Der Aufstieg zur oberen Festung war im ersten Licht des Morgens beinahe gespenstisch still gewesen, sehr ungewöhnlich,
haben sich normalerweise die Wege der Boten und Soldaten über die Nacht hinweg gekreuzt.
Noch bevor die Hafenstadt, samt dem restlichen Armeepersonal, gänzlich erwacht war, hatte sich Paranax von zweiter Ebene am Berg und
der dort befindlichen Taverne „Hammerschlag“ getrennt und die breite Steintreppe nach oben zur Garnisonsführung genommen.
Die Kälte der Nacht hing leicht zwischen den Mauern, einige Nebelfetzen klammerten sich noch an den Zinnen und Wehrgängen,
und unter seinen pechschwarzen Plattenbeinen hallten die Schritte klarer und einsamer,
als sie es im geschäftigen Lärm des Alltages einer Garnisonsstadt je vermocht hätten.
Hier oben roch es nicht mehr nach dem Bier und Rauch, welcher aus der Taverne drang,
sondern mehr nach einer Mischung aus kaltem, nassem Gestein und leicht vermodertem Holz.
Die Gerüchte in letzter Zeit waren ihm bis am Vorabend nicht nur einmal begegnet, es wurde von Tag zu Tag mehr.
Auch in der Hauptstadt, Düsterhafen, hatte man schon vermehrt von Leuten gehört,
die hinter vorgehaltener Hand über irgendwelche „Schattenwesen“ sprechen.
In Cove murmelten gelegentlich Soldaten, meist Patrouillen, von Dingen ohne eine klare Gestalt. Kreaturen oder Wesen,
die wie durchscheinende Schatten wirkten, jedoch Fleisch zerschnitten wie der geübte Kasen vom Hafen.
Wesen, die ihre Opfer nicht fraßen, sondern nur sezierten, vielleicht sogar begutachteten.
Auch über schwarze Verfärbungen an Knochen, Fleisch und Hautgewebe wurde geflüstert, doch viel Glauben schenkte man all dem nicht.
Das Beunruhigende daran war weniger die Lautstärke der Gerüchte, von denen die sie erzählten,
denn wirklich offen sprach kaum jemand darüber, sondern viel mehr ihre ständige Wiederkehr.
Es schien ein Muster anzunehmen, weshalb Paranax sich überhaupt erst auf den Weg zum Garnisonskommandanten aufmachte.
Die beiden Wachen von der Frühschicht vor dem Hauptquartier richteten sich auf, als sie seine Schritte auf der steinernen Treppe vernahmen.
Instinktiv wollten sie ihn überprüfen, wie es ihre Pflicht war, doch sein ruhiger, unbeirrbarer Blick und selbstverständliche Haltung, ließen kaum einen Zweifel daran,
dass er nicht hier hoch gekommen war, um von den beiden aufgehalten zu werden.
Als er die oberste Stufe erreichte und die Morgensonne sein Antlitz klar zeichnete, war von der Seite ein gedämpftes Murmeln zu hören, ein leises flüstern:
„He Ulbrecht, ist das nich einer von diesen Kriegern,
die sich da auf den Aushang von Ludewig Bildesbach gemeldet haben?“,
die andere Wache musterte ihn etwas genauer und erwiderte ebenfalls flüsternd:
„Ja, an den kann ich mich sogar noch genau erinnern, ich wurde nämlich von dem Gruppenkommandant da unten am Wall,
nach hier oben in die Kälte versetzt. Und das nur weil der eine miese Laune hatte, nachdem ich jeden reingelassen habe.
War doch nicht an mir zu entscheiden wer reindarf und er wer nicht!“ mit geballter Faust schüttelte der Soldat den Kopf.
Oben angekommen, ging er direkt zu den beiden Wachen, nickte den beiden grüßend zu,
verkündete dabei seinen Namen gefolgt von der Bitte den Kommandanten zu sprechen, bevor sein Alltagsgeschäft begann.
Einer der beiden Soldaten, verschwand hinter ihm durch das Tor ehe er nach ein paar Minuten wieder rauskam und
mit der rechten Hand eine einladende Geste in Richtung des Tores machte.
Der Garnisonskommandant erwartete ihn in einem schlichten, für einen Kommandanten zweckmäßig, großen Raum,
gefüllt mit Karten von Cove und dem Umland an den Wänden. Eine besonders große Karte des Reiches samt Umgebung,
lag auf einem riesigen Eichentisch in der Mitte, darauf diverse kleine, unterschiedlich gefärbte Holzfiguren auf markierten Patrouillenrouten,
unterschiedlichsten Versorgungslinien und bekannte Gefahrenpunkten im Reich und auf der See vor Cove. Darauf verteilt lagen einige Berichte, teils geöffnet und noch teils versiegelt.
Der Kommandant trat einen Schritt näher, musterte ihn von Kopf bis Fuß, verschränkte die Hände hinter seinem Rücken und sprach ruhig:
„Ah, ihr seid es also… dieser Paranax, ja? Zu Gesicht bekommen habe ich Euch bislang noch nicht,
doch der Name fiel bereits nach Eurer Beteiligung beim Ausheben dieser Schmugglerbande vor kurzem.“
Ein knappes und anerkennendes Nicken in seine Richtung.
„Saubere Arbeit, doch nun interessiert mich, was euch früh am Morgen zu mir führt, macht schnell, ich habe zu tun.“
eine ungeduldige Geste der Hand folgte, das er doch beginnen möge.
Paranax trat etwas näher an den Tisch heran, stützte seine linke, mit Gold geschmückte Hand,
darauf ab und ließ den Blick über die Karte vor sich wandern.
„Morgen Kommandant, ich möchte euch nicht lange aufhalten und euch sagen,
das ich durchaus gute Beziehungen und Ohren in diversen Städten des Landes besitze...“
seine rechte glitt dabei flach über die Karte, als ob er versuchte sie Glatt zu streifen
„…und obwohl ich euch nicht unbedingt mit Gerüchten eure kostbare Zeit stehlen möchte,
sind die Übereinstimmungen aus so gut wie allen Windrichtungen besorgniserregend“, sprach er dabei ruhig.
Er schilderte ihm daraufhin, was er gehört hatte. Von den Wesen, die sich scheinbar wie Schatten bewegten,
unterschiedlichste Lebewesen verfolgten und dann plötzlich wieder in der Luft auflösten. Von mehrfach geteilten Tierkadavern mit schwarzen Verfärbungen.
Einer angeblich unbekannten Person, welche mit abgetrennten Armen, aufgeschnittenem Torso und übersäht von diesen schwarzen Flecken,
nicht unweit angeschwemmt wurde. Es waren keine überstürzten Ausführungen, nichtmal ein dramatischer Unterton, damit es sich besser anhören würde.
Lediglich klare Beobachtungen aus dem Land, präzise vorgetragen und gedanklich geordnet.
Der Kommandant ließ ihn ausreden, ohne ihn dabei zu unterbrechen. Sein Gesicht blieb die ganze Zeit über unbewegt,
doch je länger Paranax sprach, desto deutlicher war eine Änderung der Mimik zu erkennen, ganz leicht konnte man das Heben einer Augenbraue erkennen.
Als dann schließlich Stille in den Raum einkehrte, strich der Kommandant langsam mit seinem Zeigefinger über den Kartenrand auf dem Tish.
So als müsse er seine Gedanken erstmal ordnen, ehe er im kühl entgegnete:
„Schatten ohne Konturen, Tierkadaver und Schwarze Verfärbungen an und im Fleisch?“ ein Hauch von Ungeduld begleiteten seine Worte.
„Ihr schildert mir Dinge, die mehr nach Lagerfeuergeschichten, zu späterer Stunde klingen. Cove ist eine Garnisonsstadt und Handelspunkt.
Meine Männer sichern die Handelswege, überwachen das Gebirge und halten die Ordnung in einer Region, die ohnehin schon genug Unruhe kennt.“
Sein Blick wurde dann härter.
„Ich kann es mir im Moment nicht leisten, Soldaten wegen vager Gerüchte einiger Bauern von ihren Posten abzuziehen und dem nachzugehen.
Wenn es handfeste Beweise gibt, dann bringt sie mir. Bis dahin sind es nur Geschichten und für so etwas habe ich im Moment weder Männer noch Zeit.“
Mit Daumen und Mittelfinger setzte er einen kurzen, scharfen, aber durchdringenden Pfiff ab, der durch den Raum bis auf den Korridor schnitt.
Noch während das Echo an den Steinwänden verklang, wandte er sich halb von ihm ab, eine unmissverständliche Geste, dass für ihn scheinbar alles gesagt war.
„Cove steht bereits genügend unter Druck. Ich werde gewiss nicht beginnen, Schatten hinterherzujagen.“
Kopfschüttelnd murmelte er die letzten Worte mehr zu sich selbst als zu seinem Besucher,ehe er sich wieder seinen Berichten zuwandte.
Daraufhin öffnete sich die Tür zum Korridor davor, eine Wache trat sichtbar in Position.
Paranax blieb nachdenklich noch einen Moment stehen. Es gab keinen Widerspruch,
auch kein aufbrausendes Wort, nichts. Nur ein etwas längerer, prüfender Blick auf den Mann,
der lieber auf seine Karten starrte als auf das, was sich offensichtlich jenseits ihrer Ränder regte.
Dann drehte er sich um und verließ das Gebäude des Kommandanten.
Draußen empfing ihn bereits ein klarer Morgen. Die Sonne stand nun hoch genug, um ihn,
mit seinen polierten Plattenbeinen und dem goldenem Schmuck, in ein helles Licht zu tauchen.
Er bewegte sich vor zur Brüstung neben der gewaltigen Steintreppe und stütze sich nachdenklich mit beiden Händen ab,
ließ den Blick von der See,über die Wälder bis rein zu den Dächern und Stufen von Cove schweifen.
Im Augenwinkel bemerkte er Bewegung und als sein Blick sich dorthin wandte, erblickte er einen offensichtlich sehr gut trainierten,
beinahe schon auffällig gut aussehenden Mann, der die letzten Stufen zur Festung heraufkam.
Für einen kurzen Moment fragte er sich, ob ihm die Morgensonne einen Streich spielte, dann trafen sich die Blicke der beiden.