Jhea’kryna Ky’Alur führte den Zug durch die Tunnel des Underdark. Die tiefen Tunnel kannten ihre Schritte, kannten das Gewicht ihrer Entscheidungen. Der Stein war alt, feucht, stellenweise glatt wie polierter Knochen, und die Dunkelheit war so vollkommen, dass es schien sie würde selbst Geräusche verschlucken. Es war derselbe Pfad, den sie einst genommen hatten, als Elashinn hinter ihnen zerbrach und die Wesen aus Schatten begannen, die Stadt zu beanspruchen. Damals hatte das Underdark sie ausgespien und nach Moonglow geführt. Nun nahm es sie wieder auf.
Der Zug bewegte sich diszipliniert. Kein Flüstern, keine unnötigen Gesten. Lichtquellen wurden abgeschirmt, Schritte bewusst gesetzt. Die Luft veränderte sich nach wenigen Stunden, wurde schwerer, angereichert mit feinem Staub.
An einem alten Spalt kamen sie zum Halt. Die Brücke, die ihn einst überspannt hatte, war teilweise eingestürzt, der Rand ausgefranst, der Stein darunter von etwas Lebendigem überzogen. Bewegung regte sich im Dunkel unter ihnen, träge und lauernd. Seile wurden gespannt, das Gewicht verteilt. Einer der Wächter rutschte aus, der Aufprall seines Stiefels hallte zu laut. Aus der Tiefe schossen Gliedmaßen hervor, formlose Arme oder Tentakel, schnell genug, um einen Schild zu packen und ihn in die Dunkelheit zu reißen. Stahl blitzte auf, Feuer folgte. Das Wesen zog sich zurück, verwundet, aber nicht tot.
Der letzte Widerstand wartete kurz vor dem Ziel.
Ein Nest, alt und wachsam, angezogen von der schieren Anzahl der Seelen, die sich näherten. Die Kreaturen hatten zu viele Augen, die sich unabhängig voneinander bewegten, und Körper, die mehr ahnten als verstanden werden konnten. Der Kampf war kurz und roh. Keine Rituale, keine Eleganz. Nur das Wissen, dass jedes Zögern den Weg versperren konnte. Als Stille einkehrte, roch der Tunnel nach Blut und kaltem Stein, und der Zug setzte sich wieder in Bewegung, ohne zurückzublicken.
Dann öffnete sich der Gang.
Das Gestein wurde regelmäßiger, bearbeitet, vertraut in seiner Struktur. Elashinn lag vor ihnen. Die Hallen erhoben sich, die Säulen standen, die Wege folgten den Mustern, die Jhea’kryna kannte. Und doch war es nicht die Stadt, die sie in Erinnerung trug. Die Luft war leichter, weniger gesättigt von Geschichte. Farben wirkten gedämpft und zugleich fremd, als hätten sie nie gelernt, was sie einmal bedeutet hatten. Etwas fehlte. Etwas anderes war zu viel.
Jhea’kryna trat vor, um die Stadt in sich aufzunehmen, um die Abweichungen zu begreifen. In diesem Moment begann das Kribbeln in ihren Fingern. Es war kein Schmerz, oder das bekannte kribbeln wenn sie einen Zaubver wirkte, sondern ein Nachlassen. Die Haut wurde heller, körnig, als bestünde sie aus feinem Staub. Sie hob die Hand und sah, wie sie sich auflöste, als hätte der Körper entschieden, dass seine Zeit an diesem Ort abgelaufen war.
Sie wollte sprechen.
Ein Befehl, eine Warnung, ein letztes Wort. Doch ihre Stimme erreichte den Raum nicht mehr. Arme und Schultern zerfielen weiter, lautlos, ohne Gewalt. Sie wandte sich um und sah die Gesichter der Drow. Entsetzen lag in manchen Augen, blank und ungeschützt. Andere blickten ehrfürchtig, fast erleichtert, als hätten sie verstanden, was sich hier vollzog.
Der Staub erreichte ihre Brust, ihren Hals. Ihre Sicht begann zu verschwimmen. Elashinn lag noch immer vor ihnen, fremd und doch greifbar. Ihre Sicht trübte sich. Elashinn lag vor ihr, verändert, und Jhea’kryna erkannte, dass ihre Rolle hier beendet war.