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Der Übergang

Zynrae Ky'Alur

Zynrae erwachte aus einem traumlosen Schlaf. Als sie die Augen öffnete und langsam wieder ein Gefühl für die Wirklichkeit bekam, spürte sie, dass Ruchi noch immer halb auf ihr lag. Bei genauerem Nachdenken hatte Ruchi wohl auch kaum eine Chance gehabt, irgendwohin zu entkommen. Ein Grinsen stahl sich auf das Gesicht der Drow, deren Arme noch immer fest um den zierlichen Körper der Yathrin geschlossen waren. Langsam löste sie eine Hand und fuhr mit den Fingerspitzen leicht über Ruchis Arm. Ihr Mana floss dabei sanft über ihre Finger in den Körper der Priesterin und breitete sich aus. Nichts. Es gab nichts mehr, das ihre Magie noch heilen konnte.

Zynrae ließ ihre Hand dennoch einen Moment länger auf ihrem Arm ruhen. Wach und präsent nahm sie diesen Moment wahr. Die ruhigen Atemzüge, die Wärme des Körpers an ihrem und die ungewohnte Stille. Sie wollte sich dieses Gefühl bewahren. Nicht als verschwommene Erinnerung, sondern klar und greifbar. Sie stach ihren Fingernagel in die dünne Haut zwischen Ringfinger und kleinem Finger. Der kurze Schmerz war vertraut. Bewusst setzte sie den Anker, verknüpfte den Augenblick mit dem Reiz. Dort würde die Erinnerung vorerst fortbestehen.

Mit einer leichten Handbewegung schoben sich Schatten unter den Körper der Yathrin und legten sie sanft neben sich ab. Behutsam zog Zynrae ihr die Decke wieder höher und strich eine verirrte Strähne aus ihrem Gesicht. Als sie sich aufsetzte, bemerkte sie, dass auch Elir sich regte. Der schattenhafte Panther lag noch immer am Ende des Bettes. Sein Kopf hatte sich bereits gehoben und sein Körper spannte sich an, bereit ihr zu folgen. Die Drow schüttelte den Kopf und deutete auf Ruchi. Er würde hier bleiben. Einen langen Moment zögerte der Panther. Dann nickte er schließlich und legte seinen großen Kopf auf Ruchis Bein ab. Elir war ihre einzige Verbindung nach außen, sollte ihr etwas geschehen. Allein deshalb musste er bleiben.

Leise stieg sie aus dem Bett und verließ Ruchis Schlafzimmer, ohne sich noch einmal umzudrehen. Hätte sie es getan, wäre ihr Entschluss vielleicht ins Wanken geraten. Es wäre so viel einfacher gewesen, einfach liegen zu bleiben. Oder vielleicht auch nicht. Zynrae musste trotz allem leicht schmunzeln. Nein. Vielleicht wäre es nicht einfacher gewesen.

Mit jedem gezielt gesetzten Schritt, der sie in ihr eigenes Schlafzimmer führte, kam ihr Geist mehr zur Ruhe. Die Müdigkeit wich und machte Konzentration und Entschlossenheit Platz. Zynrae nahm ein Stück Pergament zur Hand und notierte in klarer Handschrift einige Anweisungen. Ein leichtes Zupfen an ihrem Mana genügte und Schatten stoben auf. Sie umschlossen das Pergament vollständig. Als sie sich wieder zurückzogen, war nichts mehr davon übrig. Wenig später klopfte es leise an ihrer Tür. Zynrae öffnete und blickte einer der Dienerinnen vom gestrigen Tag entgegen. Sie überließ ihr die vorbereiteten Aufgaben. Die Dienerin würde alles Notwendige erledigen und Ruchi überwachen, bis diese selbst wieder erwachte. Zynrae nickte zufrieden, als sie den Eifer der jungen Frau bemerkte.

Dann wandte sie sich ihrer Kleidung zu. Ihre Finger glitten über das dunkle Leder, während sie die einzelnen Teile ihrer Rüstung anzog. Ruhe und Entspannung. Die Worte wiederholte sie bei jeder Bewegung in Gedanken. Immer und immer wieder. Als sie fertig war, spürte sie kaum noch etwas von der Anspannung.

Jetzt kam der schwierigere Teil.

Zynrae blieb vor ihrer Zimmertür stehen und ließ ihren Blick auf den Schatten fallen, den ihr Körper auf das Holz warf. Regungslos verharrte sie und betrachtete ihn. Wartend. Die Drow begann leicht zu zittern. Während sie den Moment hinausgezögert hatte, hatte sich die Angst erneut in ihr gesammelt. Ruhe und Entspannung. Doch diesmal schienen die Worte kaum Wirkung zu zeigen. Dann eben ängstlich. Es machte ohnehin keinen Unterschied.

Ruckartig machte sie einen Schritt auf die Tür zu und ließ mit einer Handbewegung Magie in ihren Schatten fließen. Sofort verdunkelte er sich. Seine Oberfläche kräuselte sich, als hätte jemand einen Stein in ruhiges Wasser geworfen. Mit jeder Welle schien die Grenze zwischen Schatten und Wirklichkeit ein wenig mehr zu verschwimmen. Zynrae kratzte jedes bisschen Mut zusammen, das sie noch finden konnte. Dann hörte sie auf zu zögern. Sie schloss die Augen und trat in ihren Schatten. Ein starker Ruck ging durch ihren Körper und für einen Moment verlor sie jeglichen Halt.

Als sie wieder festen Boden unter ihren Füßen spürte, öffnete Zynrae die Augen. Wo war sie hier gelandet? Um sie herum waberten Schatten im trüben Licht. Sie tanzten wie zu einer stummen Melodie, als wären sie eine Einheit und doch wieder keine. Die Dunkelheit umhüllte die Drow bis zur Hüfte. Nur wenige Schritte entfernt stapelten sich die Schatten zu einer undurchdringlichen Wand, sodass lediglich ein kleiner Bereich überhaupt sichtbar blieb. Zynrae hob den Blick. Über ihr spannte sich eine gewaltige Kuppel, deren Ränder sich im Dunkel verloren. Feiner schwarzer Nebel kroch über ihre Oberfläche und glitt lautlos an den Wänden entlang. Sie atmete tief ein und wieder aus. Selbst die Luft war anders, leichter. Dennoch konnte sie weder einen besonderen Geruch ausmachen noch hörte sie das kleinste Geräusch. Vermutlich verschluckten die Schatten sämtliche Eindrücke, bevor sie sie erreichen konnten.

Dann begann sich die Dunkelheit vor ihr zu bewegen. Eine Gestalt formte sich aus den Schatten und trat langsam auf sie zu. Dunkle Schwaden hatten sich nur lose zu einer humanoiden Form zusammengeschlossen. Zynrae hatte sie erwartet. Plötzlich veränderte sich die Gestalt. Die Schatten flossen ineinander und nur einen Augenblick später stand Ruchi vor ihr. Die vertrauten violetten Augen musterten sie abschätzend. Sofort spannte sich Zynrae an. Wut kroch durch ihre Adern und verdrängte die Angst, die sie eben noch empfunden hatte. Ein knurrender Laut bildete sich auf ihren Lippen.

„Ändere sofort deine Gestalt.“ Die Worte wurden zwischen zusammengebissenen Zähnen hervorgepresst.

Der Schatten lächelte.

Zynrae spannte sich noch weiter an. Diese fremde Präsenz hinter Ruchis Gesicht zu sehen, ließ heiße Wut durch ihren Geist lodern.

„Dinge haben ihren Preis. Bist du bereit, ihn zu zahlen?“

„Ja. Sonst wäre ich nicht hier.“ Mehr ein Zischen als eine wirkliche Antwort.

„Für den Moment mag das stimmen. Wir werden sehen, ob dem wirklich so ist.“

Dann nickte die Gestalt leicht und die Schatten wechselten erneut ihre Form. Die Drow vor ihr wurde kleiner und trug nun das Gesicht einer Unbekannten. Nur die Augen blieben dieselben.

Stille legte sich über sie. Nichts bewegte sich außer den schwarzen Schwaden um sie herum. Zynrae atmete langsam aus. Die Wut kühlte ab und machte etwas anderem Platz. Ruhe breitete sich in ihr aus und ihr Geist wurde wieder klar.

Ein leises Lachen erklang. Dann trat die Gestalt an ihre Seite. Im selben Moment schien der feste Boden vor ihren Füßen wegzubrechen. Vor ihr öffnete sich ein gewaltiger Abgrund, erfüllt von wabernder Dunkelheit.

„Hatte ich jemals eine andere Wahl?“ Zynrae blickte kurz zu der Gestalt neben sich, bevor ihr Blick zurück in den Abgrund glitt. Doch ihre Augen fanden dort nichts außer Schatten.

Die violetten Augen ruhten ernst auf ihr. Langsam schüttelte die Gestalt den Kopf. „Nein, Zynrae. Dieser Weg lag schon immer vor dir und jeder muss seinen Platz einnehmen. Aber Wege müssen aus den richtigen Gründen gewählt werden. Das verstehst du sicherlich.“

Zynrae nickte.

Die Gestalt deutete auf ihre Kleidung. „Es wird dort keinen Schutz geben.“

Wieder nickte sie nur.

Langsam, als könnte sie den Moment dadurch noch etwas hinauszögern, begann sie ihre Kleidung abzulegen. Ihre Finger strichen ein letztes Mal über das dunkle Leder, bevor sie die einzelnen Teile ordentlich neben sich stapelte. Ein kleines bisschen Kontrolle.

„Ich werde dir dort, wo du hingehst, nicht folgen können.“

„Das hatte ich auch nicht erwartet.“ Eine nüchterne Feststellung.

Dann spürte sie eine leichte Berührung an ihrer Hand. Ein kleiner Finger strich über ihren Handrücken.

„Denk daran, warum du diesen Schritt gehst. Es wird dir als Anker dienen. Vergiss es nicht.“

Wieder antwortete sie nur mit einem Nicken, als wäre ihr Geist nicht mehr in der Lage, Worte zu formen.

„Du weißt, was du tun musst. Zeig, dass du bereit bist.“

Zynrae trat an die Kante des Abgrunds.

Für einen Moment blickte sie in die Dunkelheit hinab.

Dann sprang sie.

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