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Finde das Licht

Zynrae Ky'Alur

Zynrae war über ihre Forschungsnotizen gebeugt. Auf dem schweren Holztisch lagen unzählige Bücher und Pergamentrollen verstreut. So langsam füllte sich das Buch, in dem die Drow die Ergebnisse ihrer Forschung festhielt. Viele Zeilen waren bereits wieder durchgestrichen, Notizen drängten sich an den Seitenrändern entlang und kunstvoll anmutende Teeflecken zeugten von langen Nächten. Dennoch hatte sie das Gefühl, kaum etwas verstanden zu haben. Viele ihrer Annahmen konnte sie außerhalb der Schatten nicht überprüfen. Gleichzeitig fühlte sie sich ohne vorherige Antworten nicht bereit für eine weitere Prüfung. Systematisch hatte sie ihre Hypothesen verschriftlicht, ihre Versuchsaufbauten akribisch geplant und jedes Experiment genau nach Protokoll durchgeführt. Am Ende hatte all das nur zu einer Handvoll Erkenntnisse geführt, Schlussfolgerungen, die sie vermutlich auch ohne diesen Aufwand hätte ziehen können. Frustriert fuhr sie sich zum wiederholten Mal durch die Haare, die mittlerweile in alle Richtungen von ihrem Kopf abstanden. Sie griff nach ihrer Teetasse und ließ sich weiter in den Stuhl zurücksinken. Welche Möglichkeiten hatte sie noch? Was hatte sie übersehen? Immer stärker beschlich sie das Gefühl, dass ihr die Zeit davonlief, obwohl sie nicht einmal sagen konnte, woher diese Gewissheit kam.

"Wie du es siehst." Ruchis Worte hallten erneut durch ihren Geist. Leider sah sie diese andere Perspektive gerade nicht.

Als sich das Aroma des Tees in ihrem Mund ausbreitete, verzog sie leicht das Gesicht. Leider schmeckte er nicht annähernd so gut wie der von Ruchi. Wahrscheinlich war sie in dieser Hinsicht jetzt für immer verwöhnt. Trotz allem huschte ein kleines Schmunzeln über ihr Gesicht. An ganz andere Dinge könnte sie sich vermutlich ebenfalls gewöhnen.

Müde strich sie sich über das Gesicht und ließ den Blick durch den Raum wandern. An den Wänden tanzten die Schatten im Licht der Fackeln. Vielleicht brauchte sie einfach etwas Abstand. Vielleicht würde sich dann ein anderer Zugang finden. Ihre Augen begannen von allein schwer zu werden und eine angenehme Ruhe breitete sich in ihr aus.

Plötzlich spürte sie eine Präsenz neben sich. Schlagartig fuhr sie hoch. Eine Hand lag bereits auf ihrem Dolch, während ihre eigenen Schatten sie umhüllten. Bereit, sich um den Eindringling zu legen und ihm langsam die Luft zu nehmen. Wer nicht atmen konnte, konnte auch kein Schwert führen. Und der Körper reagierte auf Sauerstoffmangel weit heftiger als auf Schmerz allein.

Vor ihr beugte sich eine Gestalt aus wabernden Schatten über ihre Notizen. Ihre Form veränderte sich unablässig. „Unterschied normale und lebendige Schatten“, las sie laut vor. Die schneidende Stimme ihrer Ilharess peitschte durch den Raum. Unwillkürlich fuhr Zynrae zusammen. Nur einen Augenblick später hatten die Schatten ihre Gestalt angenommen. Keine Rüstung, sondern eine aufwendig bestickte Robe, die dieselbe selbstverständliche Macht ausstrahlte wie ihre Trägerin. An ihrer Hüfte hing die vertraute Peitsche.

Als hätte sie Zynraes Anspannung gespürt, hob sie den Blick von den Notizen und drehte ihr langsam das Gesicht zu. Die roten Augen ruhten auf ihr. Zynrae musste sich zwingen, keinen Schritt zurückzuweichen.

„Jetzt sei nicht albern. Wenn ich dich hätte töten wollen, wärst du längst tot.“ Die Stimme klang erschreckend ruhig. Fast beiläufig. Als sprächen sie über Tee. Zynrae zweifelte keinen Moment an diesen Worten. Dennoch blieb jeder Muskel ihres Körpers angespannt. Regungslos erwiderte sie den Blick.

„Anteile der Schatten“, zitierte die Gestalt weiter aus ihren Aufzeichnungen. „Licht und Dunkelheit. Nun... das war doch naheliegend, xor?“

Mit einer beiläufigen Bewegung schlug sie das Buch zu und trat auf Zynrae zu.

Zu nah. Ihr Blick blieb unverändert auf ihr liegen.

„Mach Fortschritte, Zynrae. Oder ich werde dich dazu zwingen müssen.“

Ruckartig griff sie nach ihrem Kinn und zwang sie, den Blick nicht abzuwenden. Ihr Gesicht war nur noch wenige Fingerbreit entfernt. Unwillkürlich entspannte Zynrae ihre Gesichtsmuskeln. Sie erwartete den Schlag. Ihre eigenen Schatten stoben auf. Mit einer einzigen, beiläufigen Handbewegung löste die Ilharess sie auf.

Die Gestalt schien mit ihrer Wirkung bereits zufrieden. Ein leichtes Schmunzeln erschien auf dem vertrauten Gesicht. Eine Mimik, die dort nie hätte sein dürfen.

„Finde das Licht, das von der Dunkelheit verschlungen zu werden droht.“ Die Worte klangen mehr wie ein Peitschenhieb als wie gesprochene Sprache.

Bei dem Wort Licht wanderten Zynraes Gedanken wie von selbst zu Ruchi.

Die Schattengestalt schüttelte missbilligend den Kopf, als hätte sie ihre Gedanken gehört.

„Die Lösung liegt in einer anderen Richtung.“

Sie machte einen Schritt zurück und ließ ihre Hand sinken.

„Öffne den Blick, dann wird sie sich offenbaren.“

Mit diesen Worten zerfiel ihre Gestalt langsam in schwarze Schwaden und verschwand.

Zurück blieb nur das Gefühl einer Schlinge um Zynraes Hals und der Eindruck, dass sie sich mit jedem Herzschlag ein wenig enger zuzog.

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