Zwei Seiten
Zynrae Ky'Alur
Ihre Träume waren erfüllt von Schatten. Dunkle Schwaden, die sich in ihrem Geist festgesetzt hatten und selbst im Schlaf nicht von ihr abließen. Immer wieder schrak sie hoch und musste sich vergewissern, dass sie ihren Körper bewegen konnte, dass ihre Hände ihrem Willen gehorchten und ihr Geist frei von jeder fremden Einflussnahme war. Irgendwann gab sie es genervt auf, noch einmal einschlafen zu wollen. Zynrae stand auf, streifte sich ihre schwarze Lederrüstung über und griff nach ihren Dolchen. Ein kurzer Griff in den Nachtschrank förderte einen silbernen Ring zutage, um den sich ihre Finger für einen Moment zur Faust schlossen. Dann machte sie sich auf den Weg. Laut hallten ihre Absätze über den steinernen Boden, als sie Ruchis Haus verließ und in Richtung des Übungsplatzes ging. Schon von Weitem hörte sie das vertraute Geräusch von Metall, das auf Metall traf. Angekommen, ließ sie den Blick über die Anwesenden schweifen und entdeckte einen besonders kräftigen Sargtlin, der offenbar ebenfalls gerade erst angekommen war. Auch er schien die anderen Drow gelassen einzuschätzen. Sweer. Mit einem herausfordernden Lächeln trat sie auf ihn zu, streifte sich demonstrativ den silbernen Ring über den Finger und hob anschließend ihre Dolche. Zugegeben, gegenüber einem voll gerüsteten Krieger machte sie vermutlich einen eher harmlosen Eindruck. Der Ring machte zudem deutlich, dass sie ihre Magie nicht einsetzen würde. Kraft gegen Schnelligkeit. Sie würden ja sehen, wer am Ende mehr Wunden davontrug. Immerhin machte der Sargtlin nicht den Fehler, sie zu unterschätzen. Ein zunächst ruhiger Tanz begann, in dem sich die Drow bald vollkommen verlor. Metall traf immer wieder auf Metall. Seine Klinge zwang sie zum Ausweichen, während ihre Dolche jede kleine Lücke in seiner Verteidigung suchten. Schon bald zeichnete sich der Kampf auf ihnen beiden ab. Auch ihre Dolche waren mittlerweile vom Rot seines Blutes gefärbt. Mit jedem Schlag wurden ihre Gedanken leiser. Es gab nur noch den nächsten Schritt. Die nächste Bewegung. Den Winkel seiner Klinge und den kurzen Augenblick, in dem sich eine Gelegenheit bot. Irgendwann war die Unruhe in ihrem Geist fast vollständig verstummt. Aber erst als ihre Muskeln zunehmend gegen jede weitere Bewegung protestierten, hob Zynrae eine Hand. Der Sargtlin trat sofort zurück. Eigentlich wäre es nicht notwendig gewesen, doch die Faern neigte kurz respektvoll den Kopf. Es war eine gute Übung gewesen und keiner von ihnen hatte den anderen geschont. Überrascht hob der Sargtlin eine Augenbraue, aber Zynrae wandte sich bereits ab. Auf dem Rückweg kam ihr Ruchi entgegen. Die Faern ließ ihren Blick aufmerksam über die schlanke Gestalt der Yathrin gleiten. Kurz zuckte ihre Hand nach vorne, als wolle sie Ruchi aufhalten. Dann ließ sie sie wieder sinken. Zu viele Augen waren anwesend, also erfüllte sie ihre Rolle und neigte nur tief ihren Kopf als Ruchi an ihr vorüber ging. Als sie auf gleicher Höhe waren, raunte die Yathrin ihr einige Worte zu. Nur wenige, beinahe beiläufig gesprochen. Doch Zynrae verharrte überrascht in ihrer Position, den Blick weiter gesenkt. Erst viel später richtete sie sich auf und ihre Blicke bohrten sich in Ruchis Rücken, während diese sich immer weiter von ihr entfernte. War das das Ergebnis ihrer Überlegungen? Ruchis Worte hallten in ihrem Inneren nach und setzten sich dort fest. Vielleicht hatte sie recht. Zynrae wechselte ihre Kleidung und versorgte ihre Wunden, bevor sie zur Sorcere aufbrach. Dort saß sie wenig später über ihre Notizen gebeugt und wiederholte ihre letzten Versuche. Immer mit demselben Ergebnis. Experimente, die ihr anfangs noch beinahe mühelos gelungen waren, forderten inzwischen immer mehr ihrer Kraft. Selbst einfache Versuche ließen ihre Konzentration schneller schwinden, als es eigentlich der Fall sein durfte. Irgendetwas stimmte ganz und gar nicht. Würde nicht noch jede einzelne Muskelfaser bei der kleinsten Bewegung als Reaktion auf die Anstrengungen des Trainings aufschreien, hätte die Drow vermutlich einen Weg gefunden, sich selbst dafür zu bestrafen. Sie hatte sich und Ruchi unnötig in Gefahr gebracht. Einfach weil sie nicht weitergedacht hatte. Weil sie davon ausgegangen war, dass das Schattenwesen ihr den Weg weisen würde. So wie zuvor. Wie hatte sie nur so dumm sein können? Ihre Finger strichen langsam über den Arm, unter dessen Haut der Stein verborgen lag. Gleichgewicht. Es war die Voraussetzung für Ruchis Erkenntnis. Und sicherlich kein Zufall. Erneut betrachtete sie die Hautstelle über dem Stein. Er stammte aus dem Ostentempel. Also konnte sein Gegenstück kaum von Lloth gesegnet sein. Diese Erkenntnis machte die Sache nicht unbedingt einfacher. Im Gegenteil. Einen passenden Gegenpart zu finden würde vermutlich deutlich schwieriger werden. Zynrae schob ihre Notizen beiseite und erhob sich. Wenig später trat sie erneut hinaus auf die Straßen Elashinns. Vielleicht kannte Lyr'sa einen Weg.
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