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Die leere Waagschale [Blackrock Syndikat]

Das Büro des Vorsitzenden roch noch nach altem Leder und dem teuren Wachs, mit dem er seine Siegel verschloss, und nach dem unerschütterlichen Selbstbewusstsein eines Mannes, der nie persönlich Schulden eintreiben musste. Anna Deton saß hinter seinem Schreibtisch und hasste es.

Vor ihr stapelten sich Frachtbriefe, Schuldscheine und Beschwerden von Händlern, die auf Antworten warteten. Seit Wochen beantwortete sie sie in der Handschrift des Vorsitzenden, damit niemand merkte, dass er fort war. Sein Stuhl war leer, sein Mantel hing am Haken, und sein Siegelring lag auf der Tischplatte. Es gab keinen Kampf und keine Blutspur, und weder ihre Zauber noch ihre Informanten hatten etwas gefunden. Er war einfach nicht mehr da.

Anna rieb sich die Schläfen. Beim Syndikat trieb sie Schulden ein, brachte säumige Partner zur Vernunft und sorgte dafür, dass die Handelsgilde in Britain Ihre Autorität auf den Straßen beibehielt. Sie war gut darin und beherrschte ihr Handwerk in beiden Welten, mit dem Wort und mit der Magie. Doch das hier ließ sich weder einschüchtern noch einkassieren.

Dabei war der Vorsitzende nicht der Erste. Seit Wochen wurden die Gänge der Gildenhalle leerer. Erst blieb einer der Buchhalter aus, dann zwei der Lagermeister, dann einige Kuriere, die sonst jeden Morgen durch die Tür drängten. Gestern hatte sie die Mitgliederliste durchgezählt und wollte der Zahl nicht glauben. Ein Drittel der Gilde fehlte, und niemand schien es zu bemerken.

Sie schob den Federkiel beiseite und lehnte sich zurück.

Niemand bemerkt es.

Der Gedanke war ihr unangenehm vertraut. Sie dachte an jenen Tag in Düsterhafen zurück, an den Geschmack von Asche auf der Zunge und an ihr Haus, das es plötzlich nie gegeben hatte. Auch damals hatte sich niemand erinnert.

Sie stand auf und trat an das Fenster. Unten zog Britain seine gewohnten Bahnen: Karren, Rufe, Marktgeruch. Alles wirkte zu normal.

Also gut. Eins nach dem anderen.

Erstens musste sie das Syndikat zusammenhalten. Solange die Gilde glaubte, der Vorsitzende sei nur auf Reisen, blieben die Konkurrenten ruhig. Sie würde seine Briefe weiterschreiben, aber sparsamer, denn jede Lüge brauchte irgendwann einen Beweis.

Zweitens die Liste. Sie würde jeden Namen der Fehlenden prüfen: wann er zuletzt gesehen wurde, mit wem er sprach, welche Aufträge er trug. Irgendwo gab es ein Muster. Es gibt immer eins.

Drittens, das Institut. Sie war schon einmal dort gewesen, und die Magister hatten ihr höflich zugehört, genickt und am Ende doch nichts gesagt, was sie weitergebracht hätte. Vielleicht wussten sie wirklich nichts. Vielleicht wollten sie nur nicht, dass sie es erfuhr. Also würde sie zurückkehren und ihre Rolle in dem Spiel dort ein Stück weit mitspielen: die Formulare ausfüllen, die Gefälligkeiten erweisen, die kleinen Rätsel lösen, die man ihr hinwarf. Wer sich als nützlich erwies, bekam irgendwann Zugang zu den Archiven, und genau dort lag vermutlich die Antwort.

Ein Klopfen ließ sie herumfahren. Ein junger Bote steckte den Kopf durch die Tür, nervös und mit staubigen Stiefeln.

»Verzeihung. Der Lagermeister vom Südtor schickt mich. Die Lieferung von Düsterhafen ist nicht angekommen, und der Fuhrmann will mit dem Vorsitzenden sprechen."
Anna sah ihn an und zog eine Braue hoch. Düsterhafen. Natürlich Düsterhafen. Der Lagermeister vom Südtor stand nicht auf ihrer Liste der Vermissten, noch nicht.

»Sag ihm, der Vorsitzende ist beschäftigt, aber ich kümmere mich darum.« Sie schloss die Hand um den Siegelring und steckte ihn ein. Dann zog sie ihren Mantel an und ging.

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