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Nachbarinnen

Loretta von Auenstein

Loretta saß spät abends bei Kerzenschein in ihrem Zimmer im dritten Stock der Villa Auenstein, dem einzigen Raum in dieser Höhe. Von hier aus hatte sie eine gute Übersicht über die Stadt. Drei Viertel ihres Lebens hatte sie nun in Britain verbracht. Sie dachte über die Worte ihrer Nachbarin Annara Taugrund nach, die direkt gegenüber der Straße wohnte. Diese war vor einer Weile zufällig mit Loretta auf der Straße zusammengestoßen. Nun, so zufällig vielleicht auch nicht. Loretta war nämlich schon aufgefallen, dass ihre Nachbarin sich sehr für die Geschehnisse in der Nachbarschaft zu interessieren schien. Loretta war also durchaus bewusst, dass diese Begegnung geplant gewesen sein konnte. Aber wie üblich ließ sie sich nichts anmerken und tat so überrascht, wie es von ihr erwartet wurde. Je ahnungsloser Loretta ihrer Nachbarin erschien, desto weniger würde diese sich für ihre Belange interessieren, kalkulierte Loretta mit einer Auffassungsgabe, die sie nur selten nach außen zeigte.

Loretta war eine stille Beobachterin. Viele würden sie wohl als passiv bezeichnen. Sie als eine sehen, der das Leben eher passierte, als dass sie es aktiv in die Hand nahm, und damit hatten sie auch nicht Unrecht. Loretta lebte passiv in ihrem Elfenbeinturm, seit nun mehr sechs Jahrzehnten. Aber es fühlte sich auch sicher und geborgen an. Es trieb sie nicht sonderlich in die weite Welt, obgleich sie die Zeit vermisste, in der mehr Leben in der Villa Auenstein war, als noch regelmäßig Gäste ihren Vater besuchten. Aber dies war nun auch schon zwei Jahrzehnte her. Damals kam das Leben zu ihr, nun aber blieb es der Villa schon lange fern und Loretta hatte nur noch Bertha, die alte Haushälterin, die so etwas wie eine Mutterfigur für Loretta war. Beide liebten sich innig und dass Loretta nach ihrem Vater irgendwann auch sie an die Zeit verlieren würde, war ein Gedanke, den sie stets zu verdrängen suchte.

Annara Taugrund hatte sie bei ihrem Zusammenstoß auf das teils schon etwas schäbig wirkende Haus neben der Villa Auenstein aufmerksam gemacht und dass dort möglicherweise unheimliche Dinge vor sich gingen. Loretta hatte den Worten zu dem Zeitpunkt nicht viel Beachtung geschenkt. Ihre Nachbarin schien etwas zu viel darauf zu achten, was in der Nachbarschaft vor sich ging und Loretta hatte sich gefragt, ob ihre Nachbarin auch Lorettas Aktivitäten derartige Beachtung schenkte. Der Gedanke war ihr viel unheimlicher als das Haus, über das die Nachbarin gesprochen hatte. Loretta war niemand, der sich in die Angelegenheiten anderer einmischte, da das ihrer Erziehung widersprach. Die meisten hatten sicherlich ein Geheimnis, von dem niemand erfahren sollte. Loretta selbst hatte ein Geheimnis, von dem sie niemandem erzählte. Nicht Air und auch nicht Bertha. Manche Dinge bewahren nur im Verborgenen ihren Zauber. Nein, es war keine Leiche im Keller. Aber nun dachte Loretta doch über das Haus nebenan nach.

Sie wusste eigentlich gar nicht, wer da wohnte, das kam ihr jetzt doch etwas ungewöhnlich vor. Eine unheimliche Frau? Aber was sollte Gefährliches von ihr ausgehen, wenn sie sich doch nie zeigte? Irgendetwas sträubte sich in Loretta gegen derlei Gedanken. Sie wollte es eigentlich gar nicht wissen. Der Anstand gebot es. Allerdings war es auch ungewöhnlich, dass sie Haus an Haus mit einer Person wohnte, die sich noch nie vorgestellt hatte und die sie auch noch nie gesehen hatte, sei es auf ihrem Weg in die Stadt oder aus dem Garten. Loretta saß vor ihrem Schminktisch und schaute sich ratlos an. Vielleicht sollte sie ihr doch einmal einen Besuch abstatten? Vielleicht war sie ja ganz nett und sie könnten sich kennenlernen. Loretta fühlte sich ohnehin sehr einsam. Außer zu Bertha hatte sie kaum zu jemandem in der Stadt Kontakt. Der Schreiner Thorian, der ihr zuletzt bei der Neueinrichtung der Villa zur Seite gestanden hatte, war eine willkommene Abwechslung gewesen. Lorettas Leben war sicher, aber auch monoton. "Morgen werde ich einmal rübergehen und anklopfen", dachte sich Loretta und legte sich mit dem Gedanken schlafen, nachdem sie sich für die Nacht bereit gemacht hatte.

Am nächsten Morgen setzte Loretta ihren Plan in die Tat um und ging durch die Abkürzung zwischen den zwei Häusern zur Haustür des Hauses von nebenan. Sie zögerte kurz, doch fasste sich dann ein Herz. Ein wenig Unbehagen hatte sie nach den Worten ihrer Nachbarin schon. Was wenn doch etwas an ihren Worten dran war und sie sich hier möglicherweise wirklich in Gefahr begab? Sie versuchte den Gedanken abzuschütteln und sich auf ein freundliches Lächeln vorzubereiten, sobald die Tür aufgehen würde.

Doch nichts geschah. Loretta lauschte, klopfte noch einmal dezent, lauschte erneut, aber nichts. Totenstille. Sie zuckte mit den Schultern und nachdem sich auch weiterhin nichts im Haus zu regen schien, ging sie wieder zurück nach Hause. Die Bewohnerin würde wohl vor ihr schon in die Stadt gegangen sein, wahrscheinlich um zu arbeiten, dachte sich Loretta. Wieder zuhause angekommen nahm sich Loretta vor, es später noch einmal zu versuchen. Die Vorstellung, eine weitere Nachbarin zu haben, die sie mal zum Tee einladen könnte, hatte sich in ihr gefestigt und lies sie so schnell nicht wieder los. Irgendwie musste sich doch etwas Leben in die Villa Auenstein bringen lassen.

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