keine Miene. Loretta empfand, dass sie sich hier erklären musste, und fand sodann etwas holprig ihre Stimme wieder. Mit einem kurzen Räuspern brachte sie leicht verlegen die ersten Worte heraus: "Äh, seid gegrüßt! Ich bin Loretta von Auenstein und wohne dort." Loretta deutete mit der rechten Hand zu ihrem Anwesen und fuhr fort: "Als Nachbarin dachte ich, ich statte euch mal einen Besuch zwecks, äh, Kennenlernen ab." Loretta errötete leicht bei ihren Worten, die ihr in diesem Augenblick eher hölzern und unbeholfen vorkamen. Aber irgendwas brachte sie bei der rothaarigen Nachbarin aus dem Tritt. Sie hatte so etwas Standhaftes und Kühles, empfand Loretta, als hätte sie es gar nicht nötig, sich irgendjemandem zu erklären, was ihre bisherige Wortlosigkeit und der stoische Blick nur noch unterstrichen.

Die Frau schaute sie nach Lorettas Worten noch einen Moment weiter stumm und irgendwie prüfend an. Loretta wartete unsicher ab, da ihr weitere Worte gerade seltsam schwer kamen. Sie spürte einen Kloß im Hals. Da löste sich die Stille zu Lorettas Erleichterung auf und die Rothaarige sprach, während sie Loretta demonstrativ musterte und einmal kurz aus dem Haus trat und zur Villa Auenstein blickte, während Loretta gleichzeitig einen Schritt zurückwich: "Nachbarin? Dort drüben? Ah." Die Frau nickte kurz und trat danach wieder mit einem Schritt in den Türrahmen zurück. Loretta blieb stehen, wo sie war, da sie sich etwas eingeschüchtert fühlte und den Mut nicht aufbrachte, wieder näher zu treten.

Loretta empfand die folgende Stille nach den knappen Worten der blassen Frau als sehr unangenehm und rang sich daher doch wieder ein paar Worte ab: "Ja, genau. Dort wohne ich. Falls ihr mal Lust auf einen Apfel habt, bedient euch gern." Sie schaute und deutete dabei noch einmal kurz zur Villa Auenstein und dem Apfelbaum, der wie voller Stolz über die niedrige Mauer am Rand des Anwesens ragte und von der Straße griffbereit seine Früchte präsentierte. Als Loretta den Kopf wieder zu ihrem Gegenüber drehte, hatte sie aber den Eindruck, dass dieses ihrer Deutung und dem Blick gar nicht gefolgt war, sondern sie einfach nur weiter angeschaut hatte. Die Frau kam ihr jetzt doch irgendwie unheimlich vor. Sie benahm sich eigenartig, nicht wie ein normaler Mensch, kam es Loretta vor. Vielleicht hatte Annara doch Recht, ging es Loretta kurz durch den Kopf.

Da fragte die Frau Loretta plötzlich: "Was tut man da?" Loretta verstand die Frage nicht und schaute die Frau etwas verwirrt an. "Wie meinen?", fragte Loretta sie daraufhin. Die Frau entgegnete: "Was tut man, wenn man Nachbarn ist?" Loretta empfand die Frage immer noch als recht eigenartig, aber sie sah darin auch eine Aufforderung, ihrer Nachbarin zu erklären, warum sie ihr eigentlich einen Besuch abgestattet hatte. Loretta führte aus: "Nun, es schickt sich an, seine Nachbarn kennenzulernen und ein gutes Verhältnis zu ihnen zu pflegen." Ihr Gegenüber schien ruhig Lorettas Worten zu lauschen und so fuhr sie fort: "Äh, und deswegen hatte ich gedacht, ich mache einmal den ersten Schritt und stelle mich euch vor." Loretta rang sich ein möglichst herzliches Lächeln ab, das durchaus ehrlich war, aber ihr in diesem Moment nicht so leicht ins Gesicht kommen wollte. Dabei errötete sie wieder leicht. Initiative war nicht ihr Metier, und bei dieser Nachbarin kam sie sich besonders unbeholfen vor, da sie das Gefühl hatte, ihr immer wieder einen neuen Ball zuwerfen zu müssen, anstatt ihn zurückgespielt zu bekommen, wie das gemeinhin üblich war in Konversationen wie dieser. Ja, bei dieser Frau war einiges anders. Aber Loretta empfand auch eine gewisse Faszination, die sie nicht einordnen konnte.

Die Frau in der Tür nickte knapp und sagte dann: "Verstehe. Ich bin Sziedeyna." Dabei schaute sie weiterhin ernst und ohne eine Regung. Loretta reagierte prompt, als hätte man ihr eine Rettungsleine hingeworfen, wenn auch eine eher dünne. "Freut mich sehr!", sagte Loretta freundlich, ihr Lächeln jetzt noch etwas wärmer durch die willkommene Rückversicherung, hier nicht völlig auf Granit zu stoßen und sich zu blamieren. Daraufhin legte Loretta nach: "Und daher wollte ich euch fragen, ob es euch genehm wäre, demnächst einmal auf einen Tee in der Villa Auenstein vorbeizuschauen." Beim Nennen der Villa Auenstein deutete Loretta wieder kurz in Richtung des Anwesens. Sziedeyna fragte daraufhin kühl: "Ist das so üblich?" Loretta empfand die Frage wieder als sehr eigenartig, aber antwortete brav: "Ja, das ist gemeinhin so der Brauch." Sziedeyna nickte dann wieder kurz und entgegnete: "Wenn das so ist, will ich eurem Wunsch nachkommen." Lorettas Lächeln wurde etwas breiter und man merkte ihr an, dass sie sich über die Antwort freute.

Daraufhin schob Sziedeyna hinterher: "Ich kann allerdings nur zu... späteren Zeiten." Loretta fragte direkt nach: "Was bedeuten spätere Zeiten?" Sziedeyna antwortete: "So wie jetzt, sobald der Mond am Himmel steht, sofern er sich zeigt." Loretta hatte das nun nicht mehr wirklich überrascht und sie nickte Sziedeyna freudig zu, als sie sprach: "Ein Tee im Mondenschein, das klingt gar wunderbar! An welchem Tage beliebt es euch denn am meisten?" Loretta schaute Sziedeyna nun fragend an. Sziedeyna antwortete wie aus dem Stegreif: "Morgen." Loretta konnte nicht ganz verbergen, sich hier etwas überrumpelt zu fühlen, fing sich aber sogleich und entgegnete mit einem affirmativen Nicken: "Morgen! Dann soll es so sein." Es entstand aufgrund des Schweigens von Sziedeyna für Loretta wieder eine etwas unangenehme Stille, und sie band das Gespräch ab: "Dann, äh, bis morgen! Bei Mondenschein." Loretta senkte den Kopf zu einer kleinen, fast schon formellen Verbeugung, schaute Sziedeyna daraufhin noch einmal kurz in die Augen und wandte sich schließlich ab, um zu gehen. Auf dem Rückweg beschlich sie Scham, wie unbeholfen sie sich verhalten hatte, aber gleichzeitig war sie auch sehr neugierig auf den Besuch am folgenden Tag, oder eher der folgenden Nacht.

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