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Feuer und Tee

Zynrae Ky'Alur

Sie hatten tatsächlich ein Schaf übersehen. Ein amüsiertes Grinsen schlich sich auf Zynraes Gesicht, als sich der Bock vor dem riesigen Drachen aufbaute. Für einen kurzen Augenblick sah es beinahe so aus, als würde er ernsthaft erwägen, sich mit der gewaltigen Echse anzulegen. Zynrae trat neben den Drachen und tätschelte ihm die Schuppen am Vorderbein. „Ich denke, das schaffst du schon allein. Aber leise, wenn es geht.“

Dann hörte sie es. Ein ohrenbetäubendes Dröhnen zerriss die relative Ruhe und hallte durch die Mauern der Sorcere. Laut genug, dass es inzwischen vermutlich auch der letzte Magier im Gebäude mitbekommen hatte. Jemand hatte den ersten Schutzwall durchdrungen. Das Grinsen verschwand aus Zynraes Gesicht.

Sie sah sich um und entdeckte einen Schatten, der auf das Tor ins Innere zuhielt. Eine merkwürdige Mischung aus Drow und Schaf. Immerhin kreativ. Zynrae kniff die Augen zusammen und betrachtete die Gestalt genauer. Lyr'sa?

Dieser Gedanke ließ sie dann doch schneller werden. Nicht, dass sie sich ernsthaft um die Sicherheitsmaßnahmen der Sorcere sorgte. Die funktionierten offenbar hervorragend. Ihre Besorgnis galt eher Lyr'sa. Die Schüler würden mit einem Eindringling vermutlich nicht sonderlich sanft umgehen. Dazu kam, dass die Beherrschung ihrer Magie bei einigen von ihnen noch deutlich ausbaufähig war. Und Zynrae konnte vieles wieder in Ordnung bringen. Verbrannte Haare blieben allerdings verbrannte Haare.

Sie trat in ihren Schatten und kehrte gerade rechtzeitig in die Sorcere zurück, als Lyr'sa einen Schritt über die Schwelle zur Eingangshalle setzte. Im nächsten Augenblick erstarrte deren gesamter Körper. Ohne auch nur den Versuch machen zu können, sich abzufangen, fiel sie nach vorne und landete unsanft mit dem Gesicht auf dem Boden. Zynrae blinzelte. Nun. Immerhin wussten sie jetzt, dass die Schutzzauber bei nichtmagischen Eindringlingen äußerst effektiv funktionierten. Und Strafe musste schließlich auch irgendwie sein.

Sie versteckte ihr Grinsen hinter einem entrüsteten Schnauben, als zwei Wachen auf die reglose Gestalt zustürmten, bereits Feuerbälle in den Händen haltend. Sie hatte es doch gewusst. Immer diese Faszination für Feuer, kaum dass sie das erste Fünkchen zustande brachten. Zynrae steckte vorsichtshalber ihre eigenen Haare unter die Robe. Heute nicht.

Dann straffte sie ihre Haltung. Jede Spur von Belustigung verschwand aus ihrem Gesicht und machte jener kalten Strenge Platz, die Diskussionen innerhalb der Sorcere für gewöhnlich recht schnell beendete. Dunkle Schatten sammelten sich unter ihren Füßen und waberten unheilbringend über den dunklen Steinboden. Sie würde sich nicht erklären. Und die Situation ebenfalls nicht. Vor allem, weil sie selbst nicht recht gewusst hätte, wie.

Also herrschte sie die Wachen lediglich an, Lyr'sa in die Bibliothek zu bringen. Wenige Augenblicke später hing diese wie ein Sack Mehl über der Schulter eines der Jaluken. Zynrae betrachtete das Bild kurz. Nein. Dazu würde sie ganz sicher nichts sagen. Zumal sie wusste, dass Lyr'sa sich zwar nicht bewegen konnte, aber dennoch alles mitbekam. Auf dem Weg nach oben hielt sie eine der Dienerinnen auf und bat um Tee für sie beide.

Erst als sich die Situation etwas beruhigt hatte und der warme Duft des Tees die Bibliothek erfüllte, trat Zynrae zu Lyr'sa, die inzwischen auf einen der Stühle gesetzt worden war. Dunkle Schatten glitten von ihren Fingern über deren Körper und drangen für einen Moment in sie ein. Die Starre löste sich.

„Du hast ein verfluchtes Glück, dass ich dich zuerst gefunden habe und der Faeruk gerade auf einer Expedition ist.“

Die Verärgerung stand ihr noch deutlich ins Gesicht geschrieben. Doch genauso schnell, wie sie gekommen war, wurde sie von Neugier verdrängt. Zynrae musterte Lyr'sa.

„Was wolltest du überhaupt hier?“

Dann griff sie nach einer der Tassen, hielt sie ihr hin und hob leicht eine Augenbraue.

„Tee?“

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