Die Unruhe war spürbar im Unterreich. Keine öffensichtliche, sondern ein leises Ändern wie der höhere Adel sich verhielt. Als würden sie etwas entdeckt haben, was keine ausgesprochenen Worte haben durfte. Ein Geheimnis welches man für sich behalten musste.
Auch er spürte diese Zersetzung. Was aussen nicht sichtbar war, verursachte im Schattenreich einen leisen Orkan, der alles kahl blies. Die Schatten ordneten sich neu, wie Efeu der Errinnerungen, das abgerissen wurde und sich erneut hochwindet und verknotet. Die Geistgestalten schrien wortlos im Ton eines nächtlichen Echos und standen für Tage in verzerrten Staturen da. Oder sie zerfielen wie ein Windhauch auf trockene Asche. Stück für Stück.
Das Schattenreich war nie ein Ort gewesen, den man betrat und einen sicheren Schritt gehen konnte. Doch die Dissonanz, das triebige kriechen der Schatten machten eines klar: Es war gefährlicher geworden.
Tyl’ggrir wurde abberufen. Aus Notwendigkeit, sagte man ihm.
Wie immer.
Zurückzugehen an die Oberfläche, für die er nur noch Abstoss empfand. Er kehrte nicht zurück, weil er es wollte.
Er kehrte zurück, auf einen Befehl. Weil er früher schon dort war. Sich auskenne. Als Spion und Attentäter, als Klinge und Berichterstatter, was auf der Oberfläche los war. Ein geeignetes Vehikel.
Und ein Mann. Selbst in seinem Rang als Veldruk nur so wertvoll wie das Ergebnis, dass er zu berichten hat.
Elashinn.
Ein Ort der für ihn keinen Namen mehr trug. Nur Narben. Seine Ankunft blieb geheim, als er aus den Schatten hervorkam.
Ein gewohntes Spiel, dass er schon tausende Male vollzog. Doch seit einer Ewigkeit nicht mehr hier. Es war vertraut und doch so fremd zugleich.
Die Ruinen waren weg. Wo einst sein Haus Zauviir gestanden hatte, erhob sich nun Ky’Alur.
Neu. Kalt. Selbstsicher.
Eine offene Rückkehr wäre Selbstmord gewesen. Oder schlimmer: Säuberung.
Sein Haus war zerstört worden, während er im Unterreich war.
Er hatte nicht getrauert. Es ist lange her. Es bedeutete ihm nichts mehr. Nicht aus Vergessen. Aus Klarheit. Häuser vergehen wenn sie schwach werden. Nutzen bleibt.
Ky’Alur herrschte jetzt.
Die Zerstörer seines Hauses trugen nun alleine Titel, Gefolge und Macht.
Es war also wichtig, verborgen zu bleiben. Sein alter Name wäre eine Trophäe, so lange er keine Absicherungen hat. Ein frischer Beweis vergangener Siege.
Er blieb also im Verborgenen. Lauschte, beobachtete, lernte die neuen Wege, die alten Schwächen.
Das Schattenreich war hier dünn, zerrissen vom Einschlag – ideal für jemanden wie ihn um wieder unterzutauchen. Denn für die Region war er nur ein Relikt, ein verlorener Krieg. Genau das machte ihn unsichtbar.
Tyl’ggrir bewegte sich vorsichtig, liess seine Präsenz klein werden. Er würde sich unterschleichen.
Vielleicht eines Tages darbieten.
Aber nicht jetzt.
Der Auftrag war die Oberfläche.
Und sein Herz pochte. Erfreut darauf zu sehen, dass sie genau so zerstört ist, wie das Abbild das sie im Schattenreich hinterliess.
So wäre es viel einfacher und er könnte bald wieder zurück.
Es war Neumond.
Verflucht ...!